Magdeburg l Vor einigen Wochen haben die Bartschs aus Magdeburg Zuwachs bekommen. Die Aufmerksamkeit der ganzen Familie ist auf ihn gerichtet. Der kleine Emil hält seine Eltern auf Trab. Mutter, Vater und Sohn befinden sich in der Küche. Während ihr Mann Emil liebevoll im Arm hält und mit ihm durch den Raum spaziert, sitzt die nun zweifache Mutter, Jana Bartsch, am Küchentisch.

Noch vor wenigen Wochen war sie in großer Sorge. Der kleine Emil war nach seiner Geburt zu schwach, um von der Brust seiner Mutter zu trinken. Darum fing Jana Bartsch an, ihre Milch abzupumpen. Die brachte sie in die Milchküche der Universitätsfrauenklinik in Stadtfeld, um sie dort für ihren Sohn zu lagern. „Weil das so massiv viel Milch war, wurde ich gefragt, ob ich den Rest nicht spenden möchte“, erzählt Jana Bartsch, während ihr Mann mit dem kleinen Emil in der Küche auf und ab geht.

Blut spenden, Organe spenden oder Haare spenden – das dürfte den meisten bekannt sein. Aber nur wenige haben vermutlich schon einmal etwas von einer Muttermilchspende gehört. Sogenannte Frauenmilchbanken sind auf Spenderinnen wie Jana Bartsch angewiesen. Denn leider hat nicht jede Frau das Glück, mehr Milch zu produzieren, als sie für das eigene Kind braucht.

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Gerade bei Müttern von Frühchen kommt die Milchproduktion oftmals nicht richtig in Gang. Hauptgrund ist meist der mit Frühgeburten verbundene Stress. Milchbanken, wie in Magdeburg, wollen diesen Frauen durch gespendete Milch von anderen Müttern aushelfen. Hinter dem Konzept steckt eine jahrelange Tradition – ganz besonders im Osten Deutschlands. Magdeburg sticht dabei besonders heraus: Dort wurde vor genau 100 Jahren die erste Frauenmilchsammelstelle Deutschlands eingerichtet.

Bis in die 1980er Jahre waren Frauenmilchbanken dann nahezu in ganz Deutschland flächendeckend verteilt. Durch massive Werbung der Babynahrungsindustrie und die öffentlichen Debatten über Aids-Infektionen mit der Übertragung des Virus über die Muttermilch verloren die Milchbanken das Vertrauen der Gesellschaft und verschwanden demzufolge. Nur einige wenige in der DDR blieben bestehen.

Dass Muttermilch ein regelrechtes Wundermittel ist, versuchten in den letzten Jahren zahlreiche Studien zu belegen. Daraufhin hat eine Gruppe von Fachleuten im Mai 2018 einen Verein gegründet: die „Frauenmilchbank-Initiative“, kurz FMBI. Ihr Ziel ist es, in jedem Bundesland wieder eine Milchbank einzurichten. Eines der Gründungsmitglieder ist Dr. Ralf Böttger, Facharzt für Neugeborene an der Universitätsklinik Magdeburg. Bei einem Besuch in seinem Büro wird spürbar, wie sehr der Arzt für das Vorhaben brennt. Durch einen Buchbeitrag zum Thema Frauenmilch fühlt er sich 2014 angespornt, die bis dahin im Dornröschenschlaf versunkene Milchbank wieder zum Leben zu erwecken. „Ich war Feuer und Flamme“, erzählt Böttger begeistert.

Er kommt aus dem Schwärmen über das Naturprodukt kaum heraus: „Die Vorteile, die Muttermilch mit sich bringt, kann eine handelsübliche Nahrung nicht bieten, und das wird sie mit hoher Sicherheit auch in den nächsten Jahren nicht ändern“, sagt Böttger nachdrücklich.

Aber die ganze Sache hat einen Haken: Selbst bei Fachpersonal besteht noch ein großer Mangel an Wissen über die Vorteile von Spenderinnenmilch, worüber der Neonatologe sichtlich schockiert berichtet. Genau aus diesem Grund plant Böttger für die Universitätskinderklinik zusammen mit der Professorin Eva Brinkschulte, Leiterin des Bereichs für Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin, der Universitätsfrauenklinik Magdeburg und der FMBI zum hundertjährigen Bestehen der Milchbank in Magdeburg eine interdisziplinäre Fachtagung. Sie wollen ein möglichst breites Publikum ansprechen. Die Auswirkungen der Versorgung von Frühgeborenen mit Muttermilch ist nach seiner Aussage ein Thema, das in der Medizin oft zu wenig Beachtung findet und deshalb verbreitet werden muss.

Für Frühchen kann Spenderinnenmilch zum Lebensretter werden, weiß der Facharzt. „Wir sehen die Vergabe von Muttermilch als eine Therapiemaßnahme an.“ Sie hilft nicht nur bei der Stärkung von Abwehrkräften, sondern beugt auch schweren Darmkomplikationen vor, die bei Frühgeborenen auftreten und teilweise den Tod bedeuten können. Darüber hinaus trägt die Muttermilch zur geistigen Entwicklung des Kindes bei – „Was will man mehr?“, schwärmt Böttger mit großen Augen. Vor ihm liegen auf seinem Schreibtisch ausgebreitet die vielen Erfolgsstatistiken, die er mit der Milchbank in Magdeburg verzeichnen konnte.

Doch bis unter anderem Politik und Krankenkassen an einem Strang ziehen und damit die Kosten für Verwaltung, Personal und deren Ausbildung gedeckt werden können, bleibt das Ganze ein Minusgeschäft für die Krankenhäuser, räumt Böttger ernüchtert ein. Er ist dankbar für jede Spende, sieht jedoch ebenfalls Probleme bei den Kapazitäten. Momentan sei einfach kaum mehr Platz für die Lagerung von Spenderinnenmilch da.

Jana Bartsch hat mehr als genug Milch für ihren Sohn Emil und um zu spenden. Sie gehört allerdings zu den wenigen, die eine vertrauenswürdige Abnahmestelle für ihre überschüssige Milch gefunden haben. Für die Mutter war es außerdem kein besonderer Aufwand, Spenderin zu sein. Sie konnte einfach ganz entspannt von zuhause ihre Milch abpumpen. „Nur für den Mann ist natürlich etwas aufwendig, die Milch jedes Mal in die Frauenklinik zu bringen“, sagt sie und lacht.

Ihr Mann grinst nur bestätigend im Hintergrund. „Es ist ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ich auch andere Kinder mit meiner Milch versorgen kann“, betont Jana Bartsch mit einem Lächeln. Dabei schaut sie auf ihren munter vor sich hin glucksenden Sohn, der heute dank Muttermilch gestärkt und gesund ist.

*Die Autorinnen des Beitrags studieren an der Otto-von- Guericke-Universität Magdeburg. Der Text entstand im Rahmen eines Seminars in Kooperation mit der Volksstimme.