Halberstadt l Sie schreien, müssen gefüttert, gewickelt und beruhigt werden wie echte Neugeborene. „Es fühlt sich sogar wie ein echtes Baby an“, sagt Schüler Kevin Kokott. Was Größe (53 Zentimeter) und Gewicht (3500 Gramm) angeht, stehen die RealCare-Baby-Simulatoren aus den Vereinigten Staaten lebendigen Babys ebenfalls in nichts nach.

Fast 24 Stunden lang übten Kevin Kokott und seine Mitschüler der Klassen 9a und 9b der Albert-Schweitzer-Schule das Elternsein. In Dreier- oder Vierergruppen haben die Schüler jeweils ein Baby betreut. Dabei übernahmen sie unterschiedliche Rollen wie die der Mutter, des Vaters, des großen Bruders oder der Oma.

In der Schulzeit waren sie gemeinsam für das Baby zuständig. Schulsozialarbeiterin Manuela Knigge und drei ihrer Kolleginnen simulierten für die Schüler verschiedene Termine. Unter anderem stand ein Besuch bei der Hebamme an, die von Frau Knigge gemimt wurde. Außerdem sollten die Schüler einmal erleben, wie ein Termin beim Kinderazt, beim Jugendamt und beim Arbeitsamt ablaufen könnte. „Die Absprache, wer welchen Termin wahrnimmt, war unter den Schülern teilweise ein bisschen schwierig“, sagt Manuela Knigge.

Zusätzlich wurde gemeinsam gekocht, um den Jungen und Mädchen den Alltag mit Kind näher zu bringen, erklärt die Schulsozialarbeiterin weiter.

Die richtige Herausforderung begann allerdings erst nach Ende der letzten Schulstunde. Aus jeder Gruppe wurde ein Schüler oder eine Schülerin dazu verpflichtet, den Babysimulator mit nach Hause zu nehmen.

So auch Kevin Kokott. Der 15-Jährige musste allerdings erst überzeugt werden. „Letztendlich ist er aber voll und ganz in seiner Vaterrolle aufgegangen“, sagt Manuela Knigge mit einem Lächeln.

Glücklicherweise wurde Kevin von der Schule mit dem Auto abgeholt und musste mit dem Baby weder nach Hause laufen noch mit öffentlichen Verlehrsmitteln fahren.

So blieb ihm die Erfahrung seiner Mitschülerin Maja Silz erspart. Für sie verlief der Heimweg nämlich etwas anders als sonst. „Ich wurde ziemlich komisch angeguckt mit dem Baby“, sagt die 14-Jährige. „Es sieht ja nicht jeder gleich, dass das nur eine Puppe und kein echtes Baby ist.“

Zuhause wurde die 14-Jährige von ihrer Patentante und ihrer Stiefschwester unterstützt. Vor allem mitten in der Nacht, als das Baby anfing zu schreien, freute sich Maja über die Hilfe. „Als ich alleine nicht mehr weiter wusste, hat meine Patentante mir Tipps gegeben.“ Trotzdem sei es nervlich aufreibend gewesen.

Das berichtet auch Kevin Kokott. „Ich hätte es mir leichter vorgestellt“, erklärt er. Er habe nachts nicht richtig schlafen können. Der Babysimulator habe ihn ganz schön auf Trab gehalten. „Es war anstrengend“, erzählt Kevin.

Der 15-Jährige möchte auf jeden Fall noch warten, bis er eigene Kinder bekommt. Er könne sich vorstellen, mit 21 oder auch 22 Jahren Vater zu werden.

Eine andere Erfahrung hat Sevim Reinecke gemacht. „Ich konnte sogar fünf Stunden schlafen“, berichtet die 16-Jährige. Für sie sei die Nacht relativ entspannt gewesen. Insgesamt sei ihr der Umgang mit der Babypuppe nicht schwer gefallen. Das zeigt auch die Auswertung von Sevims Gruppe nach dem Elternpraktikum. Sie schnitt mit 94 Prozent am besten von allen ab.

Die Bewertung wurde am Ende des eintägigen Projektes zusammen mit einer Mitarbeiterin des Jugendamtes durchgeführt. Dieses stellte die drei Puppen zur Verfügung.

Jeder Simulator verfügt über einen Computerchip, der über den Tag hinweg alles aufzeichnet: zum Beispiel wann das Baby geschrien hat, wie schnell sich die Schüler um seine Bedürfnisse gekümmert haben oder wann vergessen wurde, das Köpfchen zu unterstützen.

„Das Halten des Köpfchens wurde öfter mal vergessen“, so Manuela Knigge. Die zu den Puppen gehörenden Materialien wie Windeln oder auch ihre Kleidung sind ebenfalls mit Chips ausgestattet.

Für die Zeit außerhalb der Schule hatten Ivonne Kopf, Klassenlehrerin der 9a, und Manuela Knigge eine Rufbereitschaft eingerichtet. Sie wussten auch, wie man die RealCare-Babypuppen im Notfall abschalten kann.

Die Puppen waren darauf programmiert, sich am nächsten Morgen um sechs Uhr automatisch auszuschalten.

Vor und nach dem knapp 24-stündigen Elternpraktikum mussten die Schüler einen Fragebogen ausfüllen. Hier mussten die Jungen und Mädchen Fragen zum Projekt beantworten und angeben, wann sie gerne eigene Kinder bekommen wollen würden.

Im Biologieunterricht wurden die Jugendlichen über die Themen Geburt und Verhütung aufgeklärt. Außerdem lernten sie durch Recherche, wie viel eine Babyerstaustattung kosten kann.

Am Ende des Projektes sind sich alle Schüler einig: Sie wollen noch warten, bis sie eine eigene Familie gründen. „Ich möchte zuerst meine Ausbildung beenden“, sagt Sevim Reinecke und spricht damit auch die Meinung ihrer Mitschüler aus.

Schulsozialarbeiterin Manuela Knigge sowie die Klassenlehrerinnen der Kinder sehen das als Erfolg.

Sie sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Projektes.

„Hoffentlich hält sich die Meinung der Schüler zum Thema Kinder kriegen“, sagt Ivonne Kopf.