Magdeburg (dpa) l Bei der Suche nach neuen Lehrern sehen sich die Privatschulen in Sachsen-Anhalt zunehmend in der Defensive. Die Konkurrenz mit den öffentlichen Schulen um die teils händeringend gesuchten Pädagogen sei groß, sagte der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Privatschulen Sachsen-Anhalt, Jürgen Banse, der Deutschen Presse-Agentur. Der Lehrermangel sei auch bei den Privatschulen angekommen. "Das Problem wird sich nicht in Luft auflösen, sondern weiter verschärfen", sagte Banse.

Aus Sicht des Verbands auch deshalb, weil das Land für schwer zu besetzende Stellen an öffentlichen Schulen inzwischen Zulagen zahlt – etwa im ländlichen Raum. "An den freien Schulen gibt es solche Zulagen nicht", sagte Banse. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass Privatschullehrer an eine staatliche Schule wechselten, weil sie dort etliche Hundert Euro mehr verdienten. Nach Angaben des Bildungsministeriums konnte mit Hilfe der Zulage zuletzt rund die Hälfte von 80 solcher schwer zu besetzenden Stellen vergeben werden.

Verbeamtung lockt

"Wir merken erste Abwanderungen", sagte die Bildungsdezernentin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Martina Klein. Die Situation spitze sich für die Schulen in Trägerschaft der EKM zu. Das Land sei mit Blick auf Lehrer leer gefegt.

Aus Sicht von Klein und Banse verstärkt auch die Verbeamtung, die das Land Lehrern an staatlichen Schulen bietet, die Ungleichheit bei der Lehrersuche. "Gerade für viele junge Leute ist das ein ganz großes Lockmittel", sagte Banse. Mit der Sicherheit einer Beamtenstelle könnten die Angebote der Privatschulen nicht mithalten. Auch wenn die Brutto-Bezahlung der Beamten häufig gar nicht viel besser sei, profitierten sie doch von zahlreichen Vorteilen, die angestellten Lehrern verwehrt blieben – etwa bei der Altersvorsorge.

Banse sagte deshalb: "Wir wollen gleiche Bedingungen." Wenn das Land nun eine Marketingkampagne plane und alle Referendare gezielt anspreche, müsse man auch die Privatschulen bei der Lehrersuche unterstützen. Benachteiligt sehen sich die Privatschulen zudem auch bei den Einsatzmöglichkeiten der Lehrer. An staatlichen Schulen könnten Lehrer relativ unkompliziert auch für Fächer eingesetzt werden, für die sie ursprünglich nicht ausgebildet wurden – etwa an Grundschulen. Privatschulen werde diese Flexibilität häufig verwehrt.

Privatschulen im Trend

Privatschulen liegen in Sachsen-Anhalt im Trend, die Schülerzahlen steigen seit Jahren. Inzwischen lernt fast jeder zehnte Schüler an einer solchen Schule. Vor sechs Jahren waren es nur 7,7 Prozent. Im aktuellen Schuljahr 2018/2019 besuchen nach Angaben des Ministeriums 18.918 Kinder und Jugendliche eine allgemeinbildende Schule in freier Trägerschaft. An staatlichen Schulen lernen 177.011 Schüler.

Banse führt die Beliebtheit vor allem auf die besonderen Konzepte vieler Privatschulen zurück. Zweisprachige Schulen seien zum Beispiel bei vielen Eltern besonders beliebt. Auch beim Thema Inklusion seien Privatschulen häufig besser aufgestellt. Hinzu komme, dass die Klassengrößen bei den Privatschulen in der Regel kleiner seien.

Bildungsminister Marco Tullner (CDU) bezeichnete die Privatschulen als wichtigen Teil der Schullandschaft. Mit ihren eigenen pädagogischen Konzepten ergänzten sie die öffentlichen Schulen. Bei der Suche nach Lehrern gebe es natürlich auch einen Wettbewerb zwischen öffentlichen und freien Schulen. Doch Tullner schränkt ein: "Das Land Sachsen-Anhalt hat sich klar dazu bekannt, in diesem Wettbewerb als fairer Partner unterwegs zu sein." Es gebe zum Beispiel keine Abwerbeversuche einzelner Lehrer von Privatschulen.

Unabhängiges Gutachten

Diskutiert wird auch immer wieder über die finanzielle Unterstützung der Privatschulen durch das Land. Im allgemeinbildenden Bereich flossen dafür im vergangenen Jahr nach Angaben des Ministeriums rund 106 Millionen Euro – mehr als doppelt so viel wie 2010. Wegen der steigenden Schülerzahlen fordert der Verband weitere Unterstützung. Ein unabhängiges Gutachten soll Klarheit bringen, wie hoch der Finanzbedarf tatsächlich ist. Tullner zufolge soll das Papier in einigen Wochen vorliegen.