Wolmirstedt l Das dritte Juli-Wochenende hatte in Elbeu nicht besonders aufregend begonnen. Die Hitze flimmerte auf den Laubendächern, und die Nachbarn freuten sich über die Zäune hinweg aufs abendliche Grillen. Die Kinder fuhren zur nahe gelegenen Tongrube baden oder spielten in den Parzellen der Gartensparte „Glück auf“. Auch Kristin. Die Siebenjährige fuhr mit dem Fahrrad über die Kieswege. Dabei traf sie Tobias, den Großen von einem der Nachbargrundstücke.

Das Mädchen konnte nicht ahnen, was in dem Jungen vorging. Die sexuelle Lust war seit einiger Zeit in Tobias erwacht, und er wollte sie ausleben. Doch Mädchen seines Alters lachten nur über den drahtigen Jungen. Er fühlte sich auch mehr zu jüngeren hingezogen. Gleichzeitig hatte er Angst davor. Wohl auch deshalb schickte er am 17. Juli Kristin, die Siebenjährige, immer wieder weg: „Hau ab! Lass mich zufrieden! Spiel mit anderen!“

Verdeckungsmord

Doch der Lockenkopf folgte Tobias. Auch als der Junge abends seinen dreijährigen Cousin Enrico im Bollerwagen vom Schrebergarten zum wenige hundert Meter entfernten Elbeuer Garagenkomplex zog, fuhr sie ihm hinterher. Im Karree zwischen den steingrauen Autounterständen siegte in Tobias die Lust auf das Unbekannte, für ihn so Reizvolle, über die Furcht. Er packte Kristin von hinten und zog sie an sich. Doch das Mädchen konnte sich losreißen und weglaufen.

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„Niemals darf sie jemandem erzählen, was ich mit ihr machen wollte“, schrie es in Tobias, „niemals, niemals“, wiederholte er Stunden später, als er Kriminalisten erzählte, was er getan hatte. Tötung, um eine Straftat zu verdecken, wird ihm vorgeworfen – ein „Verdeckungsmord“.

Der Jugendliche lief hinter Kristin her, holte sie ein, bevor sie den Garagenhof verlassen konnte. Da hatte er schon den festen Leinenriemen in der Hand. Den legte er dem Mädchen um den Hals. Augenblicke später war Kristin tot.

Der dreijährige Enrico, der aus einigen Metern Entfernung ansah, was geschah, ohne zu verstehen, welche Tragödie sich dort abspielte, erzählte seinen Eltern: „Wir haben Indianer gespielt und einen totgemacht.“

Am frühen Sonntagmorgen fanden zwei Revierpolizisten Kristin. Kurz nach 24 Uhr hatte die Suche nach ihr begonnen. Der Sonntag wurde wieder so heiß wie der Tag zuvor. Doch alles war ganz anders in Elbeu. Betroffenheit an den Gartenzäunen. „Wer tut nur so etwas? Bestimmt ein Kinderschänder von außerhalb. Ich hab` da einen gesehen, der hier nicht hergehört.“

Lutz Hirning, damals Chef der Stendaler Mordkommission, fragte sich von Parzelle zu Parzelle durch. Die Mutter von Tobias: „Eine schlimme Sache. Ich habe es gerade im Radio gehört.“ Dann holte sie einen pinkfarbenen Plastikhelm aus der Laube. „Den Fahrradhelm hat Tobias gefunden.“ Hirning, der erfahrene Kriminalist, nahm den Jungen mit dem gelben Turnhemd und der roten Sporthose beiseite: „Nun erzähl mal, wo du den Helm her hast.“

Und Tobias erzählte: „Gefunden, neben einem Lichtmast an der Hauptstraße vor den Gärten.“ Er zeigte die Stelle neben der B 189, gestikulierte, „schauspielerte“, wie es ein Polizist später nannte. Aus dem Schüler Tobias wurde der Zeuge Tobias. Als er mit seinen Eltern zum Polizeirevier fuhr, wussten es die ersten Kleingärtner schon ganz genau: „Der Junge hat Kristin totgemacht. Der hat doch immer nur mit kleinen Mädchen gespielt.“

Tobias stand auf dem Revier im Mittelpunkt. Ein fast unbekanntes Gefühl für ihn, das ihm schmeichelte. Er spielte eine Rolle, und er erzählte und redete und beantwortete Fragen. Und dabei verstrickte er sich immer mehr in Widersprüche. Sprach über Dinge, die nur einer wissen konnte – Kristins Mörder.

Nachmittags wurde aus dem Zeugen Tobias der Verdächtige Tobias. Lokaltermin auf dem Garagenhof. Der Junge schilderte bis ins Kleinste, aber ohne große Gemütsregungen, wie er das „mit Kristin gemacht hat“.

Lange vor der Tat hatten sich das Jugendamt und Lehrer Sorgen um Tobias gemacht. Der Junge aus Angern (damals Ohrekreis) war Sonderschüler und psychisch auffällig. Zur Schule für Lernbehinderte in Wolmirstedt ging er nur selten, auf seinem letzten Zeugnis standen nur Sechsen.

Verhängnisvolle Beziehung

Der damalige Schulleiter Helmut Ketzler sagte nach der Tat, dass der Erziehungseinfluss der Eltern gleich null gewesen sei. Immer wieder hätten die Eltern Entschuldigungszettel geschrieben und letztlich der Schule mitgeteilt, dass sie mit Tobias nicht mehr fertig werden.

Besonders fatal aber sollte sich auf den Jungen die verhängnisvolle Beziehung zu einem Gartennachbarn auswirken, die ein Jahr vor der Tat begonnen hatte. Tobias half dem Arbeitslosen und bekam dafür Taschengeld, ließ deshalb Zärtlichkeiten des Mannes schweigend über sich ergehen. Bis der damals 55-Jährige, der Alkoholprobleme hatte, den Jungen zum Sex zwang. Bei der Staatsanwaltschaft gab er 1998 zu Protokoll: „Die Eltern haben mir den Jungen doch regelrecht in die Laube geschickt, auch über Nacht.“ Sie hätten ihre Ruhe haben wollen und die Mutter habe „gern mal ein paar Gläser getrunken“.

Das Jugendamt drängte Tobias zu einer stationären Therapie in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Doch die Behandlung war viel zu kurz, die Eltern von Anfang an dagegen. Sie holten den Jungen bald wieder nach Hause. Das war wenige Monate vor dem schrecklichen Ereignis.

Die Jugendkammer am Landgericht Magdeburg verurteilt den inzwischen 15-Jährigen am 15. März 2000 zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten. Die Verurteilung erfolgte nach Jugendrecht, weil das psychologisch-psychiatrische Gutachten Tobias fehlende Entwicklungsreife attestiert hatte. Zu einer Entschuldigung konnte sich Tobias an keinem der vier Prozesstage durchringen.

Der heute 34-Jährige soll jetzt in Niedersachsen leben.