Berlin l War je so viel Freude am Brandenburger Tor wie am Abend des 31. Dezembers 1989? Wenige Tage nach Öffnung des Durchlasses strömten Menschen aus Berlin, Deutschland und der Welt zusammen. Ge- nau gezählt hat sie niemand – Schätzungen sprechen von bis zu einer Million Besuchern. Es wurde gelacht, gebechert, gesungen, geböllert. Und gedrängelt, was das Zeug hielt.

Das Jugendprogramm „Elf99“ des DDR-Fernsehens war mit Bühne und Videoleinwänden präsent, auch das West-Berliner Sender Freies Berlin berichtete. Allerlei Bands und Solisten hielten die Menge bei Laune. Völlig aus dem Häuschen gerieten die Leute beim Auftritt des überraschend auftauchenden Stargastes: Plötzlich schmetterte es „Looking for Freedom“ – David Haseloff tanzte mit dem Mikrofon an der Mauer. Sein Song erschallte im Playback, damit alle etwas davon hatten.

DDR-Fahne eingeholt und zerschnitten

Gegen 22 Uhr jedoch nahm das Unglück seinen Lauf. Zunächst erklomm ein Mutiger das 26 m hohe Tor. Ihm folgten weitere Wagehalsige. Ein Verantwortlicher der Volkspolizei in Ost-Berlin berichtete später, dass die jungen Draufgänger mit Bergsteiger- ausrüstung angerückt seien: „Also ein typischer Fassadenkletterer war der erste, der das Brandenburger Tor enterte und von oben Seile herab warf und weitere Personen an den Seilen nachstiegen. Wir haben versucht, diese Dinge zu begrenzen, aber wir sind dort leider auch auf ein gehöriges Maß an Unvernunft und an Rücksichtslosigkeit gestoßen.“

Bilder

Die Tor-Kletterer holten die DDR-Flagge ein und zerschnitten sie in Streifen. Sie hissten dafür die bundesdeutsche Fahne und die Europaflagge.

In den nächsten Stunden machten sich immer mehr Feiernde auf den Weg nach oben. Noch einmal der Polizeioffizier: „Das eigentliche Problem resultierte ja dann aus dem unkontrollierten Besteigen der Videowand, über welche viele Personen versuchten, auf das Brandenburger Tor zu gelangen. Nach 0.30 Uhr entwickelte sich hier ein derartig enormer Druck – wir haben ja auf unserer Seite über 150  000 Personen geschätzt und die West-Berliner Kollegen rund 100  000 –, also hier entwickelte sich ein derartiger Druck, der nicht beherrscht wurde.“

Die meisten Kletterer nutzten das Aluminiumgestänge einer „Elf99“-Videowand. Das Material hielt dem Ansturm nicht stand. Gegen 1.40 Uhr brach das Gerüst zusammen, riss die daran entlang hangelnden Kletterer mit nach unten und begrub viele der Umstehenden unter sich.

Die erschreckende Bilanz des deutsch-deutschen Silvesters am Brandenburger Tor ’89: Ein Toter und mindestens 135 Verletzte, viele davon schwer. Das Todesopfer, ein 24-Jähriger aus West-Berlin, wurde am Morgen auf dem Grünstreifen des Boulevards Unter den Linden gefunden.

Nach dem Einsturz des Gerüstes versuchten Rettungskräfte aus beiden Teilen der Stadt, den Verletzten zu helfen. Es war kaum ein Durchkommen. Außerdem lag um das Tor herum ein Teppich aus spitzen Glasscherben, die den Reifen zusetzten. Erst nach Stunden waren Retter und Polizei wieder Herr der Lage. Es gleicht einem Wunder, das von den Dutzenden Angetrunkenen auf dem Dach des Tores niemand in den Tod stürzte.

Lücken im göttlichen Siegerkranz

Zu den menschlichen Leiden kam der materielle Schaden. Die Quadriga, Krönung des 1791 nach Plänen von Carl Gotthard Langhans errichteten Bauwerks, wurde von den ungebeteten Silvestergästen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das von vier Pferden gezogene Gespann mit der Siegesgöttin Victoria soll der Stadt eigentlich Frieden bringen – nun wurde das Kunstwerk ein Opfer roher Gewalt. Die Randalierer hatten Kupferteile und das Geschirr der Pferde abgerissen sowie Metallblätter vom Siegerkranz der Göttin abgebrochen und abgerissen.

Dann wurde weiterer Reparaturbedarf sichtbar. Die Quadriga war 1957 neu gegossen und seither der Wirkung von Wind und Wetter ausgesetzt gewesen. Daher wurde das Kunstwerk von Johann Gottfried Schadow 1990 vom Dach des Brandenburger Tores genommen und bis 1991 wieder hergerichtet, einschließlich Preußen-Adler und Eisernen Kreuzes. Beides war zu DDR-Zeiten unerwünscht gewesen.

Neun Jahre später schwebte die Quadriga am Kran wieder nach unten: Von 2000 bis 2002 wurde im Zuge der Gesamtsanierung des Brandenburger Tores das Bronze-Gespann nochmals aufgehübscht.