Volksstimme: Sophie*, wie lange leidest du schon an Depressionen?

Sophie L. :So genau weiß ich das gar nicht. Sehr wahrscheinlich sind die ersten Symptome schon während meiner Jugend aufgetreten. Das liegt ungefähr 20 Jahre zurück.

Was waren die ersten Anzeichen und welche Symptome hast du jetzt noch?

Damals fing es an mit Müdigkeit und Konzentrationsproblemen. Ich habe mich auch immer unwohler in Gegenwart von Menschen gefühlt, besonders auf Feiern, wo ich viele Leute nicht kannte. Ich bekam immer mehr Angst negativ bewertet zu werden und distanzierte mich dann automatisch, beziehungsweise erfand Ausreden.

Ich wollte mich damals nicht mit den Gründen auseinandersetzen und hab es auch oft ausgehalten oder weggelächelt. Ich habe mich auch sehr geschämt für meine Erkrankung, da sie stellenweise dazu geführt hat, dass ich überhaupt keine Energie hatte, nicht einmal zum Duschen oder für einfache Haushaltssachen. Mittlerweile kenne ich aber die Trigger und weiß, dass ich ein starkes Selbstwertproblem habe, gemischt mit einer Sozialphobie, Depressionen und Angststörung.

Auch wenn ich heute weiß woran es liegt, ist es nur bedingt einfacher geworden damit zu leben. Zumindest weiß ich in etwa, wann ich wieder einen Schub bekomme. Bei mir ist das mit einer Migräneaura vergleichbar. Ich ahne, dass sich etwas anbahnt und wenig später bin ich tottraurig und denke über den Sinn meines Lebens nach. Am schlimmsten ist für mich aber der Freudverlust.

Dinge, die mir so viel Spaß gemacht haben, fühlen sich auf einmal nichtig an. Es ist auch schwer aus dem Kreislauf auszubrechen, wenn sich die Gedanken selbstständig machen und negative Szenarien vor dem inneren Auge durchgespielt werden. Depressionen enden oft in einem Teufelskreis.

Wie lang hat es bis zur Diagnose gedauert und welche Therapieform hat für dich funktioniert und welche nicht?

Vor drei Jahren habe ich mich endlich zur Therapie entschieden. Ich bereue es, nicht schon früher gegangen zu sein, aber in den guten Phasen dachte ich immer „Das geht schon" und in den schlechten war selbst das Aufstehen schon zu viel. Ich habe mich damals zur Verhaltenstherapie entschieden, die mir geholfen hat die Ursachen besser zu verstehen.

Es war eine große Überwindung, jedoch hat es mir sehr geholfen einen objektiven Menschen vor mir zu haben, den ich regelmäßig sehe und der einfach die richtigen Fragen stellt. Die Diagnose der depressiven Episoden war relativ schnell klar, wurde in den drei Jahren aber zu „Angst und depressive Störung, gemischt" geändert, womit ich mich auch weitaus besser identifizieren kann. Ich werde aber in jedem Fall noch eine tiefenpsychologische Therapie machen, da meine Ursachen wirklich mehr in der Vergangenheit verwurzelt sind.

Wie hat dein Umfeld auf die Diagnose reagiert?

Glücklicherweise waren die meisten Personen in meinem Umfeld sehr verständnisvoll. Ich habe es anfangs auch kaum jemandem erzählt, da psychische Erkrankungen auch noch oft als Hirngespinste abgetan werden und ich äußerlich nicht den Anschein erwecke, dass es mir schlecht geht.

Zudem habe ich mich geschämt. Letztendlich habe ich aber die Entscheidung getroffen offen damit umzugehen. Auch wenn es anfangs schwer fiel, so treffe ich auf immer mehr Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. Ein Austausch tut so gut, auch wenn es nur darum geht zu sagen „Erzähl mir deine Geschichte, ich höre dir zu.".

Am schwierigsten fand ich es mich das erste mal wegen Depressionen krankschreiben zu lassen. Ich fühlte mich die ersten Tage wie ein Hochstapler, da ich ja nicht physisch krank war.

Zum Glück haben die Leute in meinem Umfeld verstanden, dass es in dem Fall okay ist, wenn man nicht pausenlos das Bett hütet, sondern Dinge tut, die einem neuen Lebensmut geben.

Was ist dein Rat für andere Betroffene?

Einen richtig pauschalen Rat gibt es nicht, da jede Erkrankung in ihrer Ausprägung etwas anders ist und andere Ursachen hat. Es ist ein guter Anfang, wenn man seine Erkrankung oder die aktuellen Gefühle, die man in einer schwierigen Situation hat, akzeptiert.

Zu denken „Das darf so nicht sein, ICH darf so nicht sein!" ist in der Regel wenig zielführend. Was mir sehr geholfen hat, sind Kommunikation und Reflektion. Ich kann meine Gefühle meist nicht lenken, aber ich kann reflektieren, ob sie der Situation angemessen sind oder sich gerade alte Schutzmechanismen melden. Das kommuniziere ich sehr häufig, damit meine Freunde verstehen, wieso ich gerade so reagiere.

Ich lese auch sehr viel und arbeite viele Dinge selbst aus. In jedem Fall ist Aufschreiben ein sehr guter Rat. Und damit meine ich alles, was einem in schweren Situationen gerade im Kopf herum geht. Was fühle ich aktuell? Was macht mich so fertig? Kommt da vielleicht mein inneres Kind zu Wort? Was kann ich tun, um die Situation zu ändern? Und ganz wichtig: Was kann ich tun, damit ich nächstes mal besser auf so etwas vorbereitet bin?

Ich finde auch man kann nie aufhören über sich selbst dazu zu lernen. Zuletzt sollte man meiner Meinung nach auch den Gang zum Therapeuten nicht scheuen.

Wie ist dein Rat für Angehörige?

Ich war selbst schon in der Situation, dass mir jemand anvertraut hat, dass er depressiv ist. Diese Nachricht allein ist in der Regel schon eine unglaubliche Überwindung und man sollte das Thema auch dementsprechend sensibel behandeln.

Wie auch beim Betroffenen finde ich, dass hier Akzeptanz eine wichtige Rolle spielt. Auch wenn man dem Betroffenen wünscht, dass er nicht depressiv ist, sollte man dies nicht mit Ablehnung gegen die Krankheit ausdrücken. Verständnis und Geduld sind hier ganz wichtig. Man sollte denjenigen nicht mit Tipps bombardieren, ihn bedrängen mehr zu erzählen oder gar seine Aussage in Frage stellen.

Auch Vergleiche mit anderen Personen, mit eigenen Erfahrungen oder ein Bezugnehmen auf die doch eigentlich guten Lebensumstände sollte vorher stark überdenken. Ein einfaches „Ich bin für dich da." oder „Ich akzeptiere dich so wie du bist." macht viel aus. Ich schätze im übrigen auch die Menschen, die ehrlich, aber freundlich, sagen können, wenn sie einfach keine Berührungspunkte mit dem Thema haben oder es ihnen Angst macht und sie nicht helfen können.

Von Angehörigen waren es immer die kleinen Dinge, die mir geholfen haben. Ein gemeinsames Projekt mit Freunden, ein kleiner Ausflug, zusammen kochen, eine Umarmung oder ein schlichtes Gespräch und das Gefühl, dass jemand da ist, der sich um mich sorgt.

Wenn du das liest und auch Depressionen hast: Du bist nicht alleine! Wir haben uns das Leben mit Depressionen nicht ausgesucht, aber wir lassen uns davon auch nicht unterkriegen!

Vielen Dank für deine Offenheit! Alles Gute weiterhin.

*Name von der Redaktion geändert