Magdeburg (dpa) l "Das ist schon Grundberührung, wir liegen auf Grund", sagt der Kapitän der Albis und legt in schneller Folge mehrere Schalter um. Das Schiff hat einen flachen Unterbau, aber mitten auf der Elbe bei Magdeburg ist da plötzlich kein Wasser mehr zwischen Boot und Flussbett. Damit zeigt die Albis paradoxerweise, dass die Umstände für die Mission der Forscher um Norbert Kamjunke optimal sind: Der Fluss führt extremes Niedrigwasser.

Normal wären für den Elb-Pegel in der sachsen-anhaltischen Hauptstadt knapp zwei Meter. Tatsächlich zeigt er etwa einen halben Meter an. Nur wenige Zentimeter fehlen zum Allzeitniedrigstand, der wegen der lang anhaltenden Trockenheit erst in diesem Jahr aufgestellt wurde.

Damit herrscht genau das Phänomen, das die Wissenschaftler des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung, kurz UFZ, genauer beleuchten wollen. Doch ein bisschen Wasser braucht ihr Schiff. Nach einigem Knirschen und Ruckeln ist die Albis wieder frei.

580 Kilometer für Untersuchungen

Als sie in Magdeburg ankommt, hat die Albis schon Einiges an Strecke zurückgelegt: Im sächsischen Schmilka, kurz hinter der tschechischen Grenze, ist sie am 29. August gestartet. Nach 22 weiteren Stationen, darunter Magdeburg, kam sie 580 Kilometer später am 8. September an ihrem Ziel an – dem schleswig-holsteinischen Geesthacht.

Der Weg dazwischen war so etwas wie eine Verfolgungsjagd: "Wir haben ein Wasserpaket, das wir verfolgen", erklärt Professor Markus Weitere. Er leitet die Forschungen zum Thema Gewässerökologie beim UFZ. Die Frage dabei: Wie verändert sich die Wasserqualität und was lässt sich darauf für künftige Niedrigwasser ableiten? Dafür ist die Verfolgung des Wasserpakets wichtig – das UFZ hat sie noch nie bei extremem Niedrigwasser gemacht.

Um der Antwort näher zu kommen, nehmen die Forscher Proben – auch in Magdeburg. Forscher Kamjunke lässt einen Metallstab zu Wasser, eine sogenannte Multiparametersonde. Sie erfasst Wassertemperatur (20,14 Grad Celsius), Sauerstoffsättigung (97 Prozent), pH-Wert, Wassertrübung und Chlorophyllgehalt. Danach schöpfen die Wissenschaftler noch Wasser in Bottiche. Es wird später in Laboren genauer untersucht. Eins fällt sofort auf: "Eindeutig leicht grünliche Färbung", sagt Kamjunke.

Algenkonzentration verdreifacht

So hoch wie hier sei die Algenkonzentration noch an keinem Messpunkt vorher. Nachdem die Albis am Wochenende ihr Ziel in Geesthacht erreicht hat, kann Kamjunke sagen: Auch im weiteren Verlauf stieg die Algenkonzentration an. Bis Geesthacht verdreifachte sie sich. Weitere Antworten stehen noch aus: Die detaillierte Auswertung der genommenen Proben dauert noch Wochen und Monate, kündigt Kamjunke am Montag an.

Doch einiges wissen die Forscher schon über die Folgen des Niedrigwasser – auch, weil sie zusätzlich feste Messstationen installiert haben, die Veränderungen der Wasserqualität in Magdeburg und Wittenberge protokollieren. Der geringe Wasserstand führt zu mehr Sonneneinstrahlung und einer höheren Wassertemperatur, sagt Kamjunke. Algen wachsen so besser und es gibt mehr von ihnen.

Ist das ein Problem? Normalerweise seien viele Kieselalgen nicht erwünscht, sagt der Gewässerexperte beim Stopp in Magdeburg. "Aber sie sind auch nicht bedenklich." Kieselalgen seien nicht toxisch. "Tiere sind nicht gefährdet. Alle Werte sind in einem Bereich, in dem sich alle wohlfühlen dürften."

Problematisch für Auengebiete

Anhaltende Dürrephasen durch die prognostizierten Klimaveränderungen könnten an dieser Einschätzung etwas ändern. Problematisch sei der niedrige Wasserstand vor allem für viele Auengebiete, die trockener würden, sagt der Leiter der UFZ-Gewässerforschungen, Weitere. "Sie sind Hotspots der Artenvielfalt, Kinderstuben für viele Fische." Es werde schleichend zu einer Verschiebung der Arten in den Auen kommen, wahrscheinlich vor allem bei feuchtigkeitsliebenden Amphibien. Doch welche genau es treffen wird, lasse sich nicht vorhersagen.

In kleineren Flüssen sei der Wassermangel schon jetzt mitunter bedrohlich, beispielsweise für die seltene Flussperlmuschel, so Weitere. Dort gebe es mitunter auch das Problem der toxischen Blaualgen. Diese Art vermehrt sich bei höherer Wassertemperatur ebenfalls besser – und sorgte dieses Jahr in einigen Seen für Badeverbote. Die Elbe ist den UFZ-Forschern zufolge nicht betroffen – sie fließt zu schnell, als dass die Blaualge sich wohlfühlen könnte.

Auswertung in UFZ-Laboren

Während in den Laboren des UFZ die Auswertung der Proben von der langen Elbe-Forschungsfahrt begonnen hat, planen die Wissenschaftler um Kamjunke und Weitere schon die nächste Reise: Ziemlich genau in einem Jahr wollen sie wieder die Elbe hinab schippern.

Dann sind weitere Helmholtz-Zentren in das Projekt involviert, die parallel Daten über die Auswirkungen von Dürre und Regenmangel auf Boden oder Meer sammeln wollen. "Wir wollen das Puzzle einzelner Disziplinen zusammensetzen, um einige Prozesse besser zu verstehen", sagt Weitere. Doch bis es soweit ist, braucht das Forschungsschiff Albis eine Pause: Es ist seit 1998 im Dienst des UFZ und bekommt jetzt erstmal eine Generalüberholung.