Leseranwältin Vom Ringen um richtige Worte

Lassen Sie sich gern beschimpfen? Sicher nicht, und so wie Ihnen geht es den weitaus meisten Menschen. Dennoch ist Hassrede eines der großen Probleme der heutigen Zeit. Dafür verantwortlich sind zwar in erster Linie ihre Urheber. Doch dass sich verbale Attacken in rasender Geschwindigkeit verbreiten können, daran haben Medien, die sozialen wie die klassischen, ihren Anteil. Zur Verantwortung der Volksstimme-Redaktion gehört es also zwingend, sorgsam mit Sprache umzugehen.
Daher werden wir besonders hellhörig, wenn sich Leser über Hassvokabular in der Berichterstattung beschweren. Geradezu abschreckend fand kürzlich eine Leserin das letzte Wort in dieser Überschrift über einer einspaltigen Meldung auf der Titelseite: „Chemie gegen Importstopp für Russen-Gas“.
Es stimmt: Die Formulierung „Russen-Gas“ wirkt in ihrer Kürze erheblich plakativer als etwa die Variante „russisches Gas“. Aber ist sie wirklich hasserfüllt? Das würde bedeuten, dass schon der Begriff „Russen“ eine Abwertung wäre – was er ebenso wenig ist wie beispielsweise „Amerikaner“ oder „Deutsche“.Vielmehr ging es hier rein journalistisch-handwerklich darum, eine Information über die Herkunft des Gases zu finden, die in eine einspaltige Überschrift passt. „Russisches Gas“ ist zu lang für eine Zeile, die Platz für allenfalls 12, 13 Zeichen bietet (taucht dafür aber gleich im ersten Satz des Artikels auf).
Insofern wären auch Titelvorschläge wie „Kein russisches Gas mehr für Chemiestandort Deutschland“ oder „Ohne weitere Lieferungen von russischem Gas - wie weiter mit dem Chemiestandort Deutschland?“ nicht umsetzbar oder nur mit Überschriften, die sechs Zeilen oder länger wären.
Den Begriff bewerten Redaktion und Leserin also unterschiedlich, nicht aber das Anliegen, das hinter diesem Ringen um die richtigen Worte steht: einen bei allen Unterschieden respektvollen Umgang miteinander zu finden und zu pflegen.