Magdeburg l Auf Sachsen-Anhalt rollt eine nie da gewesene Welle zu regelnder Firmen-Nachfolgen zu: Fast die Hälfte (46 Prozent) von durch das „Netzwerk Unternehmensfolge“ befragten Chefs im Land plante 2017 die Übergabe ihres Betriebs binnen drei Jahren. 87 Prozent gaben Altersgründe an. Das passt zur Altersstruktur des Bundeslandes. Nirgends ist die Bevölkerung im Schnitt älter – 47,5 Jahre.

Die Zahlen stammen aus der gestern vorgestellten „Sonderausgabe Sachsen-Anhalt“ zum Nachfolgemonitor 2019 im Auftrag der Bürgschaftsbank. Alarmierend aus Sicht der Autoren: Nur 45 Prozent der Chefs rechnen mit einer Nachfolge innerhalb der Familie oder durch Mitarbeiter. Für 41 Prozent stellt die Suche nach einem Nachfolger gar die größte Herausforderung dar.

Treffen dürfte das vor allem kleine Firmen ohne qualifiziertes Führungspersonal neben dem Chef, sagte Studienautor Holger Wassermann. Mit dem Ruhestand des Chefs gehe in Kleinfirmen oft das Know-how, damit implodiere die Firma. "Die Sicherung der gesamten mittelständischen Wirtschaftsstruktur hängt davon ab, dass die anstehenden Nachfolgen erfolgreich umgesetzt werden können", warnte der Experte. "Meine Sorge ist, dass da vieles wegrutscht."

In Sachsen-Anhalt gehören von etwa 81.000 Unternehmen rund 72.000 zu den Kleinstfirmen mit weniger als 50 Mitarbeitern.

Uhrmacher Ulrich Seligmann ist einer von ihnen. Der 55-Jährige führt sein Geschäft in Magdeburg mit Verkauf und Werkstatt sowie drei Angestellten in dritter Generation. Doch er werde auch der letzte sein, sagte Seligmann gestern. Grund sei in seinem Fall nicht das Fehlen eines Nachfolgers. "Es ist ein sich ändernder Markt, der für den klassischen Handel kaum Räume lässt." Die großen Hersteller stellten heute oft Wegwerf-Produkte her, bei denen gar nicht vorgesehen sei, dass sie noch am Ort repariert werden. Wenn Service stattfinde, geschehe das über die Call-Center großer Ketten.

Fehlender Nachwuchs und der Markt sind nicht die einzigen Hemmnisse für die Firmen-Nachfolge. Hinzu kommt etwa die Digitalisierung: Potenzielle Käufer gründeten heute oft lieber ein Software-Startup, statt ein vorhandenes Unternehmen etwa im Handwerk zu erwerben, sagte Experte Wassermann. Auch das Konjunkturhoch mit gut bezahlten Arbeitsplätzen halte viele von der Selbständigkeit ab.

Die Handwerkskammer Magdeburg, Stimme von 12.000 Firmen, bestätigt den Befund. Die Zahl der Handwerker die ihren Betrieb übergeben möchten, steige in den nächsten Jahren dramatisch, sagte Hauptgeschäftsführer Burghard Grupe. Dass Nachfolge auch heute glücken kann, zeigt das Beispiel der "Brandt & Wangler Kran und Transport GmbH". Gründer Peter Wangler verkaufte die Firma mit heute 80 Beschäftigten 2015 an seinen Mitarbeiter Danilo Ebel. Mittelständische Beteiligungsgesellschaft und Bürgschaftsbank sicherten die Übernahme damals mit Garantien sowie einer stillen Beteiligung ab.