Magdeburg l Die Justiz in Sachsen-Anhalt richtet sich auf mehr Menschen mit einem Lebensalter von „60plus“ auf der Anklagebank und später in der Haft ein. Von einem „bemerkbaren Trend“ spricht auch Klaus Tewes von der Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg.

So stieg der Anteil der Verdächtigen über 60 Jahre nach einer Analyse der Kriminalitätszahlen des Landeskriminalamtes von 5,1 Prozent im Jahr 1998 auf 8,4 Prozent im vergangenen Jahr. Fast neun von hundert Beschuldigten gehören damit zu dieser Generation.

Beschuldigte häufiger zu krank für Haft

Deutlich zeigt sich das auch bei den Gewalttaten. Der Anteil der Tatverdächtigen über 60 Jahre hat sich in dem Bereich sogar verdoppelt, von zwei auf 4,2 Prozent. Bei Betrugsfällen liegt die Quote bei 6,2 Prozent, 1998 noch bei 2,7.

Oberstaatsanwalt Tewes führt die Entwicklung auf die allgemeine demografische Entwicklung in Sachsen-Anhalt zurück. „Schließlich steigt auch bei Staatsanwälten jedes Jahr das Durchschnittsalter“, sagt er. Aktuell liegt es bei 53 Jahren. Die Folgen seien, dass mit zunehmenden Alter die Beschuldigten häufiger krank seien. Man müsse dann manchmal von der Vollstreckung absehen.

Auch die Justizvollzugsanstalten (JVA) im Land stellt dies vor Herausforderungen. So sind in Sachsen-Anhalt 64 von rund 1400 Gefangenen im Alter von über 60 Jahren, elf über 70 Jahre alt. Bei den Sicherungsverwahrten ist jeder dritte in der Generation „60 plus“.

Sechs barrierefreie Zellen

Die Leiterin der JVA Burg, Ulrike Hagemann, sagt zu dem steigenden Altersdurchschnitt in ihrer Haftanstalt: „Wir merken das vor allem an den steigenden gesundheitlichen Problemen.“ So werde die Krankenstation des Langzeitgefängnisses mit 620 Insassen immer häufiger aufgesucht. Es gebe inzwischen auch regelmäßig eine Herz- und Diabetes-Sprechstunde. Man habe auch schon die Idee einer eigenen geriatrischen Abteilung verfolgt. Allerdings wurde der Vorschlag bisher noch von den Häftlingen und Bediensteten abgelehnt.

Angesichts der Entwicklung könnte die Zahl der barrierefreien Zellen im Land zukünftig knapp werden. Aktuell gibt es nur sechs in Burg. Die älteren Gefängnisse in Volkstedt und Halle haben so etwas laut Justizministerium aus baulichen Gründen überhaupt nicht. Immerhin: Der geplante Gefängnis-Neubau in Halle soll drei weitere barrierefreie Hafträume erhalten. „Wir müssen aber noch stärker auf die Entwicklung eingehen“, fordert der Landeschef vom Bund der Strafvollzugsbediensteten in Sachsen-Anhalt. Er sagt auch: „Das Klientel ist viel betreuungsintensiver und bindet Personal."