Kriminalität

Ermittlern gelingt mit Encro-Chat Blick ins Herz der Drogen-Mafia

Nachdem europäische Fahnder das verschlüsselte Kommunikationssystem „EncroChat“ geknackt haben, klicken auch in Sachsen-Anhalt reihenweise die Handschellen.

Von Von Matthias Fricke
LKA-Sprecher Michael Klocke zeigt sichergestellte Drogen aus einem Encrochat-Verfahren
LKA-Sprecher Michael Klocke zeigt sichergestellte Drogen aus einem Encrochat-Verfahren Foto: P. Frank

Magdeburg - Ein unscheinbares Ehepaar treibt sich am 1. April 2020 auf dem A-2-Parkplatz in Ingersleben (Börde) herum. Der Mann ist 57 Jahre alt, kommt aus Laer bei Steinfurt in Nordrhein-Westfalen, seine Frau ist 38. Doch der harmlose Schein trügt. Beide treffen gleich mit einem Mann namens „Sickfrog“ (kranker Frosch) zusammen und sollen einen „Betrag in unbekannter Höhe“ zur auftragsgemäßen Weitergabe an den „Grauen“ in den Niederlanden entgegennehmen. Dort wiederum werde es eine Drogenlieferung nach Deutschland geben.

Was sich fast nach einem Videospiel anhört, hat sich zumindest aus Sicht der Magdeburger Staatsanwaltschaft in einem aktuellen Drogenverfahren am Magdeburger Landgericht so abgespielt: Roland K. und seine Frau führen den bezeichnenden Nicknamen „jasontransport“ im Kryptomessengerdienst „EncroChat“ und sollen ihre Kommunikation im Wesentlichen darüber abgewickelt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ehepaar 16 Kurierfahrten für den organisierten Drogenhandel vor. Als Tatorte werden Magdeburg, Berlin, Ludwigslust, Halle, Dresden und Cottbus genannt. Teilweise sollen Kokain, Heroin und Methamphetamine bis zu einer Menge von jeweils bis zu 10 Kilogramm transportiert worden sein. Zur Einordnung: Der Straßenverkaufswert für nur ein Gramm Kokain liegt beispielsweise bei etwa 70 bis 90 Euro. Alles in allem also ein Millionen-Geschäft.

Mit rund 34 000 Euro für die 16 Fahrten sollen beide entlohnt worden sein. Nach der letzten Auslieferung im Februar dieses Jahres klickten die Handschellen. Bei der Durchsuchung der Wohnungen fanden die Ermittler zudem eine erlaubnispflichtige Waffe und 50 Patronen Kaliber neun Millimeter.

Das über „EncroChat“ angeblich absolut sicher verschlüsselte Geschäft dürfte das Paar nun viele Jahre hinter Gitter bringen. Im Plädoyer forderte die Anklage am letzten Verhandlungstag sieben Jahre und neun Monate Gefängnis für den Mann – für die Frau ein Jahr und acht Monate. Das Urteil wird am 27. Juli erwartet. Der Drogenboss „Sickfrog“ bleibt vorerst unbekannt. Der Lieferant „lionelmessimessi“ und weitere Abnehmer sollen sich in Kürze verantworten.

Verfahren wie diese stapeln sich aktuell bei der Justiz. Und es dürften in den kommenden Monaten noch mehr werden. Bereits in der letzten Juniwoche ist am Magdeburger Landgericht ein 37-jähriger Sachsen-Anhalter zu neun Jahren und ein 45-jähriger in Bosnien-Herzegowina geborener Mann zu sieben Jahren Haft wegen Drogenhandels im großen Stil verurteilt worden. Die Angeklagten sollen in 24 Fällen mit großen Mengen Marihuana, Haschisch, Ecstasy-Tabletten und Crystal im zweistelligen Kilogrammbereich gehandelt haben.

Auch in Halle haben die Großen Strafkammern inzwischen reichlich mit „EncroChat“-Nutzern und ihren Drogengeschäften zu tun. Nach Angaben von Gerichtssprecher Sebastian Müller sind mindestens sechs Verfahren im Zusammenhang mit den entschlüsselten EncroChat-Daten am Landgericht eingegangen. Es handele sich fast ausschließlich um Drogenkriminalität. In zwei Fällen sind in Halle bereits Urteile gesprochen worden. Die Gesamtfreiheitsstrafen lagen auch hier zwischen fünf und sechs Jahren. Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Oberstaatsanwalt Klaus Tewes von der Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg erklärt, dass allein im Süden des Landes inzwischen mehr als 30 EncroChat-Verfahren von den Staatsanwaltschaften bearbeitet werden. Fast alle dürften angesichts der oft hohen Drogenmengen noch zur Anklage kommen. Er sagt: „ Wir sprechen hier von sehr großen Drogenmengen. Für uns war das Entschlüsseln der Daten ein Stich in das Wespennest. Wir können damit einen Blick in das Herz der organisierten Kriminalität werfen.“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) meinte in der vergangenen Woche bei der Vorstellung der Zwischenbilanz des Bundeskriminalamtes im EncroChat-Komplex sogar: „Wir schreiben gerade Kriminalgeschichte, denn unsere Sicherheitsbehörden haben jetzt den Sprung in die digitale Schattenwelt geschafft.“

Französische und niederländische Ermittler hatten in Zusammenarbeit mit Europol und Eurojust den Datenverkehr von Zehntausenden verschlüsselten EncroChat-Handys aus ganz Europa überwacht. Im April 2020 erhielten die deutschen Behörden die Daten mit deutschem Bezug. Das Bundeskriminalamt stellte eine eigene spezielle Ermittlungsgruppe zusammen. Bundesweit wurden 2250 Ermittlungsverfahren eingeleitet und 750 Haftbefehle vollstreckt. Die Sicherstellungsmengen liegen deutschlandweit im Tonnenbereich.

61 Ermittlungsverfahren in Sachsen-Anhalt

Auch die Landeskriminalämter, wie das in Sachsen-Anhalt, haben zur Auswertung der vorliegenden Daten eine eigene Taskforce gegründet. In Sachsen-Anhalt werden aktuell 61 Ermittlungen gegen 68 Beschuldigte geführt, die aus den EncroChat-Daten resultieren. Nach Angaben von LKA-Sprecher Michael Klocke handelt es sich dabei „überwiegend um deutsche Verdächtige, die bereits teilweise polizeilich in Erscheinung getreten sind“. Bisher konnten in Sachsen-Anhalt 320 Kilogramm Marihuana, mehr als fünf Kilogramm Heroin, etwa acht Kilogramm Methamphetamin und fast 33 000 Ecstasytabletten sowie mehrere Schuss- und andere Waffen sichergestellt werden.

Sachsen-Anhalts-Ermittler und das Spezialeinsatzkommando sind seit Übermittlung der Daten aus Frankreich im Dauerstress. Klocke: „Das ist für uns eine echte Herausforderung, weil jeder Einsatz umfangreich geplant werden muss. Weil meist auch Waffen mit im Spiel sind oder diese vermutet werden müssen, sind auch Spezialkräfte unverzichtbar.“ Insgesamt wurden 28 Haftbefehle bei 16 Einsätzen und Durchsuchungen vollstreckt. Bisher.

Die amtierende LKA-Chefin Birgit Specht: „Die enormen Mengen an sichergestellten Betäubungsmitteln geben einen Anhaltspunkt, dass sich eine große Menge an Drogen im Umlauf befindet.“

Deutlicher wird der Landeschef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter Peter Meißner: „Es hat sich gezeigt, dass unsere jahrelangen Hinweise auf die Größenordnungen der organisierten Kriminalität keine Phantasien von Ermittlern waren, sondern bittere Realität. Wenn solche Täter Tausende Euro im Jahr für ein Handy ausgeben, dann zeigt es, welchen Stellenwert die Verschlüsselung einnimmt und welche Gelder da umgesetzt werden.“

Unumstritten unter Juristen ist die Datennutzung nicht. Das Landgericht Berlin lehnte kürzlich die Eröffnung eines Verfahrens gegen einen EncroChat-Beschuldigten ab. Die Begründung: Die Daten unterliegen einem generellen Verwertungsverbot. Oberstaatsanwalt Tewes von der Generalstaatsanwaltschaft: „ Wir sehen das gelassen. Schließlich gibt es genügend Oberlandesgerichtsurteile, die unsere Rechtsauffassung bestätigen.“ So fürchten die Mafia-Jäger weiter eine Überlastung durch die Großverfahren und die Kriminellen lange Haftstrafen.

Hintergrund

Auf welche Technik setzen die Kriminellen?

Die sogenannten Kryptohandys (besonders verschlüsselt) versprechen eine abhörsichere Kommunikation. Ein Dienst, der nach Angaben von Ermittlern rund 1500 Euro für ein halbes Jahr kostet. Die Telefone haben oft nur eine spezielle Chat-App und einen Panik-Knopf, mit denen man Daten schnell löschen kann. Diese präparierten Smartphones sollen verschlüsselte und damit abhörsichere Kommunikation mit anderen Kryptohandys des gleichen Anbieters ermöglichen.

Wie funktioniert der

Messenger für Straftäter?

Firmen wie EncroChat bauen die Smartphones um. Sie verfügen über ein zweites Betriebssystem, das den Nutzer in der Netzwelt auch unsichtbar macht. Mit dem Messenger (Nachrichtendienst) können die Kriminellen dann die Daten austauschen.

Wie kamen die Ermittler an die Daten?

Diese liefen über einen Server von EncroChat in Nordfrankreich. Diesen beobachteten die Ermittler. Zu diesem Zeitpunkt nutzten mehr als 60 000 Kunden das System. Mit einem großangelegten Hack gelang es einem Team aus französischen und niederländischen Ermittlern sowie Europol und Eurojust (Justiz) die Nachrichten auszulesen und zu überwachen. Im April 2020 erhielt das Bundeskriminalamt (BKA) über Europol EncroChat-Daten, die einen Bezug zu Deutschland aufwiesen. Die Verwendung der Daten wurde laut BKA aufgrund einer Europäischen Ermittlungsanordnung genehmigt. Das BKA führt im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main ein Ermittlungsverfahren gegen die Nutzer.

Welche Größenordnungen haben die abgeschöpften Daten?

Der Polizei in den Niederlanden und Frankreich gelang es nach Angaben des Spiegel mehr als 20 Millionen verschlüsselter Nachrichten abzuschöpfen. Mehrere hunderttausend Chatverläufe hatten davon einen deutschen Bezug. Das BKA spricht von Tausenden Nutzern aus Deutschland.

Erfolge in Deutschland

Fälle: Insgesamt wurden durch die Encrochat-Daten in ganz Deutschland 2250 Ermittlungsverfahren eingeleitet – rund 360 bestehende bereits unterstützt.

Haftbefehle: 750 Haftbefehle wurden vollstreckt.

Sicherstellungen: Fast 3,2 Tonnen Cannabis, etwa 320 Kilogramm synthetische Drogen, über 125 500 Ecstasy-Tabletten, fast 400 Kilogramm Kokain und zehn Kilogramm Heroin wurden sichergestellt. Darüber hinaus konnten 310 Schusswaffen und über 12 200 Schuss Munition aus dem Verkehr gezogen werden. Es wurde ein Vermögen von etwa 168 Millionen Euro eingefroren. (Vermögensarrest)