Landtagswahl

Wahlplakate: Sachsen-Anhalts Parteien kämpfen um Aufmerksamkeit

Kurz vor der Landtagswahl am 6. Juni sieht man sie überall in Sachsen-Anhalt: Wahlplakate. Doch mit welchen Strategien buhlen die Parteien um die Wählergunst?

Von Christoph Carsten und Tobias Hofbauer
Bei Wind und Wetter sollen Wahlplakate, hier eine Auswahl aus Halberstadt, den Bürgern die Inhalte von Parteien näherbringen – und im besten Falle Stimmen für diese generieren.
Bei Wind und Wetter sollen Wahlplakate, hier eine Auswahl aus Halberstadt, den Bürgern die Inhalte von Parteien näherbringen – und im besten Falle Stimmen für diese generieren. Foto: Christoph Carsten

Magdeburg - Auf dem Holzmarkt vor den Rathauspassagen in Halberstadt fristen die Wahlplakate an den Laternenmasten ein eher trauriges Dasein. Bei regnerischem Wetter ducken sich die Passanten unter ihre Regenschirme und huschen vorbei. „Interessiert mich alles nicht“, sagt eine ältere Dame kopfschüttelnd. Ein 18-jähriger Erstwähler erklärt, sich die Plakate der verschiedenen Parteien „aus Spaß“ zwar anzuschauen – „meine Wahlentscheidung wird dadurch aber nicht beeinflusst“, so der Abiturient.

Warum also setzen Parteien weiterhin auf Wahlplakate an prominenten Plätzen? Welcher Strategien bedienen sie sich im Wettstreit um Wählerstimmen?

Christina Holtz-Bacha, Kommunikationswissenschaftlerin und bis 2019 Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und Kristin Kuck, Linguistin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, haben für die Volksstimme Wahlplakate der sieben größten Parteien bewertet.

Die CDU setzt bei ihrer Wahlkampagne ganz auf die Beliebtheit des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff, der als Macher in Krisenzeiten präsentiert wird.
Die CDU setzt bei ihrer Wahlkampagne ganz auf die Beliebtheit des Ministerpräsidenten Reiner Haseloff, der als Macher in Krisenzeiten präsentiert wird.
Foto: CDU

CDU

Dunkle Farben dominieren, Reiner Haseloff blickt ernst in die Kamera. Darunter der Spruch: „Der Richtige in schwierigen Zeiten.“ Die CDU setzt in ihrer Kampagne auf die Bekanntheit und Autorität des Ministerpräsidenten. Eine Strategie, die auf Forderungen bewusst verzichtet, sagt Kuck. Die Inhaltsleere sei Konzept, betont auch Holtz-Bacha. Haseloff werde als Problemlöser präsentiert, dessen Kompetenz durch die Nennung des Doktortitels noch hervorgehoben werde, so Kuck. Ein ähnliches Konzept habe bereits der Grünenpolitiker Winfried Kretschmann mit seiner Adaption des Merkel-Spruchs „Sie kennen mich“ verfolgt.

Auf anderen Plakaten der Partei kommen die traditionellen konservativen Werte zum Tragen. Mit dem Slogan „Unsere Heimat. Unsere Verantwortung“ konkurriert die CDU mit AfD und Freien Wählern um den Heimatbegriff.

Klare Forderungen gibt es bei der SPD.
Klare Forderungen gibt es bei der SPD.
Foto: SPD

SPD

Auf den Plakaten der SPD folgt auf einen auffälligen Anreißer („Jetzt Geld in die Hand nehmen“) eine kleingedruckte Spezifizierung („Investieren gegen die Krise. Betroffenen beim Neustart helfen“). Ungünstig, findet Christina Holtz-Bacha: Viele Menschen würden wahrscheinlich gar nicht weiterlesen, „weil die Aufmerksamkeit vom Bild und von der großen Schrift angezogen wird“. Wahlplakate müssten aber durch Farbwahl, Größe und emotional ansprechende Motive eindeutig und leicht verständlich sein.

Riskant für eine Regierungspartei seien auch die aggressiven Forderungen der SPD, die in Stil und Gestus eher nach Opposition klingen würden, betont Linguistin Kuck.

Die Grünen verwenden prominent ihre Hausfarbe.
Die Grünen verwenden prominent ihre Hausfarbe.
Foto: Die Grünen

Die Grünen

Die Grünen bleiben dem eigenen Markenkern treu: Viel Grün, Natur, Forderungen nach Klimaschutz. Interessant sind die Details, die möglicherweise etwas über Koalitionsabsichten verraten. Holtz-Bacha analysiert ein Wahlplakat mit Cornelia Lüddemann folgendermaßen: „Farblich herrscht grün vor, die Kandidatin ist schwarz-rot gekleidet, so dass das Bild die Farben der Kenia-Koalition zeigt.“ Auch die fehlende Angriffslustigkeit der Plakate könnte so auf den Wunsch nach einer Fortführung der Koalition hindeuten.

FDP

Die FDP hebt sich in ihrem Wahlkampf mit auffälligen Plakaten im Comicstil ab, auf denen die Landesvorsitzende Lydia Hüskens gezeigt wird. Doch ist die poppige Aufmachung, die wohl eher ein junges Publikum ansprechen soll, gelungen? Nein, findet Holtz-Bacha: „Der Stil wirkt befremdlich, die Kandidatin dadurch fast emotionslos. Mit den verschränkten Arme signalisiert sie hier eher Distanz und Abwehr.“ Die Fundamentalkritik in „Der Unfähigkeit ein Ende machen“ zeigt an: Hier spricht eine Oppositionspartei.

Die AfD arbeitet mit der Gegenüberstellung von positiv und negativ besetzten Begriffen.
Die AfD arbeitet mit der Gegenüberstellung von positiv und negativ besetzten Begriffen.
Foto: AfD

AfD

Noch klarer wird das bei der AfD. Vor hellblauem Hintergrund zeigt ein Plakat eine weinende junge Frau mit Op-Maske, dazu der Text: „Freiheit statt Corona-Irrsinn.“ Die Betonung liege hier auf dem negativ besetzten Begriff („Corona-Irrsinn“), während das positive Wort „Freiheit“ schwammig bleibe, sagt Kuck. Holtz-Bacha spricht von einer „Angststrategie“, die Feindbilder heraufbeschwöre, gegen die sich das einfache Volk zu wehren habe – und als dessen Repräsentantin sich die AfD mit Slogans wie „Wir sind deine Stimme“ aufspiele.

Die Linke attackiert den politischen Gegner.
Die Linke attackiert den politischen Gegner.
Foto: Die Linke

Die Linke

Bei der Linken finden sich neben klassischen Forderungen im „To-do-Listen“-Stil – so nennt Kuck die stichpunktartige Aufzählung von Zielen – auch versteckte Angriffe auf den politischen Gegner. Etwa auf dem Wahlplakat mit dem Slogan „Nazis stoppen“. Dazu Kuck: „Der Spruch steht hier auf dem AfD-Blau, der zum Hitlergruß erhobene Arm steckt in einem Anzug und im Hintergrund ist der Landtag zu sehen – Die Linke schafft es hier, die AfD als Nazis zu bezeichnen, ohne dass man sie darauf festnageln könnte.“

In grellem Orange zeigen sich die Freien Wähler.
In grellem Orange zeigen sich die Freien Wähler.
Foto: Freie Wähler

Freie Wähler

Die Freien Wähler präsentieren konservative Positionen in modernem Gewand. So etwa beim Slogan „#WIRSINDHEIMAT“, der den Heimat-Begriff mit der Sprache des Internets verbindet. Interessant ist, dass sich die Freien Wähler hier bei Strategien anderer Parteien aus vergangenen Wahlkämpfen bedienen. So erinnert „Richtig Schule machen: Kein Kind darf verloren gehen“ an die Forderung „Kein Kind zurücklassen“ von Hannelore Kraft (SPD) im NRW-Wahlkampf 2017, erläutert Kuck.