Magdeburg l Als die Bundespolizisten den Computer des Rechtsterroristen Stephan B. kurz nach dem Anschlag am 9. Oktober 2019 in seinem Zimmer in Benndorf (Mansfeld-Südharz) sicherstellen wollten, lief bereits seit mehreren Stunden ein von ihm gestartetes Löschprogramm. Dieses sollte mindestens 35-fach die vorhandenen Daten auf seinem Computer überschreiben.

 „13 Prozent waren da schon gelöscht“, sagt ein Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA) am Mittwoch zum siebenten Prozesstag im Magdeburger Landgericht. Der mit der Auswertung der Internetaktivitäten des 28-Jährigen beauftragte Beamte gehörte zur Sonder-Ermittlungsgruppe „Concordia“. Nach Aussagen von Oberstaatsanwalt Stefan Schmidt von der Bundesanwaltschaft gehörten ihr zeitweise bis zu 270 Beamte an.

Zumindest in den sogenannten Back-up-Dateien (Sicherungskopien, die der Rechner automatisch anlegt) fanden die Polizisten trotz Löschungen neben dem „Manifest“ des Attentäters auch eine Dokumentation samt Selbstinterview und die Pläne, die der Angeklagte ins Internet hochlud. Mehrfach gespeichert auf verschiedenen Datenträgern waren nach Aussagen der Ermittler auch Tausende kleine Videos und Comic-Bilder mit gewaltverherrlichendem, antisemitischem, rassistischem oder homophobem Inhalt. In den Dateien befinden sich aber auch Pamphlets mit wüsten Beschimpfungen und Hasstiraden auf Juden. Auch, wie er diese töten wollte, ist im Detail festgehalten.

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Die Auswertungsexperten des BKA entdeckten aber auch einen verschlüsselten Datei-Container, der bisher nicht geöffnet werden konnte. Sogar Europol sei für die Computer-auswertung mit einbezogen worden, sagte der Zeuge. Die Behörde hilft den nationalen Strafverfolgungsbehörden bei der Bekämpfung von schwerer internationaler Kriminalität und Terrorismus. Doch die Entschlüsselung blieb bisher ohne Erfolg.

Die Funde der Ermittler auf den restlichen Datenträgern, vor allem dem im Mietwagen sichergestellten Laptop, untermauern eines: Der Rechtsterrorist hat sich im Internet radikalisiert. So fanden die Ermittler nach Aussagen der Auswerter auch Spuren, die zu sogenannten Imageboards (eine Art Internetforum, bei dem anonym Bilder und Texte ausgetauscht werden können) führen. Das Problem: Der Internetbetreiber löscht standardmäßig alle 14 Tage die geführten Unterhaltungen.

 Außerdem bleiben die Nutzer weitgehend anonym. Für drei dieser von Stephan B. aufgesuchten Imageboards fanden die Polizisten Spuren auf seinen Rechnern. Die Foren gelten vor allem bei rechtsextremen Verschwörungstheoretikern, Antisemiten und gewaltaffinen Nutzern als Tummelplatz. Der Inhalt der Gespräche ist unbekannt geblieben. Daran übten mehrere Nebenklage-Anwälte Kritik. Das BKA erwecke den Eindruck „eines humpelnden Patienten, der der Zeit hinterherläuft“. Auch Reaktionen der Online-Gemeinschaft zum Anschlag seien nie untersucht worden.

Eine BKA-Mitarbeiterin, die sich mit dem Internetverhalten des Angeklagten beschäftigte, sagte aus, dass Stephan B. mit insgesamt 44 Spielen Hunderte Stunden in den vergangenen Jahren verbracht habe. Darunter waren Spiele wie Counter Strike, Ego-Shooter und ein Waffensimulator, in dem die Nutzer virtuelle Pistolen auseinander- und wieder zusammenbauen können. Ermittelt werden konnte auch eine „Freundesliste“ des Angeklagten bei seinen Spielen. „Die stammte aber aus den Jahren 2014 und 2015“, so die Ermittlerin. Die Angaben kamen von den Betreibern. Sie selbst räumte als Expertin ein, noch nie solch ein legales Online-Spiel gespielt zu haben.

Der Prozess gegen den Attentäter von Halle wird am Dienstag mit der Vernehmung von Zeugen des Tatgeschehens an der Synagoge fortgesetzt.

Weitere Einzelheiten zum siebten Prozesstag erfahren Sie in diesem Video von Videoredakteurin Samantha Günther. In dem sich Zuschauer und Volksstimme-Gerichtsreporter Matthias Fricke äußern.