Magdeburg l Deformierte Aufschlagzünder und verkrustete Sprengkörper – mit diesen Problemen haben Sachsen-Anhalts Kampfmittelexperten fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer häufiger zu tun. „Manche Munition erkennt man als solche schon gar nicht mehr. Sie wird mit zunehmendem Alter aber immer unberechenbarer“, erklärt der Einsatzleiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes, Torsten Kresse. Mit seinen Kollegen muss er deshalb inzwischen immer häufiger die Blindgänger auch gleich vor Ort sprengen.

Die größte Bombe in Rothensee

Unter den im vergangenen Jahr aufgefundenen rund 5,9 Tonnen Munition waren auch 15 Bomben. Die größte ist in einem Baugebiet im Magdeburger Stadtteil Rothensee bei Sondierungsarbeiten entdeckt worden. Das Entschärfer-Team entfernte nach der Evakuierung eines Gebietes mit 2400 Menschen die noch intakten Zünder der 250-Kilo-Sprengbombe amerikanischer Bauart aus dem Sprengkörper. „Man muss schon mit sehr viel Respekt an die Arbeit gehen“, sagt Kresse. Die sogenannten Detonatoren, die als Zündladung das TNT zum Explodieren bringen sollten, haben oft nicht nur Risse. Sie sind auch zunehmend verrostet und der Sprengstoff verändert sich.

Die meisten Bomben, die in Sachsen-Anhalt aufgefunden werden, sind kleinere englische 30-Lbs-Brandbomben (15 Kilogramm). Diese wurden offenbar in Massen abgeworfen. Auch die schwereren meist amerikanischen Fliegerbomben (125 und 250 Kilogramm) mit sogenannten Aufschlagzündern sind keine Seltenheit.

Gefährliche Langzeitzünder

Diese Zünder bringen die Bomben durch einen Schlagbolzen über eine Feder zur Detonation. „Die gefährlicheren Langzeitzünder haben wir glücklicherweise in Sachsen-Anhalt in den letzten Jahres erst zweimal angetroffen“, sagt Kresse. Einmal war das in Rothensee an einer 250-Kilo-Sprengbombe im Oktober 2007 und auf einem Sportplatz in Bad Dürrenberg im Oktober 2014 der Fall. Beide Male mussten aus Sicherheitsgründen die Bomben vor Ort gesprengt werden.

Vor allem in den Zentren der damaligen Rüstungsindustrie muss nach wie vor mit Blindgängern gerechnet werden. Das betreffe die Städte Magdeburg, Halle, Halberstadt und das Gebiet um Leuna im Saalekreis.

Aber auch andere Gebiete sind noch stark belastet. So wird Weltkriegsmunition – wie Minen, Granaten und Patronen – besonders häufig dort entdeckt, wo sich die Deutschen den Alliierten ergeben haben. Das ist vor allem entlang der Elbe zwischen Tangermünde und Havelberg der Fall. Dort hatte sich die Armee Wenck mit Hunderten Soldaten sämtlicher Waffen entledigt, um auf der anderen Seite der Elbe im April 1945 sich den Amerikanern zu ergeben. Ein ähnlich stark belastetes Gebiet gebe es laut Kresse noch im Harz. Dort kapitulierten 1945 nach heftigen Gefechten die letzten Verbände der 11. Armee und der Waffen-SS in den Bergen des Harzes. Kresse: „Wir müssen dort besonders häufig Granaten, Minen und andere Munition bergen.“

Kleine Munition wird unterschätzt

Die Lebensgefahr, die auch von etwas kleinerer Munition ausgehe, werde oft völlig unterschätzt. „Wenn man so etwas findet, sollte man die Stelle markieren, die Polizei rufen und auf keinen Fall den Gegenstand berühren“, warnt er.

In den vergangenen vier Jahren gab es die meisten Funde im Jahr 2018 wegen des anhaltenden Niedrigwassers. Mit 111 stiegen damals die Meldungen fast auf das Zehnfache des Vorjahres. 2019 ging die Zahl aber wieder um mehr als die Hälfte auf 42 zurück.

Die britischen und amerikanischen Flieger warfen nach Erkenntnissen von Historikern im Zweiten Weltkrieg etwa 1,3 bis 1,4 Millionen Tonnen Bomben über Deutschland ab. Etwa zehn bis 20 Prozent davon sollen damals je nach Typ nicht detoniert sein.

Der Trupp des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen-Anhalt hat seinen Sitz in der Polizeiinspektion Zentrale Dienste im Magdeburger Stadtteil Rothensee. Zum Team gehören 29 Arbeiter und Fachkundige, die im Außeneinsatz sind. Dazu kommen fünf Verwaltungsfachkräfte.