Leseranwältin Ausmaß des Geschehens im Blick

Wenn es etwas gibt, bei dem wirklich jeder mitreden kann und das die meisten Menschen direkt betrifft oder mindestens interessiert, dann ist es das Wetter. Kein Wunder also, dass der Wintereinbruch vor gut einer Woche ein Top-Thema in den Medien war. Mit etwas Abstand betrachtet ist es zudem ein Beispiel für das, was Medien-Fachleute mit dem Begriff „Aufmerksamkeitsspirale“ beschreiben und was in Verbindung mit einem weiteren Phänomen namens „Aufmerksamkeitsökonomie“ auch bei anderen Themen Wirkung entfaltet.
Der Mechanismus ist im Prinzip einfach. Ein Thema steht im Raum, von dem wir Journalisten aus Erfahrung heraus annehmen, dass das Interesse groß und die Berichterstattung eine entsprechende Resonanz haben dürfte. Zugleich wissen wir, dass die Redaktionen anderer Medien dieselben Überlegungen anstellen. Alle miteinander kämpfen wir um das knappe Gut der Zeit von Lesern, Zuhörerinnen, Zuschauern. Nach dem Motto „viel und laut“ nimmt die Berichterstattung dann meist sehr viel Platz ein, versucht mit Livetickern im Internet, Videos, Bildern, plakativen Schlagzeilen Aufmerksamkeit zu erregen. Das funktioniert in der Regel mit der Folge, dass die so erzeugte Resonanz ermutigt, noch intensiver zu berichten.
Die Herausforderung ist, zu verhindern, dass sich die Spirale verselbstständigt. Sonst übersteigt irgendwann die mediale Darstellung das tatsächliche Ausmaß des Geschehens. Es erscheint dramatischer, als es in Wirklichkeit ist. Man kann streiten, ob dieser Kipppunkt in der Berichterstattung über Schnee und Glatteis erreicht war. Meine Einschätzung: Vor den Gefahren zu warnen, war richtig und hat dazu beigetragen, Unfallzahlen einzudämmen.
Es hätte allerdings manchem Bericht gutgetan, sich etwas von der Sachlichkeit der Meteorologen abzuschauen. Die hatten darauf hingewiesen, dass Winter nun mal Winter ist und wir nur nicht mehr an diese Normalität gewöhnt sind – auch das ist Fakt.