Impfstoff

Sachsen-Anhalt: Keiner will Astrazeneca

Das Land Sachsen-Anhalt erhält im Juli bis zu 91.200 Dosen Astrazeneca. Nun stapelt sich der Impfstoff. Denn vielen fehlt inzwischen das Vertrauen.

Von Jens Schmidt
Astrazeneca-Impfstoff wird zum Ladenhüter.
Astrazeneca-Impfstoff wird zum Ladenhüter. Foto: Imago

Magdeburg - „Der Berg an ungenutztem Impfstoff nimmt absurde Zustände an“, sagte Holger Schäfer, Ökonom beim Institut der Deutschen Wirtschaft gestern der „Welt“. Hausärzte aus Bayern und Niedersachsen klagen, dass Tausende Astrazeneca-Dosen in ihren Kühlschränken vor sich hin lagern. Bei etlichen läuft die Haltbarkeit am 31. Juli ab, es droht ein großes Wegwerfen. Die Bundesregierung teilte in dieser Woche mit, dass sie im August vereinbarte Astra-Lieferungen an Drittländer abgeben will.

Ursache: Vorige Woche riet die Impfkommission Stiko zur Kreuzimmunisierung. Das heißt: Nach der Erstspritze Astra sei eine Zweitimpfung mit Moderna oder Biontech deutlich besser, um sich vor Covid-19 zu schützen. Viele, die bereits eine zweite Spritze mit Astra bestellt hatten, buchen nun um.

Auch in vielen der 1300 Arztpraxen Sachsen-Anhalts wird Astrazeneca zum Ladenhüter. „Einige tausend Dosen dürften es sein“, schätzt Jörg Böhme, Allgemeinmediziner aus Stendal und Landeschef der Kassenärztlichen Vereinigung. Allein bei ihm hatten zehn Patienten eine Zweitimpfung mit Astra abgesagt. Noch größer sind die Bestände in etlichen Impfzentren. In Magdeburg sind es 3600 Dosen. Was passiert damit? Sozial-Beigeordnete Simone Borris ist ratlos. „Diese Frage kann ich momentan nicht beantworten.“ Auch Karsten Fischer, Chef des Impfzentrums Harz, weiß noch nicht, was er mit der gerade eingetroffenen Lieferung von 1400 Astra-Dosen machen soll. „Fast alle wollen zum zweiten Termin kein Astra mehr“, sagt er.

Dabei gibt es im Bundesland immer noch mehr als 170000 Ältere ab 60 Jahren, die noch gar keine Impfung erhalten haben. Das sind 22 Prozent in dieser Altersgruppe – so viele wie in kaum einem anderen Bundesland. Gerade für die Älteren wird Astra als Erstspritze empfohlen.

„Das scheitert aber am Buchungssystem“, schimpft Fischer, dessen Zentrum am zentralen 116-117-Portal hängt. Dort ist immer noch der alte Astra-Astra-Rhythmus von 9 bis 12 Wochen programmiert. Bei der von vielen gewünschten Kreuzimpfung aber schrumpft der Abstand auf vier Wochen „Das kann man derzeit nicht buchen“, sagt Fischer. „Das ist Chaos.“ Er sieht die Landesregierung dafür zuständig, eine Umprogrammierung zu veranlassen und zu bezahlen.

Das Gesundheitsministerium in Magdeburg teilt auf Anfrage mit, dass das Buchungssystem aktualisiert werde. Umbuchungen könnten aber über die Hotline 116117 erfolgen.

Manche wartenauf ein „Angebot“

Vor allem Ältere riskieren bei einer Infektion eine schwere Erkrankung. Manche Landkreise versuchen daher mit Sonderaktionen, diese Gruppe zur Spritze zu locken. So bietet der Altmarkkreis Salzwedel in seinen drei Zentren „Tage der offnen Tür“ an, an denen sich vor allem Ältere ohne Terminbuchung erstmals impfen lassen können – mit Astrazeneca. „Auch Jüngere können kommen, erhalten aber eine ausführliche ärztliche Beratung“, sagt Sozial-Dezernentin Kathrin Rösel vom Landratsamt in Salzwedel. Die Aktion startet heute in Kakerbeck. Insgesamt 1700 Dosen liegen bereit.

In Sachsen-Anhalt lahmt das Impfen. In der Gruppe der Älteren (ab 60 Jahre) haben bislang erst 78 Prozent den Weg zum Zentrum oder zu einem Arzt gefunden. Beim Spitzenreiter Bremen sind es 91 Prozent, in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland immerhin 87 Prozent. Auch bei den Jüngeren (18 bis 59) sieht es vergleichsweise mau aus. Erst 48 Prozent bekamen hier die Spritze; in Bremen sind es 69 Prozent, in Schleswig-Holstein 61 Prozent.

Dezernentin Rösel fragte Ältere, warum sie noch nicht geimpft wurden. „Etliche sagen mir: ,Es hat mich noch keiner angesprochen.’“ Manche haben offenbar das Wort „Impfangebot“ falsch verstanden und erwarten einen Anruf vom Amt. Hausarzt Böhme rät Älteren zur Kreuzimpfung. „Einfach Arzt anrufen – Impfstoff ist genügend da.“