Sülldorf l Die Garagen sind randgefüllt mit Spielzeug, bunten Schippen, kleinen Sandeimern. „Dann fehlt an dem Fahrrad mal ein Rad, weil die Jungs damit wieder etwas Neues basteln wollen, und hier fehlt mal ein Lenkrad. So geht das immer weiter“, erzählt Anett Wendzich und winkt lächelnd ab. Sie geht ein paar Schritte weiter und betritt den Garten hinterm Haus.

Das Loch für das große Trampolin ist bereits gegraben, die Rutsche thront inmitten der großen Rasenfläche, dahinter sind die Erdbeer-Beete fein säuberlich in einer Reihe angelegt. „Hier verbringen die Kinder nach der Schule viel Zeit, aber es ist auch mein Reich“, sagt Wendzich. Hier zupft sie Unkraut, pflanzt an, werkelt rum, hier steckt viel Liebe drin.

Den Ort sieht man von außen nicht. Auch über die Familie wissen andere Menschen selten mehr als das, was die eigenen Augen verraten. Papa, Mama, neun Kinder. „Und was denken da die meisten Menschen?“, fragt Wendzich, ohne eine Antwort haben zu wollen. „Wer so viele Kinder hat, der muss direkt erstmal asozial sein. Man kämpft ständig gegen dieses Vorurteil an, achtet darauf, dass die Kinder sich besonders gut benehmen, besonders gut angezogen sind.“ Doch hier, zu Hause, ist von diesem Druck nichts zu spüren, die gestresste Vollzeit-Mama sucht man vergebens. Routine statt Hektik.

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Die ausgebildete Kinderkrankenschwester war 20, als Jenny, ihre „Große“, zur Welt kam. Zwei Jahre später wurde Celine (18) geboren, dann Laura (17), Tim (16), Emilia (14), Tamino (12), Tiziano (11), Tamias (4) und Samia (1). Seit der Geburt von Jenny ist Wendzich zu Hause und nennt das „Luxus“, wobei ein Vollzeit-Job ohnehin nahezu organisatorisch unvorstellbar sei. Ihr Mann Tobias nickt zustimmend und weiß: „Was meine Frau leistet, ist schon Wahnsinn.“ Er arbeitet seit 2008 im Drei-Schicht-System bei Volkswagen in Wolfsburg. „Davor gab es finanziell öfter mal Bauchschmerzen, aber seitdem hat sich unsere Situation verbessert“, sagt seine Frau.

Zahlen des Statistischen Landesamtes belegen, dass 2017 rund 60 Prozent der 168 300 erwerbstätigen Mütter in Sachsen-Anhalt in Vollzeit beschäftigt waren. Ein Drittel davon haben zwei oder mehr Kinder. 17 837 mal wurde eine Frau erneut oder zum ersten Mal Mama, davon waren 462 Frauen über 40 Jahre alt. Auch Wendzich wird in knapp vier Monaten mit 41 Jahren zum zehnten Mal Mutter. „Die Menschen fragen mich immer: Wie machst du das nur?“, erzählt die gebürtige Magdeburgerin, „aber das ist alles eine Frage der Organisation“. Die Jungs kümmern sich um die Tiere auf dem Hof, die Mädchen helfen im Haus. „Das Wichtigste ist, konsequent zu sein.“ Im Supermarkt den Schokoriegel, das Brötchen auf der Hand, trotzige Nachfragen, „das gab es bei uns noch nie“, sagt die Mutter, die im Alltag auch so etwas wie Managerin eines Kleinunternehmens ist. „Es gab Zeiten, da bin ich in der Woche mit drei Kindern zur Ergotherapie, mit einem anderen zum Logopäden und mit einem weiteren zur Musikschule gefahren. Da fragt man sich im Nachhinein, wie man das gemacht hat.“

Das fragen sich auch ihre eigenen Kinder manchmal. Jenny ist das einzige von neun Kindern, das nicht mehr zu Hause lebt, sitzt am Wochenende aber dennoch oft mit am Tisch. „Es würde mich nicht wundern, wenn meine Mutter heimlich eine Zwillingsschwester hätte“, sagt die 20-Jährige, „es gibt gefühlt nichts, was sie nicht kann. Meine Mama ist der stärkste Mensch, den ich kenne.“ Besonders die „Großen“, die mittlerweile auch schon mal auf ihre Geschwister aufpassen, wissen um die Energieleistung ihrer Mutter. „Mit neun Kindern ist es oft anstregend, das kann man nicht schönreden“, sagt Laura, „von daher ist es immer wieder bewundernswert, wie sie den Alltag mit uns bewältigt.“

Neun Kinder, großes Haus, riesiger Garten. Zeit für andere Aktivitäten bleibt kaum. Das Gefühl, auf viel verzichten zu müssen, hat Wendzich jedoch nicht. „Ich kann mir schlichtweg nichts anderes vorstellen.“

Zwischen 2005 und 2013 lebte die Familie im Reihenhaus in Magdeburg. Den eigenen Garten hatte die Familie direkt am Haus, am Wochenende kaufte sie sich dennoch ein Tagesticket für den Elbauen-Park „und von 13 bis 15 Uhr haben wir unsere Kinder unter der Woche ins Haus geholt, sie vor den Fernseher gesetzt, obwohl ich sowas eigentlich nie wollte“. All das nur, um nicht noch mehr Ärger mit den Nachbarn zu bekommen. Die hätten sich täglich über zu viel Lärm beschwert, warfen böse Blicke über den Gartenzaun. „Wir mussten da raus“, sagt Wendzich, während sie Samia im Arm hält. Erst mit dem Umzug kam das Familienglück zurück. Und das ist bald zwölfköpfig. „Dabei soll es dann auch bleiben“, sagt Wendzich.