Kirche

Friedenskirche in Bitterfeld-Wolfen: Ein Amen zum Abschied

Rückläufige Mitgliederzahlen, leerstehende Gotteshäuser: Der Bundestrend macht auch vor Sachsen-Anhalts Gemeinden nicht Halt. Manchmal bleibt nur die Entwidmung.

Von Christoph Carsten
Die Friedenskirche, ein moderner Betonbau mit flachem Faltdach von 1976/77, in Wolfen. Das Gotteshaus wurde erst kürzlich entwidmet. Es ist eine der wenigen Kirchen die zu DDR-Zeiten im Rahmen des Sonderbauprogramms neu errichtet werden durften. Einen Kirchturm verboten die SED-Parteifunktionäre allerdings.
Die Friedenskirche, ein moderner Betonbau mit flachem Faltdach von 1976/77, in Wolfen. Das Gotteshaus wurde erst kürzlich entwidmet. Es ist eine der wenigen Kirchen die zu DDR-Zeiten im Rahmen des Sonderbauprogramms neu errichtet werden durften. Einen Kirchturm verboten die SED-Parteifunktionäre allerdings. Foto: dpa

Magdeburg - Es ist eine besondere Prozession, die am vergangenen Sonntag in Wolfen-Nord von der Friedenskirche zur etwa zwei Kilometer entfernten Christuskirche in Bobbau zieht. Ausgestattet mit allerlei liturgischem Gerät – Kelchen, Leuchtern, Kerzen – macht sich die Gemeinde auf den Weg zu ihrer neuen Glaubensstätte. Zuvor hatten sich die etwa 120 Gläubigen mit einem Freiluft-Gottesdienst von ihrer alten Heimatkirche verabschiedet.

Der Abschied von der Friedenskirche in Bitterfeld-Wolfen ist das jüngste Beispiel für einen Vorgang, der im Kirchenjargon Entwidmung – im Katholischen: Profanierung – genannt wird.

Mit einem Abschlussgottesdienst besiegelt eine Gemeinde, dass eine Kirche künftig nicht mehr für Gottesdienste und andere sakrale Zwecke genutzt wird. Die Gründe für einen solchen Schritt sind vielfältig: Sie reichen von schrumpfenden oder zusammengelegten Gemeinden über baufällige und kaum genutzte Gebäude bis zu klammen Kirchenkassen.

Keine leichte Entscheidung für die Gemeinden

„Es war ein emotionaler Gottesdienst“, sagt Johannes Killyen, der als Sprecher der Evangelischen Landeskirche Anhalt bei der Verabschiedung der Friedenskirche vor Ort war. „Gerade auf dem Dorf ist eine Kirche wichtig für das Gemeinschaftsleben“, sagt er.

Eine Entwidmung sei deshalb äußerst selten, meist gehe einer solchen Entscheidung die intensive Suche nach anderen Möglichkeiten voraus. Seit der Wende hat die Evangelische Landeskirche, die heute 212 Kirchen besitzt, nach eigenen Angaben lediglich fünf Gotteshäuser entwidmet.

Ähnliche Zahlen nennt die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands (EKM). Seit 1990 seien 20 Kirchen auf dem Gebiet der Landeskirche entwidmet worden, sagt Sprecher Friedemann Kahl. Bei fast 4000 Kirchengebäuden – davon rund 1700 in Sachsen-Anhalt – sei das eine „positive Entwicklung“.

Jede fünfte der evangelischen Kirchen in Deutschland befindet sich auf dem Territorium der EKM, doch nur rund drei Prozent der Kirchenmitglieder leben hier. Mit anderen Worten: zu viele Kirchen, zu wenige Mitglieder. Manchmal bleibt nur der Verkauf, wenn die Instandhaltung der zahlreichen Sakralbauten die finanziellen Möglichkeiten übersteigt – zumal in Fällen, in denen Kirchen lange nicht genutzt wurden.

Viele Kirchen sind sanierungsbedürftig

Schon jetzt unterstützt die EKM ihre Gemeinden jährlich mit rund 2,3 Millionen Euro bei Bauvorhaben.

In vielen Fällen ist das auch bitter nötig, wie die Zahlen zeigen: Zwar sind nach eigenen Angaben nur noch unter ein Prozent der EKM-Kirchen einsturzgefährdet (1989: zehn Prozent), bei der Hälfte der Gebäude besteht jedoch „erheblicher Instandsetzungsbedarf“ an Dächern, Fassaden und Türmen.

Mit der Abgabe eines Kirchengebäudes in gute Hände versuchen die Landeskirchen, dem früheren Gotteshaus weiter zu einer sinnvollen Verwendung zu verhelfen. In Wernigerode etwa entsteht nach dem Verkauf der Liebfrauenkirche eine neue Konzerthalle, die Kirche aus Klein Chüden im Altmarkkreis Salzwedel hat nach der Entwidmung einen neuen Platz im Freilichtmuseum Diesdorf gefunden.

Speisen, wo früher der Altar stand

Für die Gemeinden ist die Schließung einer Kirche ein schmerzlicher Vorgang, für andere liegt darin eine Chance. Als Katrin (49) und Jens Rieffenberg (55) vor 14 Jahren die ehemalige St.-Immanuel-Kirche in Magdeburg-Prester erwarben, erfüllte sich für das Ehepaar ein Lebenstraum. Seit 2007 betreiben sie in dem unter Mitwirkung von Karl Friedrich Schinkel errichteten Gotteshaus das Restaurant „Die Kirche“.

„Als wir erfahren haben, dass die Kirche zum Verkauf steht, haben die Augen meines Mannes geleuchtet“, sagt Katrin Rieffenberg. Schon als Kind habe Jens Rieffenberg in der leerstehenden Kirche gespielt. Wo früher Altar und Kirchenbänke standen, werden heute Gäste mit saisonalen Gerichten bewirtet. Auch als Kulisse für Familienfeste wie Hochzeiten und Geburtstage, aber auch für Tagungen und Empfänge dient das Gebäude.

1832 wurde St. Immanuel errichtet, 150 Jahre später – im Jahr 1983 – hat das Gebäude als Gotteshaus ausgedient. Bis 1990 nutzt der evangelische Kirchenkreis Magdeburg das Gebäude als Bauhof, 1997 wird es vom Vorbesitzer erworben und zu einem Restaurant umgebaut. Nie hätte Katrin Rieffenberg, die aus dem kaufmännischen Bereich kommt, gedacht, einmal ein Restaurant zu leiten. Den Ausschlag habe am Ende das besondere Objekt gegeben, sagt sie.

Kein Wunder: Wer den Elberadweg in Prester entlangradelt, kann den steinernen Turm des Restaurants schon von weitem sehen. Viele Touristen würden genau deshalb absteigen, um das historische Gebäude zu besichtigen, erzählt Katrin Rieffenberg.

Seit 2007 betreibt Katrin Rieffenberg in Magdeburg-Prester das Restaurant ?Die Kirche".
Seit 2007 betreibt Katrin Rieffenberg in Magdeburg-Prester das Restaurant ?Die Kirche".
Foto: Christoph Carsten

Katholiken fliehen nach dem Krieg nach Sachsen-Anhalt

In einer historisch besonderen Situation befinden sich die katholischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt. Warum das so ist, erklärt Susanne Sperling, Sprecherin des Bistums Magdeburg: „Nach dem Krieg sind viele Katholiken nach Sachsen-Anhalt geflohen. Da dieses aber traditionell Luther-Land war, gab es hier keine Kirchen für die Gläubigen.“ Also seien in Windeseile zahlreiche Kirchen gebaut worden – zum Teil in umgebauten Ställen, Garagen oder in Mehrfamilienhäusern.

Doch auch die katholische Kirche kämpft mit schrumpfenden Gemeinden. Von 2005 bis 2020 verringerte sich die Mitgliederzahl beim Bistum von rund 107000 auf 78000. In der Folge drängt sich bei vielen dieser Behelfskirchen die Frage auf, ob sie noch zu halten sind. 75 Kirchen und Kapellen seien nach der Wende verkauft worden oder würden nicht mehr genutzt, sagt Sperling.

Beim Bistum Magdeburg gibt es deshalb ein spezielles „Ampelkonzept“, das den Status von Kirchen anhand von Faktoren wie Gebäudezustand und Gemeindegröße einstuft. Entscheidet sich eine Pfarrei dafür, eine Kirche zu profanieren, kann das Bistum den Beschluss auf dieser Grundlage prüfen. Doch auch Susanne Sperling betont: „So etwas geschieht nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil echte Nöte dahinterstehen.“

DDR-Sondergenehmigung für Friedenskirche

Wie die Friedenskirche in Bitterfeld-Wolfen nach der Zusammenlegung der Gemeinden Wolfen-Nord und Bobbau genutzt werden soll, ist aktuell noch nicht entschieden. Doch obgleich das Gebäude seit dem vergangenen Wochenende offiziell entwidmet ist, ist Johannes Killyen der weitere Verbleib der Kirche nicht egal.

Zwar kann der Betonbau von 1976/77 mit seinem charakteristischen Schwimmhallen-Wellendach auf den ersten Blick nicht mit so mancher prachtvollen Kathedrale mithalten. Seine Geschichte ist dennoch eine besondere. „Zu DDR-Zeiten durften nicht viele Kirchen neu gebaut werden“, erzählt Killyen. „Doch weil die alte Holzkirche im Ort abgetragen werden musste, erteilte die Regierung eine Sondergenehmigung.“ Er sei sich sicher, dass der neue Besitzer, eine kirchliche Stiftung, für eine angemessene Nachnutzung Sorge tragen werde.

Zahlen und Fakten

  • Eine Entwidmung bezeichnet die Schließung einer Kirche und das Ende ihrer Nutzung als sakrales Gebäude. Meist wird dieser Schritt mit einem Gottesdienst offiziell begangen.
  • Die Evangelische Landeskirche Mitteldeutschland (EKM) verzeichnet seit 1990 20 Entwidmungen, in elf Fällen wurden die Gebäude verkauft. In Sachsen-Anhalt gehören ihr 1726 Kirchen. Neubauten gab es in den vergangenen Jahren nicht. Etwa 2,3 Millionen Euro investiert die Landeskirche jährlich in Bauvorhaben ihrer Gemeinden.
  • Fünf Kirchen hat die Evangelische Landeskirche Anhalts seit der Wende entwidmet, die meisten in den 1990ern. Über die Entwidmung entscheiden die Gemeinden, die Landeskirche muss ihre Zustimmung geben. 212 Kirchen befinden sich in ihrem Besitz. Mit einem Fonds von 200 000 Euro im Jahr werden Bauprojekte gefördert.
  • Beim Bistum Magdeburg wurden nach der Wende etwa 75 Kirchen und Kapellen verkauft oder sind leerstehend. Im vergangenen Jahr wurden vier Kirchen profaniert. Für die Instandhaltung plant das Bistum jährlich zwei Millionen Euro ein.