Staßfurt l Wer das Fahrzeugmuseum in Staßfurt zum ersten Mal betritt, dem dürfte ziemlich sicher die Kinnlade herunterklappen. Tausende Objekte von groß bis klein haben die Museumsmacher Kerstin und Ingo Schramm in den vergangenen 16 Jahren seit Ersteröffnung - damals noch im im kleinen Ort Glöthe – zusammengetragen. „Über die Jahre hat sich einiges angesammelt“, gibt Ingo Schramm (55) zu und lächelt spitzbübisch.

Präsentiert werden Fahrzeuge aus den vergangenen 70 Jahren überwiegend ostdeutscher Fahrzeugindustrie. Autos der Marken Trabant, Wartburg und von Ifa, Zweiräder von MZ oder Simson, Fahrräder von Mifa und Diamant. Neben Zubehör und allerlei kleinen Preziosen sind auch Roller und Kinderwagen zu besichtigen. Grobe Faustregel: „Unsere Fahrzeuge sollten luftbereift sein“, sagt Ingo Schramm. Wie viele Exponate es insgesamt sind? Museumschef Schramm kann es schon lang nicht mehr genau erfassen. Gezeigt werden Auto, Motorrad und Co. auf rund 1600 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Mit dem Umzug nach Staßfurt im Jahr 2014 konnte einiges an Platz hinzugewonnen werden. An dem heutigen Standort – früher wurden hier einmal Dämmplatten gefertigt – fühlen sich die Schramms mehr als wohl.

Pro Jahr eine Sonderschau

Jedes Jahr gibt es eine Sonderschau unter speziellem Motto. In diesem Jahr sind das Eigenbauten aus der DDR mit Simson- und MZ-Fahrzeugen. Begutachten lassen sich aber auch skurrile Gefährte, wie ein Sägeauto aus Osterburg von 1947 und ein Spargeltraktor, offenkundig Marke Eigenbau aus Gardelegen.

Bilder

Begonnen hat für die Schramms alles in Glöthe (Salzlandkreis). Dort setzte das Ehepaar 2004 seine Idee eines Museums in die Tat um. Die ersten Exponate konnten Besucher in einem alten Rittergur begutachten. Die Schau schlug ein wie eine Bombe, erinnert sich Schramm. Was als zeitlich begrenztes Projekt angedacht war, wuchs über die Jahre zu einer Institution in Glöthe - was so weit reichte, dass die Schramms mitunter als Herr und Frau Glöthe angesprochen wurden. Schramm ist im Hauptberuf Sachverständiger für elektrotechnische Anlagen bei der Deutschen Bahn. „Technik hat mich schon immer interessiert“, sagt er. Privat hat ihn die Begeisterung für Fahrzeuge schon in Jugendjahren gepackt.

Viele heutige Ausstellungsstücke sammelte Schramm dann vor allem Anfang der 90er Jahre ein. Nach der Wende, auf Spaziergängen mit seinem kleinen Sohn in Magdeburg. „Die Leute haben damals alles vor die Tür gestellt“, erinnert er sich. Roller, Puppenwagen und vieles mehr sackten die beiden ein.

Ingo Schramm blutete das Herz bei dem Gedanken, all die wundervollen Erinnerungen auf dem Müll landen zu sehen. „Das war doch zum Wegschmeißen viel zu schade“, sagt er. Seine Sammelleidenschaft war im Freundes-, Bekanntenkreis und darüber hinaus bald kein Geheimnis mehr. Aus allen Ecken wurden ihm kostenlos oder für kleines Geld auch Motorräder oder Autos angeboten. „Die meisten Leute wollten damals die Sachen einfach nur loswerden“, sagt Schramm.

Nein gesagt hat Schramm bei den Angeboten selten. Lange Zeit musste eine große Scheune als Lagerstätte für die wachsende Zahl von Vehikeln herhalten. Das Ausstellungsstück, mit dem die meisten Emotionen verbunden sind, ist seine EMW R35 Baujahr 1954. 1986 hatte er die EMW für 70 Ost-Mark in der Nachbarschaft bekommen. Ohne Räder, weil die für einen Handwagen gebraucht wurden. Heute steht sie mit einem DKW-Seitenwagen versehen in der Ausstellung in Staßfurt. Viele Maschinen der Art gibt es nicht mehr. „Vielleicht fünf oder sechs in dieser Art mit dem Seitenwagen“, sagt Schramm. Fahrtüchtig ist das Motorrad natürlich noch immer. An den alten EMW-Maschinen schätzt Schramm vor allem, dass sie relativ wartungsarm sind. Ersatzteile zu beschaffen, werde allerdings zunehmend kniffliger.

F9 Cabriolet

Auch ein schnittiges Ifa F9 Cabriolet steht in der Schau in Staßfurt. Das erste Auto der Schramms. Im Sommer wie im Winter war man mit dem Wagen unterwegs. Daneben steht ein Wartburg 312-5 Camping. Nur zwei Beispiele für Fahrzeuge, die man auch schon für attraktive Summen verkaufen könnte.

Ein Verkauf ist für das Museum natürlich kein Thema. Zu sehr hängen die Schramms an den Stücken, die teils auch die eigene Familiengeschichte erzählen.

Mehr als froh ist er nun zunächst, dass der Museumsrundgang auch in Corona-Zeiten wieder ohne größere Einschränkungen möglich ist. Es sind – ganz klar – Verkehrsschilder, die den Besuchern den richtigen Weg durch die Schau vorgeben. Von dem großen Fernziel spricht Schramm auch schon: Hundert Jahre MZ – dieses Jubiläum möchte er 2022 hoffentlich ohne Corona-Einschränkungen im Museum begehen.

Folgen hat Corona auch für die Messeauftritte des Fahrzeugmuseums. Von November bis April ist das Museum in der Winterpause, dann zeigen die Schramms ihre Exponate auf Fahrzeugmessen in ganz Deutschland. Zuletzt etwa in Hamburg oder Leipzig. „Dieses Jahr ist ab März fast alles abgeblasen worden“, sagt Ingo Schramm.

Dabei ist die Messepräsenz wichtig, um die Marke Fahrzeugmuseum überregional bekannter zu machen. „Und es macht natürlich einfach Spaß, ausgewählte Fahrzeuge einem größeren Publikumskreis zu präsentieren“, sagt Schramm. So ist etwa bei Camping-Ausstellungen der Trabi mit Dachzelt immer wieder ein Hingucker. Sowohl für Westdeutsche, die den Trabant 601 de Luxe mit Dachzelt mitunter nur aus dem Film „Go Trabi go“ kennen. Und für Ostdeutsche, die beim Anblick nostalgische Erinnerungen an frühere Camping-Urlaube hervorkramen.

Das Ziel ist, dass Menschen vor den Fahrzeugen nicht nur ins Staunen, sondern auch ins Gespräch kommen. „Das gemeinsame Erinnern, das ist es doch, worum es geht“, sagt Schramm.

Das Fahrzeugmuseum definiert der 55-Jährige als Familienmuseum für alle Generationen. Für Fragen und Gespräche steht der Museumsmacher für Besucher selbstredend immer bereit. Sicher ist: Ingo Schramm hat zu jedem Gefährt eine knackige Story auf Lager. Nach dem Motto: Jede Schraube erzählt eine Geschichte.