Magdeburg l Mastenreihen, die sich am Horizont erstrecken oder sich gar in unmittelbarer Nähe zum eigenen Grundstück befinden, das will die Bundesregierung den Menschen nicht mehr zumuten. Zumindest nicht, wenn es um den Bau von Gleichstromleitungen geht, die elektrischen Strom über weite Strecken transportieren. 2015 wurden Erdkabel per Gesetz zum Standard erklärt. Entsprechend plant die 50Hertz Transmission GmbH, der zuständige Übertragungsnetzbetreiber, die Umsetzung des Südostlinks mit Erdkabeln.

Doch nicht alle begrüßen den neuen Standard – Landwirte fürchten negative Auswirkungen auf den Bördeboden, der seit jeher zu den fruchtbarsten in Deutschland gehört.

„Masten halte ich für verträglicher, weil sie den Boden nur punktuell belasten.“

Uwe Fischer, Landesbauernverband

In den vergangenen Jahren ist der Boden immer trockener geworden, weil Niederschläge ausbleiben. „Wir können die Auswirkungen der Erdkabel, die wie eine Fußbodenheizung wirken, noch gar nicht einschätzen“, sagt Uwe Fischer, der sich für den Landesbauernverband in Sachsen-Anhalt schwerpunktmäßig mit dem Südostlink beschäftigt. Auch, was das Verlegen der Erdkabel betrifft, ist er skeptisch. Es gebe zwar verbesserte Verfahren, um den Boden zu schonen. Aber es bestehe immer ein gewisses Risiko, dass bei den Bauarbeiten Schäden entstehen, denn die Witterung könne niemand aushebeln. „Masten halte ich für verträglicher, weil sie den Boden nur punktuell belasten“, resümiert der Vertreter des Bauernverbands – wobei es auch Landwirte gibt, die den Sachverhalt anders bewerten, betont er.

Unter anderem auch im Salzlandkreis sind Erdkabel nicht gewollt: Deshalb will die Kreisverwaltung von einer Ausnahmeregel Gebrauch machen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist es möglich, den Bau einer Freileitung prüfen zu lassen. Einen entsprechenden Antrag für den Bauabschnitt zwischen Welsleben und Förderstedt hat der Salzlandkreis eingereicht. Gewollt ist eine sogenannte Hybridlösung. Das bedeutet: Der Südostlink soll sich nach Ansicht der Kreisverwaltung die Masten mit einer schon vorhandenen Wechselstromleitung teilen, damit es auch weiterhin nur eine Leitungstrasse gibt, erklärt Marco Jeschor, Sprecher des Salzlandkreises. So soll der Bördeboden weniger belastet, die biologische Vielfalt bewahrt und potenzieller Lebensraum des europäischen Feldhamsters geschützt werden.

Antworten zum aktuellen Projektstand liefert Axel Happe, Mitarbeiter bei 50Hertz. Der Übertragungsnetzbereiber mit Sitz in Berlin verantwortet den überregionalen Stromtransport in Ostdeutschland und Hamburg. Die nördlichen 270 Kilometer des Südostlinks liegen in seinem Zuständigkeitsbereich. Für den südlichen Abschnitt ist der bayerische Übertragungsnetzbetreiber Tennet zuständig.

In Hinblick auf die Wärmeentwicklung im Boden erklärt Happe: „Die Luft in den Schutzrohren, welche die Kabel umgeben, isoliert, weshalb wir für die Außenseiten Temperaturen von knapp unter 50 Grad Celsius erwarten.“ Wie sich die Wärme im Erdreich verteile, hänge von der Bodenbeschaffenheit und dem Grundwasserstand ab. Es könne sein, dass sich der Boden im Wurzelhorizont um wenige Grad erwärmt.

Windräder sollen Bedarf im Süden bedienen

Mit der Energiewende gewinnt der überregionale Stromtransport an Bedeutung. Im Süden, wo sich die großen industriellen Stromverbraucher – dazu gehört die Chemieindustrie in Bayern – niedergelassen haben, entsteht ein Defizit, weil die Kernkraftwerke bald endgültig vom Netz gehen. Die Windräder an der Ostsee produzieren hingegen Stromüberschüsse, die im Nordosten ungenutzt bleiben. „Deshalb müssen wir den Überschuss aus dem Norden in den Süden transportieren“, sagt Happe.

Der Südostlink soll ein neuer, entscheidender Baustein im Netzgefüge sein. Dies ist im Bundesbedarfsplangesetz festgelegt, das die Entwicklung der Energielandschaft der nächsten zehn bis 15 Jahre berücksichtigt, einschließlich des Netzausbaus, den Ausbau von Speicherkapazitäten und der Elektromobilität. Strom mit einer Leistung von 2000 Megawatt soll durch den Südostlink fließen. Das entspricht der Leistung, die 700 Windräder beziehungsweise zweieinhalb Kernkraftwerkblöcke bei voller Auslastung erzeugen.

Zwei Erdkabel sorgen für die Übertragung, berichtet Projektsprecher Axel Happe. „Zunächst waren wir davon ausgegangen, dass wir vier Kabel brauchen könnten.“ Diese sind nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr erforderlich. Der Übertragungsnetzbetreiber will den bereits eingeplanten Platz trotzdem nutzen, weil er in Zukunft von einem noch höheren Bedarf ausgeht. Aktuell sind zwei weitere Leerrohre geplant, in die später weitere Kabel eingezogen werden könnten. „Das ist besser als den Boden später in voller Länge noch einmal aufzugraben.“

Die Kosten für den Südostlink werden voraussichtlich zwischen 4,5 und 5 Milliarden Euro liegen. Enthalten sind die Bauleistung, das Baumaterial und die Stromrichteranlagen, die sich an beiden Enden der Leitung befinden sollen. Was es mit den Stromrichteranlagen auf sich hat? „Das normale Stromnetz funktioniert mit Wechselstrom“, erklärt Happe. Wechselstrom bedeutet, dass sich die Fließrichtung des Stroms immer wieder ändert. Dies hat unter anderem den Vorteil, dass sich wiederum die Spannung leicht verändern lässt, was eine wichtige Rolle spielt. „Je höher die Spannungsebene, desto geringer sind die Verluste beim Transport“, berichtet Happe. „Noch geringer sind die Verluste allerdings, wenn wir den Wechselstrom für den Transport über weite Strecken in Gleichstrom umwandeln.“ Diese Funktion sollen die Stromrichteranlagen an den Enden der Leitung erfüllen. Gleichstrom bedeutet, dass die Fließrichtung des Stroms unverändert bleibt.

„Wir werden die Detailplanungen mit den Menschen vor Ort diskutieren.“

Axel Happe, 50Hertz

Grundsätzlich besteht das deutsche Stromnetz aus mehreren Ebenen, die mit verschiedenen Spannungen operieren: Es gibt das Niederspannungsnetz, das Mittelspannungsnetz, das Hochspannungsnetz und das Höchstspannungsnetz. Während das Mittelspannungsnetz unter anderem Kleinstädte versorgt, bezieht zum Beispiel die energieintensive Chemieindustrie den Strom über das Höchstspannungsnetz, dessen Teil der Südostlink werden soll.

Die verschiedenen Netz-ebenen, die je nach Funktion unterschiedliche Spannungen haben, sind durch sogenannte Umspannwerke miteinander verbunden. Tonnenschwere Transformatoren bringen den Strom auf die erforderlichen Spannungsebenen. Über ein Umspannwerk kann beispielsweise Strom aus dem Hoch- ins Höchstspannungsnetz übertragen werden. „Das Umspannwerk in Wolmirstedt, nördlich von Magdeburg, ist einer der zentralen Netzknoten in Ostdeutschland“, erklärt Axel Happe. „Deshalb ist der Ort als Einspeisepunkt für den Südostlink besonders geeignet.“

Von Wolmirstedt aus soll sich der Südostlink etwa 540 Kilometer seinen Weg in Richtung Süden bahnen, bis zum Ausspeisepunkt an der Isar, in der Nähe von Landshut. „Dort steht wegen des Kernkraftwerks schon die Infrastruktur zur Verfügung, mit der sich der Strom weiterverteilen lässt“, erklärt Happe.

Doch bis es dazu kommt, müssen noch weitere Schritte erfolgen: Aktuell läuft die Detailplanung, ein Bestandteil des Genehmigungsverfahrens. Einen 1000 Meter breiten Korridor hat die Bundesnetzagentur im vergangenen April definiert. „Jetzt ermitteln wir den genauen Leitungsverlauf innerhalb des Korridors“, berichtet der Projektsprecher. Wenn die Leitung mit Erdkabeln realisiert wird, nimmt sie eine endgültige Breite von rund 21 Meter in Anspruch. Die Kabel sollen sich etwa 1,3 Meter unter der Erde befinden.

Für die Abschnitte von Wolmirstedt bis Könnern und von Könnern bis Eisenberg in Thüringen will 50Hertz 2022 den Planfeststellungsantrag bei der Bundesnetzagentur einreichen. „Wir werden die Detailplanungen mit den Menschen vor Ort diskutieren. Und die Behörde legt die Unterlagen auch öffentlich aus“, sagt Happe. „Bis zur finalen Entscheidung besteht noch reichlich Gelegenheit, sich in die Planungen einzubringen.“

Naturschützer stellen Projekt infrage

Redebedarf gibt es allemal, beispielsweise hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Einwendungen gegen den Südostlink eingereicht. „Der Netzausbau behindert die Energiewende mehr als er sie fördert“, sagt Ralf Meyer, BUND-Landesvorsitzender. „Wir sehen die Lösungen in dezentralen Strukturen.“ Entscheidend sei, den deutschen Energiemarkt der Zukunft regional aufzustellen. Das gewährleiste die Versorgungssicherheit. „Wenn die überregionale Versorgung ausfällt, steht womöglich das halbe Land im Dunkeln“, fürchtet Meyer.

Der BUND setzt sich dafür ein, dass die Menschen an den Erlösen der Energiewende beteiligt werden. „Das würde ihre Akzeptanz erhöhen“, erklärt der Landesvorsitzende. Die Gewinne sollten seiner Ansicht nach nicht den großen Konzernen überlassen werden. Auch die Eingriffe in Natur und Umwelt, die aus dem Südostlink resultieren, seien vermeidbar. „Nicht zuletzt sehen wir im Bau der Leitung eher das strategische Ziel, den Braunkohlestrom aus der Lausitz nach Süddeutschland zu transportieren“, resümiert Ralf Meyer. Der Kohleausstieg werde ausgebremst und der Ausbau der erneuerbaren Energien in Süddeutschland verzögert.

„Der Netzausbau behindert die Energiewende mehr als er sie fördert.“

Ralf Meyer, BUND

Den Vorwurf, der Südostlink diene dem Transport von Braunkohlestrom, weist Projektsprecher Axel Happe zurück: „Wir bauen die Leitung für die Energiewende, nicht für den Braunkohlestrom.“ Die Bundesbedarfsplanung habe den Braunkohleausstieg, der 2038 abgeschlossen sein soll, in ihrer Prognose berücksichtigt. Die Leitung werde gebraucht, um den Strom aus den Windparks im Nordosten abzutransportieren. „In der Summe ist die Menge grünen Stroms größer als der Rückgang durch den Kohleausstieg.“

Wie es mit dem Südostlink weitergeht? 50Hertz erwartet die Planfeststellungsbeschlüsse der Bundesnetzagentur für das Jahr 2023. „Noch im selben Jahr wollen wir mit dem Bau beginnen“, sagt Happe. In Betrieb gehen soll der Südostlink voraussichtlich 2025.