Wernigerode l Ein Fläschchen Balsamico aus Wernigerodes Partnerstadt Carpi steht im Schrank zwischen Gewürzen und Honig. 70 Euro hat es gekostet – und der edle Tropfen sei jeden Cent wert, sagt Peter Osten. „ Ja, wir stehen ein wenig in dem Ruf, Hedonisten zu sein. Dabei ist das, was wir tun, durchaus politisch", sagt der gebürtige Wernigeröder. Peter Osten ist Mitglied einer Bewegung, die sich mehr widmet als dem genussvollen Speisen, wenngleich der Name genau dieses impliziert: Slow Food. Langsames Essen. Doch hier geht‘s um mehr als nur um gründliche Kaubewegungen und langsame Nahrungsaufnahme.

Slow Food, das sei nicht nur bewusstes, sondern auch nachhaltiges, fair produziertes, regionales Essen, betont der Jurist, der das Convivium Harz leitet. Denn die Anhänger von Slow Food Deutschland sind in sogenannten Convivien, zu deutsch: Tafelrrunden, organisiert. Die Organisation ist auf eine Million Mitglieder in 160 Staaten gewachsen. In Deutschland sind 14 000 Mitglieder in 85 Convivien aktiv. Das stärkste Convivium ist München mit knapp 1000 Anhängern. In Sachsen-Anhalt halten neben dem Harz, der grenzüberschreitend auch die niedersächsische Seite des Mittelgebirges einschließt, auch die Gruppen Halle-Leipzig und Magdeburg die Fahne für faire und leckere Produkte aus der Region hoch.

Einsatz für gutes Essen

Das Harzer Convivium hat derzeit 70 Mitglieder. Im Führungsteam sind acht Frauen und Männer, darunter zwei Gastwirte und Professionelle aus der Lebensmittelbranche. Der Vorsitzende Peter Osten sieht sich als „Erster unter Gleichen", wie er sagt.

Ihre Arbeit verstehen die Anhänger als Einsatz für gutes Essen – das schließt für sie vor allem die Seite der Produzenten ein. „Wenn man gut essen will, will man, dass das Essen sauber produziert wird. Und dann will man, dass die Produzenten fair verdienen", sagt der 73-Jährige. „Und dafür braucht man die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Deshalb hat Slow Food auch in Brüssel ein Büro und betreibt Lobbyarbeit."

Und nicht nur das – Slow Food hat eine Zeitschrift sowie eine eigene Universität der Gastronomischen Wissenschaften im italienischen Pollenzo. Überhaupt – taucht man in das Thema ein, begegnet man immer wieder Italien. Kein Wunder: „Slow Food ist eine italienische Erfindung", sagt Peter Osten. „Der Gründer Carlo Petrini hat 1986 gegen die Eröffnung einer Mc Donald‘s Filiale demonstriert." Das Fastfood-Restaurant an der Spanischen Treppe in Rom – ein typischer Fress-Tempel mit antikisierenden Säulen, künstlichen Palmen und fettigen Burgern – war in den 1980er Jahren Anlass zur Gründung der Bewegung.

Osten ist Toscana-Liebhaber

Auch Peter Ostens Vita hat italienische Episoden. So fährt er seit 1998 jedes Jahr in die Toscana, um einem Freund bei der Olivenernte zu helfen. Ende Oktober ist es wieder so weit. Das Olivenöl verschenkt er in der Familie und nutzt es selbst zum Kochen. Eine weitere italienische Episode dauert bis heute an: Seine Freundin, eine Richterin in Rom, ist Italienerin. Über sie wurde er überhaupt erst auf die internationale Slow Food-Bewegung aufmerksam, ist seit 2006 engagiertes Mitglied.

Seit 2012 lebt der pensionierte Verwaltungsrichter, der bis zu seinem Ruhestand 2010 in Karlsruhe arbeitete, wieder in Wernigerode. Und das auf etwas unkonventionelle Art: In seinem Elternhaus wohnt er in einer Art Wohngemeinschaft mit Studenten zusammen. Auch zwei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge lebten bei ihm, für sie hatte er die Vormundschaft übernommen. Es verwundert wenig, dass der Kunstliebhaber sich auch bei den Grünen politisch engagiert.

Königsberger Klopse vom Opa

Denkt er an seine Kindheit in Wernigerode zurück, dann erinnert er sich an die Königsberger Klopse seines Großvaters Richard, der sehr gerne kochte - jedenfalls lieber als seine Mutter, wie sich Peter Osten erinnert. Drei Ziegen und Hühner hatte die Familie auf dem Grundstück an der Friedrichstraße. „In der Kindheit wird ja der Geschmack geschult. Ich erinnere mich bis heute an die Kombination von Ziegenmilch und Gravensteiner Äpfeln", sagt er. 1958 – da war er 13 Jahre alt – siedelte er mit seiner Familie nach Mannheim über, der Heimat des Vaters. Nach seinem Jurastudium leitete Peter Osten das Umweltschutzamt in Mosbach in Baden-Württemberg.

Er studierte an der Verwaltungskaderschmiede, der École Nationale d‘Administration (kurz ENA, deutsch Nationale Hochschule für Verwaltung) in Paris und wurde Verwaltungsrichter in Karlsruhe. 30 Jahre lang war er dort tätig. Dort war er auch erster stiller Gesellschafter des ersten Bio-Ladens in Karlsruhe. „Die Geburt meines ersten Sohnes hat mich für bewusste Ernährung sensibilisiert", sagt Peter Osten rückblickend. Auf der Suche nach „vernünftigem Essen" schloss sich die Familie Anfang der 1980er Jahre einer Gruppe für Solidarische Landwirtschaft an.

Zweimal pro Woche Fleisch

Der Vater von zwei Söhnen, der Mitglied der Grünen ist, isst bis heute nicht öfter als zweimal pro Woche Fleisch. Und dabei muss es nicht das Filet sein. „Ich bin Fan von Rinderbeinscheiben und Ochsenschwanz." Auf seinem letzten Kreta-Urlaub probierte er sich durch die ganze Palette an Innereien – da durften auch Kutteln nicht fehlen. Ein Kochbuch mit Rezepten für Innereien ist eines seiner Favoriten.

„Wir sind bei Slow Food gegen Verschwendung von Lebensmitteln. Es soll möglichst alles vom Tier verzehrt werden." Dass Slow Food nur was für Besserverdiener ist, glaubt er nicht. „Es ist nicht teuer, mit regionalem Gemüse zu kochen", sagt er. Er selbst bedient sich im Bio-Laden gern an der Kiste mit der Nummer 40 - dort landet alles, was nicht mehr so schön und knackig ist. „Das kostet fast nichts - und es schmeckt trotzdem." Sparen könne man auch, wenn man wie er auf Vorrat kocht. „Wenn ich Ragout zubereite, dann landet das meiste in Gläsern, die ich für später aufbewahre." Im Harzer Convivium gibt es etliche Aufgaben: Peter Osten organisiert regelmäßig einen kulinarischen Kino-Abend mit thematischem Schwerpunkt, nach dem die Teilnehmer gemeinsam in der Biothek in Wernigerode speisen.

Daneben wirken die Mitglieder am Genussführer von Slow Food Deutschland und an einem Einkaufsführer mit. Obwohl etliche Mitglieder selbst in der Gastronomie tätig sind, geht es solidarisch zu. Antje Radcke, die sich im Harzer Convivium engagiert, verfasst derzeit ein Kochbuch mit Harzer Rezepten. Mitmachen kann jeder, der mag – gerne gut und nachhaltig isst.

Ein Lieblingsessen habe Peter Osten übrigens nicht. „Ich schnippele unheimlich gern Gemüse für Ratatouille. Das ist wie Meditation", schwärmt er. Gerne isst er Risotto und Pasta - allein schon wegen der italienischen Freundin.