Hilfe bei Suizidprävention

Matthias Salomo aus Dessau ging nach Tod seiner Mutter einmal durch die Hölle und zurück

Die Mutter von Matthias Salomo hat sich selbst getötet. Was nach dem Schock kam und warum er heute anderen Menschen hilft.

Von Heidi Thiemann 10.09.2021, 10:00 • Aktualisiert: 10.09.2021, 11:49
Matthias Salomo leitet in Dessau eine Selbsthilfegruppe ?Trauer nach Suizid?.
Matthias Salomo leitet in Dessau eine Selbsthilfegruppe ?Trauer nach Suizid?. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau-Roßlau/MZ - Es ist der 16. Juni 2012, der das Leben von Matthias Salomo komplett auf den Kopf stellt. Die Kripo steht vor der Tür. Seine Mutter gilt als vermisst. Stunden später ist klar, die Frau hat sich selbst getötet.

Salomo, damals 32 Jahre alt, zieht das den Boden unter den Füßen weg. „Ich bin durch die Hölle gegangen“, sagt er heute. Ein halbes Jahr versucht er, den Schock zu verarbeiten, mit der schweren Trauer zurechtzukommen - ohne fremde Hilfe. „Ich kannte meine Mutter nur als depressiv. Sie hat lange dagegen angekämpft. Ich dachte damals, sie konnte nicht anders.“

Lange Wartezeiten bei Therapeuten

Der Tod der Mutter holt ihn immer wieder ein. Als er anderen erzählt, dass er daran denkt, es ihr gleichzutun, sind die schockiert, rütteln ihn auf. Salomo erkennt, er brauchte Hilfe. Von der Hausärztin bekommt er eine Liste mit Therapeuten. Alle haben Wartelisten von einem Jahr. Dann gibt es doch ein Gespräch, „aber das hat mir nichts gebracht“.

Im Internet schließlich findet er „Agus“. Der Verein aus Bayreuth ist der zentrale Selbsthilfeverein für Menschen, die einen nahestehenden Angehörigen durch Selbsttötung verloren haben. Bundesweit gibt es Selbsthilfegruppen. „Die haben mich sofort aufgenommen“, ist er dankbar.

Seit 2017 leitet er selber eine Agus-Selbsthilgegruppe, die sich 14-tägig bei der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen am Dessauer Schlossplatz 3 trifft. Menschen, die ihren Partner, ihre Eltern oder Kinder durch Suizid verloren haben, versucht er zu unterstützen.

Durch Tod der Mutter die Berufung, anderen zu helfen, entdeckt

Durch den Suizid seiner Mutter hat der 41-Jährige die psychosoziale Betreuung als Berufung entdeckt. Der Mann, der im Chemiepark Bitterfeld arbeitet, ist heute Sterbebegleiter und Trauerbegleiter. Zudem steckt er mitten in einem Heilpraktikerstudium für Psychotherapie.

Salomo, der inzwischen in Köthen wohnt, ist es auch wichtig, Menschen zu gedenken, die Suizid begangen haben. In Dessau gibt es am Weltsuizidpräventionstag eine Trauerstunde, die allen offen steht. Sie beginnt um 18 Uhr in der katholischen Kirche St. Peter und Paul. Das Ökumenische Gedenken, das Matthias Salomo initiiert hat, wird unterstützt von der evangelischen und katholischen Kirche sowie von der Telefonseelsorge.

Das Motto in diesem Jahr lautet „Hinter die Maske schauen“. „Da wir eine Maske tragen müssen, sieht man Gefühle umso schlechter“, sagt der 41-Jährige. „Gesicht und Gestik sind dahinter nicht erkennbar.“ Trotz der zu wahrenden Distanz durch Corona, stellt er fest, „müssen wir mehr auf Menschen zugehen“. Man müsse hinhören, wenn diese sagten, sie könnten nicht mehr. Es sei wichtig, ihnen ein offenes Ohr und eine stützende Schulter zu schenken, um gemeinsam durch die Krise zu kommen.

Weltweiter Gedenktag seit dem Jahr 2003

Den Weltsuizidpräventionstag hatten die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der International Association for Suicide Prevention (IASP) erstmals 2003 am 10. September ausgerufen. Mit ihm wollen die Organisationen dafür sensibilisieren, dass Suizid eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt darstellt. Sie wollen auf die weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängte Problematik aufmerksam machen. Besorgniserregend sei, dass sich weltweit bis zu einer Million Menschen im Jahr das Leben nehmen.

In Deutschland sterben etwa 10.000 Menschen pro Jahr durch Suizid. Das sind mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen, informiert die Internetseite „Welttag der Suizidprävention - Deutschland“.

Hier finden Menschen Hilfe

Bei sofortigem Gesprächsbedarf kann man sich an die Telefonseelsorge Dessau wenden: 0800/1110111 oder 0800/1110222; Kontakt zur Selbsthilfegruppe „Trauer nach Suizid“ über Kontaktstelle für Selbsthilfeguppen, Tel. 0340/213200; Informationen auch über https://agus-selbsthilfe.de/