Los Angeles l Hinter sich die Colbitzer Brauerei und die Heide, vor sich das „Hollywood Sign“, den berühmten Schriftzug in den Hollywood-Bergen. Um die Ecke die Oscar-Verleihung in der Nacht zum Montag. So könnte man den Bogen in einem Satz beschreiben, den Benjamin Schnau in 32 Lebensjahren gezogen hat. Aber das wäre viel zu einfach.

Wenn Benjamin Schnau morgens ans Fenster seiner kleinen Wohnung im Fashion District von Downtown LA unweit der riesigen Multifunktionsarena Staples Center tritt und auf den wuseligen Verkehr drei Stockwerke tiefer blickt, hat er ein gutes Gefühl: Er ist im Eden der internationalen Filmproduktion – andere sprechen vom Moloch Los Angeles – angekommen. In rund 25 TV- und Filmproduktionen hat er in zwei Jahren seine Spuren hinterlassen. Und der „realistische Träumer“, wie er sich selbst bezeichnet, weiß, dass noch einiges vor ihm liegt.

„Daran war vor mehr als 20 Jahren, als ich in der Theater-AG meiner Schule eine der drei Hexen in Shakespeares Macbeth spielte, noch nicht zu denken“, schmunzelt Schnau. Doch dann hält er inne und überlegt: „Eigentlich wusste ich schon recht früh, dass ich die Schauspielerei zum Beruf machen möchte.“

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Aber wie das im Leben so ist, sei er mit diesem Wunsch bei seinem Vater nicht auf Gegenliebe gestoßen. „Ich habe immer noch seine Worte im Ohr: Mach was Ordentliches!"

Als Klein-Benjamin diese berufsrichtungsweisenden Sätze hörte, war seine „heftig akademische Familie“ schon vom Heide-Dorf Colbitz in den Odenwald, nahe Frankfurt am Main, gezogen.

Nächster Schritt: Nächster Schritt: Bava

Die Leitlinie des Vaters muss für den Schauspieler, der vehement an seiner Karriere bastelt, so deutlich gewesen sein, dass er sich durch die Betriebswirtschaftslehre quälte und sogar den Bachelor machte. Doch dann hielt er sich an einen Wahlspruch, der verdammt nach einem James-Bond-Titel klang: „Du lebst nur einmal!“ Und er meldete sich in der renommierten Kölner Schauspielschule „First Take“ an.

Der nächste Schritt in die Traumwelt waren die Bavaria-Filmstudios. Dort bekam Schnau die Chance, in der TV-Serie „Rosenheim Cops“ sein Gesicht in die Kamera zu halten. Doch dann kam ein großer Einschnitt in seinem Leben. Nach langem Kampf starb seine Mutter an Krebs. „Der Abschied von ihr hat mir gezeigt, wie kurz das Leben sein kann und man in jene Richtung gehen sollte, die einem die innere Stimme zeigt.“

Es zog ihn nach London. Doch dort weht im Schauspiel-geschäft ein anderer Wind. „Ich kannte niemanden. Die ersten zwei Wochen kroch ich in einem heruntergekommenen Hostel unter und sah mich nach einer ordentlichen Bleibe um.“ Aber London ist teuer. „Für ein Zimmer muss man im Schnitt monatlich rund 1300 Euro hinblättern.“

Teures London

Er beschreibt eine Eigenschaft, die ihm schon in London, aber auch später nach seiner Übersiedlung in den Sonnenstaat geholfen hat: „Ich habe meinen Lebensstandard so niedrig wie möglich gehalten. Habe kein verrücktes Leben geführt und nicht mit Geld herumgeworfen.“ Er landet in einer WG in Ost-London. Seine Zimmergenossen sind ein Ukrainer und eine Engländerin. „Das Zimmer war so groß, dass wir drei nicht nebeneinander stehen konnten“, lacht er laut.

Nachts bedient er in Pubs. Nach zwei, drei Stunden Schlaf ist er täglich in Sachen Selbstvermarktung unterwegs, um auf sich aufmerksam zu machen. Er läuft von einer Agentur zur anderen, bewirbt sich für Praktika, entwickelt eigene Szenen, die er filmt, um den Produktionsfirmen spezielle Charaktere darzustellen. „Du musst einfach erfinderisch sein. London ist kreativ, ja, aber ein hartes Business.“

Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Der so heiß ersehnte Anruf kommt. Schnau dreht einen Werbespot, einen internationalen für Amazon. „Es war, als ob sich eine Tür öffnet“, denkt er zurück. Es folgen kleine Rollen.

Deutsche sollen Nazis spielen

Der Sender National Geographic wird auf ihn aufmerksam und castet ihn als Wehrmachtsgeneral Jupp Klein für die populäre TV-Serie „Nazi Megastructures“. Seine erste Hauptrolle.

„Deutsche spielen Deutsche“, sagt er. Meistens im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Das war bei den Briten so und ist in LA nicht anders. Sein kantiges Gesicht mit der stark ausgeprägten Nase scheint ihn auf diese Art Typen festzulegen.

Nach vier Jahren an der Themse, da ist er 30 Jahre alt, überquert er den großen Teich. Ben (das -jamin ist in LA überflüssig) läuft die Treppe hinunter. Unten im Haus gibt es trinkbaren Kaffee. Dann sprintet er zurück in die Wohnung, die er sich mit einem Modedesigner teilt – und ran an den Computer. „Ich tummele mich auf zwei Webseiten, die der Einstieg für Rollen sein können“, sagt der 32-Jährige.

Eminem verhilft zum Durchbruch

Einen wichtigen Schritt, um überhaupt berücksichtigt zu werden, ist er bereits gegangen. „Das Hollywood-System ist sehr speziell. Um ins Geschäft zu kommen, muss man in der Schauspiel-Union, also der Gewerkschaft, sein. Aber aufgenommen wird man nur,  wenn man etwas vorweisen kann.“ Bei ihm sei das ein Rapper-Video mit Eminem gewesen, an dem er mitgewirkt habe. „Ich bin da für den Blockbuster-Hit „Venom“ fünf Sekunden als weißer Rapper durchs Bild gehampelt. Das war meine Eintrittkarte.“

Sein Manko in LA sei seine „Ungeduld. Hier ist man unverbindlich, mehr Larifari. Wenn jemand sagt: Das machen wir, heißt das nicht morgen oder übermorgen – das kann dauern.“ Das meiste sei nicht planbar. „Gerade zwischen Januar und April sollte man allerdings rund um die Uhr erreichbar sein. Während dieser Zeit sind die Produktionsfirmen auf der Suche nach Besetzungen für die Pilotfilme neuer Serien auf Netflix, Amazon Prime oder einen der vielen TV-Sender. Ein zweites Mal ruft aber keiner an.“

„Mir liegen zweispältige Charaktere“, sagt Schnau, „am liebsten in einem Thriller.“ Und er glaubt fest daran, dass das Jahr 2019 ein erfolgreiches für ihn werden wird. „Ich schaffe es bestimmt in eine TV-Serie.“ Das Thema sei ihm egal. Man müsse nur zur richtigen zeit am richtigen Ort sein. „Es wäre nicht das erste Mal, dass man an einer Starbucks-Theke mit jemandem ins Gespräch kommt und es stellt sich heraus, dass er ein Produzent ist, der gerade auf dich gewartet hat.“

Familie in der Börde

Und Sachsen-Anhalt nur noch unter ferner liefen? Schnau schüttelt den Kopf. „Ich habe noch viel Familie in der Börde. Meine 82 Jahre alte Oma Adele lebt in Colbitz und wird von meiner Tante Sylvia betreut. Mein Opa Jürgen Manfred Werner Schnau lebt in Magdeburg, mein Onkel Erik in Niederndodeleben. Ende des Jahres fliege ich garantiert für ein paar Wochen nach Deutschland.“