Magdeburg l Ahmad und Tanja verstehen sich so gar nicht. Sie will partout kein Englisch sprechen, er kein Deutsch. Sie wird langsam ungeduldig, er fühlt sich unter Druck gesetzt. Doch gerade, als sie ihm mit strenger Miene erklärt, dass sein arabisches Abschlusszeugnis in dieser Behörde nur übersetzt wird, wenn er jetzt endlich in Raum 4 geht, um Dokument 5b zu holen und ordnungsgemäß auszufüllen, huscht ihr doch ein Grinsen übers Gesicht. Denn eigentlich können sich die zwei ziemlich gut leiden. Da fällt es nicht leicht, in der Rolle der bierernsten Behördenfrau zu bleiben.

Die Deutsche und der Syrer, beide Mitte 20, gehören zum internationalen Theaterprojekt, das der Magdeburger Verein Die Brücke im Februar ins Leben gerufen hat. Möglich geworden ist das dank Spenden aus „Leser helfen“. Die Volksstimme hatte die Aktion zusammen mit dem Paritätischen und der Investitionsbank im November gestartet, bis zum Abschluss im Januar kamen 57 000 Euro zusammen. Mit dem Geld werden nun neun Projekte in Sachsen-Anhalt gefördert, die Flüchtlinge bei der langfristigen Integration unterstützen.

Die syrisch-deutsche Theatergruppe ist mehr als nur ein Schauspielprojekt, die Mitglieder schreiben auch ihre Szenen selbst. Den Stoff liefern oft Erlebnisse der jungen Flüchtlinge und die Gefühle, die sie begleiteten, als sie nach Deutschland kamen. In einer der ersten Szenen, die hier entstanden sind, sitzen zwei Flüchtlinge in einem Boot; sie machen sich gegenseitig Mut, sagen, dass sie bestimmt bald sicher sind und dann arbeiten können.

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Auch die Behördenszene mit dem Zeugnis, an der Ahmad und Tanja feilen, hat der junge Syrer so ähnlich selbst erlebt, sagt er. Die Bühnenversion wird aber ein bisschen überspitzt. Und sie bekommt einen Schuss Humor verpasst – etwas, das Ahmad an der Theatergruppe besonders gefällt: „Hier ist es oft lustig, außerdem mögen wir einander“, sagt er in sicherem Deutsch.

Es wird fast nur noch deutsch gesprochen

Dass er die Sprache ein Jahr nach seiner Flucht schon so gut beherrscht, liegt in erster Linie daran, dass er gerade täglich für sein Sprachzertifikat büffelt, um bald studieren zu können. Es hat aber sicher auch mit den Proben tun. Hier kann Ahmad die Vokabeln aus seinen Büchern anwenden. Denn auch, wenn die Hälfte der Truppe aus Syrern besteht, fällt nur selten ein englischer Satz. „Am Anfang haben wir nur englisch gesprochen, aber inzwischen werde ich manchmal sogar angemeckert, wenn ich zu wenig deutsch rede“, erzählt Theaterpädagogin Angela Mund, Leiterin der Gruppe.

Das Projekt soll aber mehr als Sprache fördern. Vor allem soll es eine Gelegenheit für Begegnungen zwischen Deutschen und Flüchtlingen schaffen. „Das Kennenlernen passiert hier ganz nebenbei, das ist schon cool“, sagt Ahmads Spielpartnerin Tanja. Die deutschen Teilnehmer sind größtenteils in den 20ern – also im gleichen Alter wie die Syrer –, auf die Theatergruppe sind sie über Infozettel, Freunde oder die Freiwilligenagentur aufmerksam geworden.

Die zwölf Leute im Kurs erfahren nicht nur bei der Arbeit an ihren Szenen viel voneinander. Neulich in der Pause sprachen sie über den Ramadan. Und nicht selten, erzählt Projektleiterin Mund, lädt man sich auch zu Partys ein.

Integrationsprojekte weiter gebraucht

Der Bedarf an solchen Projekten ist nach Einschätzung von Sachsen-Anhalts Integrationsbeauftragter Susi Möbbeck weiterhin sehr hoch – und das, obwohl die Flüchtlingszahlen sinken: Kamen im November, als die Balkanroute noch nicht geschlossen war, noch 8400 Menschen nach Sachsen-Anhalt, waren es ein halbes Jahr später, im Mai, nur noch 400.

„Professionelle und ehrenamtliche Helfer sind weiterhin ausgelastet, weil jetzt eine erhebliche Anzahl an Menschen die Aufnahmeeinrichtungen verlassen hat und in den Kommunen angekommen ist“, sagt Möbbeck. Außerdem hätten sich viele Angebote erst jetzt herumgesprochen. Die Folge: „Die Bedarfe sind teilweise sogar gestiegen.“

Bei der Integration spielen die jungen Menschen eine besondere Rolle. Denn Möbbeck zufolge sind 55 Prozent der Flüchtlinge, die nach Sachsen-Anhalt kommen, jünger als 20 Jahre.

Auch die Zahlen zur Sprachförderung für Migrantenkinder an den Schulen hierzulande verdeutlichen den Unterstützungsbedarf für die Jugend: Im September vergangenen Jahres saßen noch rund 3300 Schüler in den Kursen, Ende Mai waren es knapp doppelt so viele.

Bald wird eigenes Stück geschrieben

In den Augen von Monika Schwenke, die sich seit 20 Jahren bei der Caritas für minderjährige Flüchtlinge einsetzt, die ohne Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, werden Integrationsprojekte auch über die kommenden Monate hinaus von Bedeutung sein. „Wir haben jetzt die Chance, für die nächsten fünf oder sechs Jahre Integrationsmöglichkeiten zu schaffen, sodass die Flüchtlinge bleiben“, sagt sie.

Das Magdeburger Schauspielprojekt ist dank der Volksstimme-Leser noch bis zum Jahresende gesichert. Von den Spenden kann die Theaterpädagogin finanziert werden, außerdem möchte sich die Gruppe Scheinwerfer und eine Musikanlage anschaffen. Das hat aber noch ein bisschen Zeit. Denn bisher arbeiten die Laienschauspieler nur an einzelnen, voneinander unabhängigen Szenen, um Grundtechniken zu erlernen. Sie improvisieren viel, üben, aus sich herauszugehen.

Am 9. Juli haben sie bei einem Familienfest in Magdeburg-Neustadt ihren ersten kleinen Auftritt. Im August dann wollen sie mit der Arbeit an einem kompletten Stück loslegen.

Der Inhalt wird die Theatergruppe – wen wundert‘s – selbst schreiben. Das Thema steht noch nicht fest, sagt Angela Mund. „Aber sicherlich wird es keine Fluchtgeschichte werden.“ Warum? „Anfangs war es den Syrern wichtig, ihre Fluchterfahrungen einzubringen. Aber irgendwann wollten sie sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen.“ Im Moment, erzählt sie weiter, treibt sie besonders eine Frage um: „Sie wüssten gern, was sie tun können, um nicht mehr Flüchtling genannt zu werden.“

Auch bei anderen Projekten viel passiert

Auch bei den anderen Projekten, die dank der Leserspenden umgesetzt werden können, hat sich einiges getan:

  • Integrationshelfer in Magdeburg: Dass in Sachsen-Anhalt immer weniger Flüchtlinge ankommen, macht sich beim Projekt der Freiwilligenagentur kein Stück bemerkbar, berichtet Jana Schulze: „Die Nachfrage ist immer noch hoch. Denn es gibt jede Menge Flüchtlinge, die jetzt mit ihrer Aufenthaltserlaubnis eine Wohnung suchen.“ Derzeit 37 Integrationshelfer unterstützen sie dabei. Mit Hilfe der Volksstimme-Leser können für sie Fahrtkosten erstattet und Austauschtreffen organisiert werden.
  • Willkommenspakete für schwangere Frauen in Schönebeck: Im Salzlandkreis spricht sich langsam herum, dass die Beratungsstelle PIN schwangeren Flüchtlingsfrauen ein Päckchen mit Strampler, Fläschchen, Windeln und Infomaterial zu Hilfsangeboten schenkt. „Seit Februar haben wir im Salzlandkreis schon 25 Stück verteilt, und wird immer häufiger danach gefragt“, erzählt Beraterin Katja Lammel. Eine Weile kann das Angebot noch weiterlaufen: „Mit den Spenden dürften wir bis Ende des Jahres hinkommen.“ Jeder künftigen Mama, sagt Lammel, erzähle man übrigens, woher das Geld für die Willkommenspakete kommt.
  • Interkultureller Kochkurs in Magdeburg: In der Grundschule „Am Umfassungsweg“ ist der Kochkurs mit ausländischen und deutschen Kindern noch bis mindestens zum Ende des Schuljahres gesichert, berichtet Schulsozialarbeiterin Daniela Nitschke. Nachdem ein Förderprogramm ausgelaufen war, hatte das Projekt auf der Kippe gestanden. Nun kann nicht nur die Ernährungsexpertin weiterhin bezahlt werden. Nitschke: „Wir können für die Lebensmittel pro Woche statt 10 Euro jetzt 20 Euro ausgeben und so mehr frisches Obst und Gemüse kaufen.“
  • Internationales Frühstück für Mütter in Oschersleben: Das Projekt steht noch in den Startlöchern, weil eine Mitarbeiterin ausgefallen ist. Im September soll es mit den wöchentlichen Treffen losgehen. Von den Spenden können dann Brötchen, Käse und Kaffee gekauft werden, aber auch Arbeitsmaterialien – zum Beispiel Arbeitsblätter zu Begriffen aus der Alltagssprache.
  • Puppenspielclub in Magdeburg: Die Truppe ist fleißig am Proben – inzwischen sogar zweimal pro Woche. „Das grobe Gerüst für das Stück steht“, sagt Monika Schwenke vom Verein Refugium, der das Projekt zusammen mit dem Magdeburger Puppentheater betreut. Thema sind Fluchterfahrungen. Die stammen aus der Gruppe selbst – von Jugendlichen, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind. Umgesetzt wird das Stück auch mit jungen Deutschen. Mit Hilfe der Volksstimme-Leser können ein Theaterpädagoge, ein Schauspieler, ein Puppenspieler sowie Fahrtkosten und Dekoration finanziert werden.
  • Interkulturelle Nachmittage in Halberstadt: „Bei uns ist einiges passiert!“ Antje Maier vom Unabhängigen Frauenverband Landkreis Harz, der zu den Organisatoren der Nachmittage gehört, fällt mehr als nur ein Höhepunkt der vergangenen Monate ein: Mit Flüchtlingskindern und ihren Eltern ging‘s ins Spaßbad, wurden Plätzchen gebacken, und vor Weihnachten lernten gleich 70 Leute im Theater „Frau Holle“ kennen. „Normalerweise sind große Ausflüge finanziell nicht drin“, sagt Maier. Nicht nur das: „Oft können wir die Eltern nicht mit einbeziehen. Dabei sind die Treffen eine tolle Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.“
  • Deutsch-Kurs für Mütter mit Kinderbetreuung in Magdeburg: Weil die Nachfrage so groß ist, wird im Volksbad Buckau seit April noch ein zweiter Kurs angeboten. Dass der personell zu stemmen ist, machen die Volksstimme-Leser möglich. Während der erste Kurs weiterhin von Studenten geleitet wird, betreut den zweiten eine Frau im Bundesfreiwilligendienst. Ein Teil der Spenden fließt in den Eigenanteil der Einrichtung für ihre Stelle. Zudem werden die Ausdrucke der Arbeitsblätter und Blöcke für die Tafel bezahlt.

 

  • Filmprojekt „Lebenswege“ in Stendal: Das Projekt hat einen kleinen Dreh bekommen: Statt auf Väter und Söhne konzentriert man sich nun auf die Zielgruppe Schüler. Gedreht wird ein Film, der sich mit Fragen deutscher Jugendlicher zu Flüchtlingen beschäftigt – zum Beispiel über Kopftücher oder den Schulalltag. Das Ergebnis soll später an Schulen gezeigt werden. Erste Fragen sind gesammelt, im Herbst wird gedreht. Dank der Spenden können Fachleute bezahlt werden, die die Jugendlichen betreuen und in die Technik einweisen. Außerdem werden Fahrtkosten finanziert.

Alle bisherigen Artikel zur Spendenaktion finden Sie hier.