Werben l Niedrig, krumm und ein bisschen düster ist der Gang, der den Besucher hinter der Haustüre erwartet. Am Ende des Flures winkt ein Mann mit jungenhaftem Gesicht, bittet den Besucher in die Stube und präsentiert den Herd, in dem das Holz knackt: „Ich bin so froh, jetzt hab ich einen Küchenofen und damit kann ich kochen und krieg auch meine Stube warm“, berichtet er und seine Stimme verrät pure Begeisterung. Fast schaut er auf das eiserne Öfchen wie auf einen Altar.

Schnell wird klar: Vieles, was andernorts und für andere selbstverständlich ist, das ist für Jochen Großmann, wenn er in seinem Werbener Häuschen wohnt und werkelt, eine echte Errungenschaft. Noch hat er in seinem Haus kein richtiges Bad, auch andere moderne Annehmlichkeiten fehlen, aber darauf kommt es Großmann auch nicht in erster Linie an.

Doch warum kauft ein Berliner Sänger und Professor, der an der Universität der Künste (UdK) arbeitet, ein halb verfallenes Haus in Werben, einer Stadt, die von so manchen schon fast aufgegeben wurde und die an einem grauen Wintertag einen recht tristen Eindruck bei Besuchern hinterlassen kann? Nun, so erzählt Großmann, er sei quasi mitgeschleppt worden – von einem Kollegen aus der Hochschule: Stefan Lietz, der an der Universität der Künste Pianisten ausbildet, hatte zusammen mit seiner Frau Astrid schon einige Jahre zuvor ein Haus gegenüber von St. Johannis gekauft und Stück für Stück saniert.

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An der UdK verbringen Großmann und Lietz oft zusammen ihre Pausen und dabei hörte Großmann immer wieder von Werben. „Und irgendwann bin ich dann mal hingefahren, ich war neugierig – wollte mich aber zugleich irgendwie nur versichern, dass Stefan maßlos übertreibt, was die riesige Kirche und das wunderschöne Städtchen angeht.“

Kirchenmusiker kann Glück kaum fassen

Schnell stellte Jochen Großmann fest: Sein Kollege hatte nicht übertrieben, die Kirche faszinierte ihn und mehr noch die barocke Orgel. Er, der nicht nur Gesang, sondern zusätzlich Kirchenmusik studiert hatte, konnte es kaum fassen: Ein solch wertvolles Instrument, seit Jahrzehnten unbenutzt, kaputt und im Dornröschenschlaf? Und gleich neben der Kirche sah er nicht nur das mittlerweile hübsch hergerichtete Haus der Lietzens, sondern viele Häuser, die auf ihren Prinzen warten.

Und nach einiger Zeit passierte, was in Werben in so einem Falle fast immer passiert: Werner Eifrig vom „Arbeitskreis Werbener Altstadt“, der sich um die Rettung der alten Häuser der Hansestadt bemüht, machte mit dem Professor aus Berlin eine Tour durch die Fabianstraße und an der Promenade, durch Nordwall und hin zu den Schadewachten. Werner Eifrig weiß, wem in Werben was gehört und wer was damit vor hat – und sagte schließlich in den Schadewachten zu Jochen Großmann: Ja, dieses eine Haus wäre wohl zu haben, den einen alten Teil könnte man erstmal nutzen, ein zweiter ist schon neu gebaut, aber das Innere noch komplett im Rohbau, aber dort wäre quasi alles möglich. Jochen Großmann setzte sich wieder ins Auto, fuhr zurück nach Berlin, ließ sich Zeit – und hatte sich doch bald entschieden.

Seit 2015 ist er nun also Eigentümer des Häuschens nahe der Kirche und fährt, wann immer möglich, für einige Tage an die Elbe. Er freut sich über jeden kleinen Fortschritt, werkelt selbst soweit es geht, wartet gespannt auf die Arbeiten der Handwerker und freut sich auf den Lehmputz an der Wand. „Mit der Investition in so ein Haus erhält man etwas Altes, das Geld ist ja damit nicht weg wie wenn man Reisen machen würde, sondern es ist nur verwandelt“, sagt er.

Restauration ein großer Wunsch

Mit der Arbeit an seinem kleinen Paradies in den Schadewachten erfüllt sich der Professor aber auch einen Wunsch, der wegen seiner Musikerkarriere zu kurz kam: Hätte er nicht Kirchenmusik und Gesang studiert, so berichtet er, wäre er sehr gern Restaurator geworden. „Ich bin in einem Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert aufgewachsen“, erzählt Großmann von seiner Kindheit in Lichtenfels in Oberfranken, „in dem mein Vater aber wirklich alles mit Rigipsplatten begradigt hat. Ich dachte damals schon, dass es doch auch anders gehen muss.“

Aber nicht nur die fränkische Fachwerktradition und der teils rabiate Umgang damit prägten Jochen Großmann; auch die Musik spielte von Kind auf eine entscheidende Rolle, trat er doch als Zehnjähriger in den Windsbacher Knabenchor ein, der 1946 von einem Ehemaligen des Dresdner Kreuzchors gegründet wurde. Und so entschied er sich dafür, zuerst in Bayreuth und später in Berlin Kirchenmusik zu studieren – und noch ein Gesangsstudium an der Hochschule der Künste Berlin anzuschließen, wo er 2010 zum Professor berufen wurde.

Doch alle Abschlüsse sind gar nicht mehr so wichtig, sobald Jochen Großmann nach Werben kommt, denn was hier zählt, sei vor allem die gute Gemeinschaft, sagt er: „Wenn ich mein Auto abgestellt habe, dann dauert es jeweils gar nicht lange, und jemand kommt vorbei. Dann hält man einen Schwatz, verabredet sich zum Abendessen oder auf ein Bier.“ Dass das nicht selbstverständlich ist, das weiß Großmann aus Erzählungen von Bekannten – eine Freundin habe ihr Haus im Brandenburgischen kürzlich wieder verkauft; sie habe in dem Dorf einfach keine Kontakte knüpfen können. In der kleinsten Hansestadt der Welt läuft es anders – auch weil es die Werbener verstanden haben, dass die Zugezogenen Leerstellen füllen können, die die Geschichte seit 1990 nunmal aufgerissen hat. Sie unterstützen neue Hausbesitzer mit Informationen und manchmal auch mit alten Baumaterialien. Und die Neuen geben - jeder auf seine Art – auch etwas zurück.

Werben ist eben nicht Berlin

Bei Jochen Großmann ist das Engagement für sein Teilzeit-Zuhause natürlich ein musikalisches: Seit 2015 fehlte Werbens Gemischtem Chor nach dem Wegzug der Chorleiterin ein beharrlicher Kopf, der es versteht, die Sänger anzuspornen. Werben ist schließlich nicht Berlin oder Hamburg, wo selbst in Laienchören ein Vorsingen nötig ist und in einigen Stimmlagen gar keine neuen Chormitglieder angenommen werden. In der Wische war nirgends jemand mit dem nötigen Wissen und der notwendigen Zeit für die Arbeit als Chorleiter zu finden und so drohte sich der Chor einfach aufzulösen. Und das hätte nicht nur geheißen, dass manches Dorffest ohne Gesangseinlage auskommen muss.

Am größten wäre der Verlust für die Chorsänger selbst: Mit dem Chor wäre für die mehr als 30 Frauen und Männer aus Werben und den umliegenden Orten ein regelmäßiger verbindlicher Termin aus dem Kalender verschwunden; ein fester Zeitpunkt, an dem man sich trifft, um die Kultur vor Ort mitzugestalten. Dabei darf man nicht vergessen: Nicht wenige Chormitglieder haben das Rentenalter erreicht, durch das Singen halten sie ihre Stimme und ihr Zwerchfell fit, lernen Neues und bieten damit auch dem Älterwerden die Stirn. Aber all das funktioniert auf Dauer eben nur, wenn es auch einen Chorleiter gibt.

Keine leichte Entscheidung

2018 schließlich war es der damalige Vereinsvorsitzende des Chors, Werner Jose, der nicht aufhörte, Jochen Großmann die Sache schmackhaft zu machen. Der musste überlegen: Sich fest binden, neben der Arbeit für die Hochschule und seinem eigenen Steckenpferd, dem Engagement für Gregorianische Choräle, mit Konzerten in ganz Deutschland und manchmal auch darüber hinaus? Die Herausforderungen liegen in Werben schließlich ganz anders als in einem professionellen Umfeld. Aber was ist das für ein Signal, wenn der Chor sich auflöst?

Und so kam dann die erlösende Antwort: Ja, er macht‘s! Nicht mehr jeden Montag ist seither Probe, manchmal müssen die Sänger ein ganzes Wochenende in ihre Chorarbeit investieren. „Aber man merkt es schon, dass wir vorwärts kommen“, lobt Großmann seinen Landchor – und das Interesse neuer Mitglieder gibt ihm Recht: Seit der Professor den Chor leitet, haben Sopran und Alt neue und vor allem jüngere Stimmen dazugewonnen.

Werben und der Dornröschenschlaf

Und so konnte Jochen Großmann schon ein Werbener Dornröschen aus dem Schlaf holen. Noch immer schlafend in der St. Johannis-Kirche wartet dagegen die Orgel darauf, wieder klingen zu dürfen. Aber auch für sie hat der Sechzigjährige schon die Ärmel hochgekrempelt: Er stellte dem Gemeindekirchenrat seine Idee vor, das vor rund 100 Jahren umgebaute Instrument wieder in den barocken Originalzustand zurückzuführen. „Und dann haben die einfach gesagt: Machen Sie mal! Das hat mich erstaunt“, berichtet Großmann.

Zur Zeit schreibt er Anträge um Fördermittel, verhandelt mit dem Denkmalamt – kein ganz einfaches Unterfangen, schließlich hatte die Behörde vor einigen Jahren einen Antrag aus der Kirchgemeinde abgelehnt. Freuen würde er sich, wenn 2021 die Restaurierung beginnen könnte – und ein paar Jahre später Werbens Orgel wieder in der Altstadt zu hören sein wird - und zwar für viele hundert Jahre.