Badel l Von wegen Idylle, altmärkische Gelassenheit, Plausch übern Gartenzaun oder auf Du und Du mit den Patienten bei Kaffee und Kuchen. Kathrin Stuhec ist in Eile. Sie steht in der Tür des Behandlungszimmers, verabschiedet sich vom Pharmavertreter und schaut auf die Uhr. Es ist kurz nach 15 Uhr. Die Praxis in der 260-Seelen-Gemeinde Badel, einem Ortsteil von Kalbe/Milde, hat gerade erst geöffnet. Obwohl sie unter der Woche täglich für ihre Patienten da ist, herrscht Andrang bei der Anmeldung. Rund ein Dutzend nimmt mit einem Schwung im Wartezimmer Platz. Um überhaupt pünktlich zu sein, musste die „Frau Doktor“ ordentlich Gas geben. Eben noch war sie in Winterfeld, rund acht Kilometer entfernt. Hier hält die 49-jährige Internistin zusätzlich dreimal die Woche Sprechstunden ab.

Walter Schulz würde nur zu gerne den Kittel, den er für das Volksstimme-Foto noch einmal rausgeholt hat, anziehen und helfend unter die Arme greifen. Er weiß nur zu gut, unter welchem Zeitdruck seine Nachfolgerin steht und wie viel Arbeit auf die zierliche Hausärztin wartet.

Landarzt im Ruhestand

Doch der Facharzt für Allgemeinmedizin verbietet sich selbst das Mitanpacken. Der 68-Jährige hat die Praxis an die promovierte Internistin verkauft, ist nicht mehr Herr im Haus. Doch mit der Rolle als „Landarzt im Ruhestand“ fremdelt er noch etwas: „Fühlt sich komisch an, so untätig in der Praxis rumzustehen.“ Kein Wunder: Die Staffelstabübergabe ist gerade mal vier Wochen her.

Bilder

39 Jahre war Schulz Landarzt in Badel – und er war es mit Leib und Seele. 1979 begann der gebürtige Osterburger als Kreisarzt im Landambulatorium. Gleich nach der Wende ließ er sich als Allgemeinmediziner in Badel nieder. 1991 wurde 800 Meter vom schicken Eigenheim entfernt die eigene, 140 Quadratmeter große Praxis gebaut. Ehefrau Dorothea, eine studierte Bauingenieurin, hatte selbst Hand angelegt.

„Ich wollte nie etwas anderes sein als Landarzt“, versichert Schulz, der in Magdeburg studiert hat: „Weil ich das Landleben liebe. Und weil ich immer mein eigener Herr sein und ein Arzt für die ganze Familie sein wollte. Das ist nicht so anonym und man erlebt Entwicklungen über Generationen hinweg mit.“

Einzelkämpfer und Kummerkasten

Dass man als Dorfdoktor ein Einzelkämpfer ist und auch am Wochenende oder spätabends aus dem Bett geklingelt wird – geschenkt. „Das gehört nun mal dazu.“ Ebenso, dass er oft zum „Kummerkasten“ wurde: „Die Jungen ziehen weg aus dem Dorf, die Alten bleiben zurück. Viele vereinsamen regelrecht und brauchen nur mal jemanden zum Reden oder Zuhören.“

Mit der Arbeit vor 40 Jahren habe der heutige Job des Landarztes genausowenig zu tun wie die angesprochene ZDF-Vorabendserie, die den Alltag im weißen Kittel romantisierte, so Schulz. „Das ist kein Zuckerschlecken. 50 bis 60 Stunden die Woche zu arbeiten, war für mich normal. Dazu die vielen Hausbesuche verstreut in der Umgebung und der Papierkram, der immer mehr wurde.“ Zumal sein Einzugsbereich in den letzten Jahren immer größer wurde. Nachdem Kollegen in Fleetmark und Kakerbeck ihre Praxen aus Alters- oder Gesundheitsgründen zugemacht haben, war er zuletzt für bis zu 2000 Patienten zuständig. Um das Pensum zu schaffen, packte die Ehefrau die letzten 15 Jahre in der Praxis mit an.

Der prekären Versorgungslage in der westlichen Altmark war es auch geschuldet, dass der Senior später als geplant seinen Arztkittel an den Nagel hängen und seinen Hobbys (Reisen und Golfen) nachgehen konnte. Fast drei Jahre lang suchte er nach einem Nachfolger: „Trotz bundesweiter Akquise fand sich niemand. Ich konnte meine Patienten doch nicht in Stich lassen ...“ Dass sich Kathrin Stuhec, die er in seiner Not letztlich selbst angesprochen hat, zur Praxisübernahme durchringen konnte, sei ein „Glücksgriff“. Ihr könne er ruhigen Gewissens seine Patienten anvertrauen: „Sie ist eine sehr gute, erfahrene und engagierte Ärztin. Und sie ist eine von hier, das ist auch ganz wichtig.“

9,5 Hausarztstellen im Bereich Salzwedel unbe

Dass allein im Bereich Salzwedel 9,5 Hausarztstellen unbesetzt sind, ist für den Landarzt aus Leidenschaft ein Stich ins Herz. Die vor kurzem angeschobene „Landarztquote“ sei zwar im Ansatz eine gute Idee. Aber er hege mit Blick auf die Altersstruktur auch Zweifel, ob das reicht. „Zeitnah sehe ich keine Entspannung, eher im Gegenteil.“

Aus eigener Erfahrung weiß er allerdings um die Schwierigkeiten, Mediziner für den Job auf dem Land zu begeistern. Zwar fiel der Apfel nicht weit vom Stamm, heißt, beide Töchter haben Medizin studiert. „Aber Hausarzt zu werden und meine Praxis mal übernehmen, das war leider nie ein Thema für sie.“ Beide haben sich in der Großstadt niedergelassen, die eine als Gynäkologin, die andere als Kardiologin.

Aber warum wollen immer weniger junge Fachärzte auf dem Land arbeiten? Schulz zuckt mit der Schulter: „Das Geld kann es nicht sein, wir Landärzte verdienen sehr gut.“ Dann ist es wohl eher der Wunsch nach einer, „wie heißt es doch immer so schön: Work-Life-Balance“, vermutet er. Und nach einer kleinen Denkpause ist für Walter Schulz klar: „Entweder man fühlt sich zum Landarzt berufen, oder nicht. Und fürs Leben auf dem Dorf muss man geboren sein.“

Spagat zwischen Praxis und Freizeit

95 Kilometer südlich, in Oschersleben, hat Ingrid Grüßner ihr berufliches Glück gefunden. Auch sie ist in Eile. Die Mutter von drei Kindern – eineinhalb, 7 und 10 Jahre alt – kann zwar pünktlich die Tür zum Behandlungszimmer abschließen, aber die Pflicht ruft. Die „Große“ muss zur Musikschule kutschiert werden. „Ab und zu komme ich ganz schön ins Schwitzen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen.“ Das gehe auch nur, weil sie als angestellte Allgemeinmedizinerin in einer Gemeinschaftspraxis eine geregelte 40-Stunden-Woche habe, so die 34-Jährige. „Und weil mein Mann den Laden zu Hause schmeißt, während ich arbeite.“

Ingrid Grüßner ist die erste Stipendiatin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt, die im Oktober 2017 ihre Tätigkeit als Hausärztin aufgenommen hat. Das Gros ihrer Patienten ist zwischen 50 und 60 Jahre alt. Und neben den vielen Heimbewohnern kommt gut ein Drittel aus den umliegenden Dörfern. Viele ihrer Patienten kannte sie bereits, denn auch die fünf Jahre Facharzt-Ausbildung erfolgten in Oschersleben. „Ich hatte das Glück, gute, engagierte und überzeugte Allgemeinmediziner als Kollegen und Ausbilder zu haben. Von denen konnte ich viel lernen und sie haben mich darin bestärkt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben“, so die gebürtige Neindorferin.

Sich nach erfolgreichem Abschluss mit eigener Praxis niederzulassen, war kein Thema: „Für mich ist das Modell der Berufsausübungsgemeinschaft genau das Richtige. Als angestellte Hausärztin keine wirtschaftliche Risiken eingehen zu müssen, gibt mir persönliche Sicherheit.“ Außerdem sei sie eher Teamplayer als Einzelkämpfer. „Ich kann hier noch viel lernen und vor allem kann ich meine Kollegen zurate ziehen, wenn ich mir fachlich oder organisatorisch nicht sicher bin. Der Austausch ist wichtig für mich. In einer Einzelpraxis schmort man im eigenen Saft.“

Fragliche Landarztquote

Dass sie sich 2010 für das KV-Stipendium entschieden hat, war auch im Hinblick auf die damit verbundene „Verpflichtung“ kein Problem: „Für mich bedeutete das Stipendium, trotz Kind finanziell unabhängig von meinen Eltern zu sein und auf eigenen Füßen zu stehen.“ Auch die daran geknüpfte Bedingung, später auf dem Land als Hausärztin tätig zu werden, war für sie kein Hindernis: „Ich wusste bereits im Physikum, dass ich Allgemeinmedizinerin werden und in der Heimatregion bleiben will“, so die 34-Jährige, die mit ihrer Familie auf dem Dorf in der Nähe lebt.

Um die Versorgungslücken im Land weiß Grüßner aus eigenem Erleben. „Nach dem Studium sind von meinen Kommilitonen nur jene geblieben, die auch von hier stammten – das war nicht mal die Hälfte.“ Die „Landarztquote“ sei besser, als gar nichts zu tun. „Und für viele, die kein Einser-Abi haben, ist es die einzige Möglichkeit, an ein Medizinstudium zu kommen.“ Aber sich vertraglich verpflichten, Hausarzt zu werden, in Sachsen-Anhalt zu bleiben und für zehn Jahre auf dem Land zu arbeiten – das sei echt happig. „Zwang hat immer einen faden Beigeschmack.“ Und sie wisse auch nicht, ob Studienanfänger mit 18, 19 Jahren schon den Weitblick haben, um die Konsequenzen zu überblicken. „Zehn, zwölf Jahre bis zum Abschluss der Facharztausbildung, das ist eine lange Zeit, da kann viel passieren.“

Zurück im Altmarkdorf Badel. Es ist kurz nach 18 Uhr. In der Praxis von Kathrin Stuhec brennt noch Licht. Es stehen Hausbesuche an. Trotzdem nimmt sich die Ärztin Zeit für ein Gespräch. „Aber nur kurz, bitte.“ Zum Thema Landarztquote befragt, weicht für einen Moment das Lächeln aus ihrem Gesicht: „Ganz ehrlich?! Damit ist uns nicht geholfen.“

Quote greift frühstens 2032

Das Problem sei akut und verschärfe sich in den nächsten Jahren noch. „Die Quote greift, wenn überhaupt, erst im Jahr 2032.“ Zudem betreffe der Mangel auch andere Facharztbereiche. „Die Wahrheit ist, dass sich einfach keiner mehr auf dem Land niederlassen will, weil sich das hohe Arbeitspensum nicht mit dem Familien- und Privatleben vereinbaren lässt.“ Dazu käme das wirtschaftliche Risiko, das die junge Ärztegeneration scheut. „Dann lieber angestellt sein, halbtags arbeiten, und keine Regressdrohungen im Nacken haben.“

Sprach‘s, schaut auf die Uhr und gibt Gas. Der nächste Patient wartet schon ...