Sachsen-Anhalt

Zu wenig Freiwillige nach dem Abi

Viele Freiwilligendienst-Stellen im Land sind für 2022 noch nicht besetzt. Zwei FSJler erzählen, warum sie die Erfahrung jedem empfehlen würden, trotz Pandemie.

Von Kaya Krahn
Jan Gamroth bei seiner Freiwilligen-Stelle bei den CampusKids in Magdeburg. Nicht nur dort fehlen noch FSJler für 2022.
Jan Gamroth bei seiner Freiwilligen-Stelle bei den CampusKids in Magdeburg. Nicht nur dort fehlen noch FSJler für 2022. Foto: Kaya Krahn

Magdeburg - Schon bevor man die Kindertagesstätte CampusKids in Magdeburg sieht, hört man lautes Lachen und Stimmgewirr. Hier absolviert Jan Gamroth sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). „Ich bin jetzt elf Monate hier und für mich war es die absolut richtige Entscheidung, nach der Schule erstmal ein FSJ zu machen“, sagt der 20-Jährige. Die Arbeit gefällt ihm so gut, dass er danach weiter in dem Bereich bleiben möchte. „Ich möchte eine Ausbildung zum Erzieher machen.“

So wie ihm geht es vielen jungen Menschen, die nach der Schule ein FSJ oder Bundesfreiwilligendienst (BfD) absolvieren. „Ganz viele bleiben in dem Bereich, in dem sie eingesetzt waren, beziehungsweise sind. Sie nutzen es als Einstieg in die Branche“, sagt Laura Grabach-Witte vom Internationalen Jugendgemeinschaftsdienst (ijgd) Sachsen-Anhalt.

Eine ähnliche Erfahrung hat Heidi Hesse aus Schönebeck während ihres FSJs gemacht. „Ich wusste schon vorher, dass ich Erzieherin werden möchte. Durch das FSJ in einer Kita konnte ich mir meinen Sozialassitenten sparen und darf im September meine Ausbildung anfangen“, sagt die 19-Jährige. Bevor Interessierte in Sachsen-Anhalt eine Ausbildung zum Erzieher anfangen können, brauchen sie Berufserfahrung. Nach der allgemeinen Hochschulreife wäre das beispielsweise eine einjährige Tätigkeit in einem sozialpädagogischen Bereich – etwa ein FSJ oder die Ausbildung zum Sozialassistenten.

An der Kita-Tür abgeholt

Hesse hatte während ihres FSJ zum Teil sehr corona-spezifische Aufgaben: „Im zweiten Lockdown wurden die Türen für die Eltern geschlossen. Da war es meine Aufgabe, die Kinder morgens an der Tür abzuholen und sie in ihre Gruppen zu bringen. Das Gleiche am Nachmittag: Wenn ein Elternteil vor der Tür stand, habe ich das entsprechende Kind aus seiner Gruppe geholt.“

Im FSJ-Jahrgang 2019/2020 waren im Land nach Zahlen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ungefähr 1360 FSJler eingesetzt. Genaue Daten, wie sich die Teilnehmerzahl während der Pandemie entwickelt hat, liegen nicht vor. Doch das ijgd verzeichnete keinen Corona-Rückgang. „Bei uns sind die Zahlen eigentlich gleich geblieben. Wir rechnen eher damit, dass sich die Auswirkung etwas verzögert zeigt, bei den Anmeldungen und Bewerbungen, die in diesem Jahr noch ausstehen.“

Etwa 100 Plätze seien beim Jugendgemeinschaftsdienst für das FSJ ab August noch frei. „In ganz Sachsen-Anhalt, auch in den ländlichen Regionen“, sagt Grabach-Witte. Selbst in der Kita CampusKids, in der Jan Gamroth arbeitet, wird noch nach einem Nachfolger gesucht. „Man kann sich weiterhin bewerben. Auch wenn die meisten am 1. August anfangen ist es möglich, individuell zum 1. September, 15. September oder 1. Oktober zu starten“, sagt Grabach-Witte. 365 Euro pro Monat Taschengeld bekommen Freiwillige beim Jugendgemeinschaftsdienst.

Nicht nur das ijgd meldet offene Stellen. „Es gibt noch viele freie Plätze. Auch wenn der reguläre Zyklus bei uns in der Regel zum 1. September beginnt, können sich Interessenten das ganze Jahr über bewerben“, sagt Anika Schwarz vom Deutschen Roten Kreuz Sachsen-Anhalt. „Aber jetzt ist die Hochphase.“ Ein ähnliches Bild zeichnet Cathleen Paech von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Sachsen-Anhalt: „Man kann sich in Sachsen-Anhalt derzeit auf 225 Einsatzstellen bewerben (FSJ und BfD).“

Seminare nur noch digital

Inwieweit die Pandemie die Bewerberzahlen in diesem Jahr beeinflussen wird, ist noch nicht abzusehen. Neben den Einschränkungen in den Einsatzstellen konnten auch die Seminare, die sonst zum Austausch, für Vorträge oder gemeinsame Ausflüge genutzt werden, nur noch digital stattfinden.

Nicht für alle Teilnehmer waren diese digitalen Seminare eine optimale Lösung: „Ich finde die Präsenzseminare schöner“, sagt Heidi Hesse. „Es ist einfach leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen, wenn man sich wirklich sieht. Und vor allem ist es nicht schön, wenn immer wieder jemand zu spät ins Seminar kommt, weil er technische Probleme hatte.“ Doch die 19-Jährige sieht auch Vorteile: „Das Zeitmanagment funktioniert digital besser. Etwa, wenn man mal zum Arzt muss.“

Für Heide Hesse ist ihr FSJ bereits beendet, Jan Gamroth hat noch einen Monat vor sich. Beide würden das praktische Jahr weiterempfehlen: „Es ist einfach eine tolle Erfahrung, die ich jedem, der gerade mit der Schule fertig wird, ans Herz legen kann. Mit Menschen und im Team zu arbeiten ist einfach toll“, sagt Gamroth. Dem schließt sich Hesse an: „Das ist so eine dankbare Aufgabe, man wird so sehr wertgeschätzt. Ich würde es wirklich jedem empfehlen, selbst wenn man auf Dauer nicht in diesem Bereich arbeiten möchte.“ Meinung