Tangermünde l Er besitzt die wunderbare Gabe zuhören zu können. Er hinterfragt. Und er sieht die Welt aus einem ganz bestimmten Blickwinkel - genau aus dem, den viele Menschen verlernt haben zu nutzen. Michael Siegmund philosophiert für sein Leben gern. Er stellt sich selbst die „großen Fragen“. Auch deshalb hat sich der 31-Jährige die Arbeit mit Kindern ausgesucht. Die kleinen Menschen fragen noch „frei von der Leber weg“. Sie antworten aus dem Bauch heraus. 

Seinen kritischen und nach Lösungen suchenden Blick auf das Leben hat sich der bekennende Tangermünder im Laufe seiner Schulzeit antrainiert. „Schon als Kind habe ich viel wissen wollen. Aber das will wohl jedes Kind“, schränkt er seine Antwort sofort wieder ein. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder in einem behüteten Zuhause aufgewachsen, in dem die Großmutter eine wichtige Rolle spielte, denkt der junge Mann sehr gern an seine Kindheit zurück. „Ich verbinde sie mit viel Natur, Wald, Seen und Baden“, erinnert er sich. Die Oma sei für beide Jungen ein sehr wichtiger Bezugspunkt gewesen. Sie habe ihnen vorgelesen, mit ihnen Verstecken gespielt und „Lego, Lego, Lego“ gebaut.

Klima der Angst und Dominanz

Doch auch die Eltern, beide beruflich stark eingebunden, seien für die Jungs wichtige Partner gewesen. Oma und Mutter nennt Michael Siegmund seine „prägendsten Menschen fürs Leben“. Wenn sich der junge Vater an seine Schulzeit erinnert, spricht er einerseits von „einer inspirierenden Zeit mit tollen Lehrern“, doch gerade die Grundschulzeit würde er so nie wieder erleben wollen. Ein Lehrer mit schlimmsten Eigenschaften bestimmte jene Phase, schuf ein Klima der Angst und der Dominanz. „Bis heute habe ich ein Problem mit Menschen, die nur mit künstlicher Autorität herrschen wollen“, erklärt Michael Siegmund. Und wie sein Gegenüber tickt, das findet er ganz schnell heraus. Er hat extrem sensible Antennen für seine Umwelt. „Das ist für mich heute sehr hilfreich, weil ich viel wahrnehme. Als Kind ist es zuweilen aber auch eine Last.“

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Michael Siegmund ist keiner, der sich berieseln lässt von der Informationsflut. Er gehört nicht zu jenen, die ungebremst konsumieren. Für ihn liegt der Sinn des Lebens nicht im Besitzen und Auftrumpfen anderen gegenüber. Noch heute, als erwachsener Mensch, hinterfragt er tagtäglich. Dabei ist er überaus sympathisch, ein wunderbarer Zuhörer, und jemand, der Wege aufzeigt, um bei der Bildung Veränderungen zu erreichen.

Warum gerade in der Bildung? Der Tangermünder hat Kindheitswissenschaften und Bildungswissenschaften studiert. Heute arbeitet er als Sozialpädagoge im Privatgymnasium Stendal und Tangermünde. „Eigentlich wollte ich Lehrer werden“, erzählt er. Sein Geschichtslehrer am Privatgymnasium, Hartmut Wildermuth, ist „Schuld“ daran. „Er hat mein Leben innerhalb von zwei Monaten so ziemlich umgekrempelt“, erinnert er sich. Dieser Lehrer habe es geschafft, die „Freude am Wissen, Denken und Fragen wach zu kitzeln“.

Multiperspektivische Betrachtung

Er habe den Weg dafür geebnet, dass Michael Siegmund sein Leben heute multiperspektivisch betrachten kann. „Multiperspektivisch heißt, dass man eine Sache so oder so sehen kann. Wechsel der Perspektiven. Das fasziniert mich.“ Und noch etwas faszinierte den Gymnasiasten damals wie heute noch immer am Unterricht von Hartmut Wildermuth: „Hier gibt es keinen Druck. Er lebt die Idee Schule genau so, wie ich sie mir vom ersten Tag an gewünscht hätte.“ In seiner Abiturzeit schrieb Michael Siegmund gemeinsam mit einem Klassenkameraden sein erstes Buch. Hartmut Wildermuth war dabei der Ideengeber, Unterstützer, Berater.

„Was ist wirklich hängen geblieben von dem Wissen, das meine Generation, die meiner Eltern und aller davor in der Schule vermittelt bekommen haben?“

Mit 19 Jahren, das Abitur in der Tasche, stellte sich der junge Mann die Frage: „Was willst du im Leben wirklich - Karriere oder Herzenswunsch?“ Denn in einer Sache ist er sich sicher: „Wahrscheinlich wäre ich auch ein guter Autoverkäufer oder Investmentberater geworden. Doch da stellte sich mir die Sinnhaftigkeit eines jeden Berufes, einer jeden Tätigkeit. Was bewirke ich im Leben? Was will ich tun? Ich wollte Positives weitergeben, etwas, das über das Monetäre hinausgeht. Ich wollte das weitergeben, was ich als Schüler selbst positiv erfahren hatte.“ Ein möglicher Weg zeichnete sich für ihn über das Lehramt ab.

Doch zu schnell, zu viel an der Universität in Halle auf den Stundenplan gepackt, mit überbordendem Stress und endlos scheinenden Tagen gestartet, meldete sich nach einem Jahr der Körper des Studenten und sendete Alarmzeichen. „Ich zog die Reißleine, sortierte mich neu, ging nach Stendal und wechselte zu den Kindheitswissenschaften. Im Nachhinein eine der besten Entscheidungen in meinem Leben.“ Hier gab es ihn wieder, den multiperspektivischen Blick - dieses Mal auf das Kind. Mal aus dem Blickwinkel der Gesundheit, dann aus dem der Pädagogik, des Rechts, der Philosophie. „Dieses Studium war der reine Luxus“, schwärmt Michael Siegmund rückblickend. Denn nicht nur das familiäre Umfeld in Stendal gefiel ihm. Wieder fand er einen Lehrenden, der ihn zum Schreiben animierte, an ihn glaubte und mit ihm Studienmaterial ausarbeitete. „Joachim Bröcher hat mir in dieser Zeit das Tor zur Wissenschaft aufgeschlossen“, ist sich der 31-Jährige sicher. 

Das Ziel: neue Perspektiven

Nach dem Bachelor in Stendal ging es für den jungen Philosophen an die Universität Magdeburg. Seine Ziele: neue Perspektiven, sich weiter professionalisieren, der Masterabschluss. „In dieser Zeit wurde ich sehr durch Renate Girmes und ihre vielen Impulse geprägt“, sagt er rückblickend und dankbar. Seinen Master hat Michael Siegmund als „Bildungssystemdesigner“ in der Tasche. Nur eine Handvoll dieser „Designer“ gibt es in Deutschland. Wenn irgendwann einmal jemand wissen möchte, wie Schule wirklich Spaß macht, wie die Möglichkeiten von Kindern und Jugendlichen eher erweitert anstatt eingeschränkt werden, der findet in dem neugierigen Tangermünder den richtigen Ansprechpartner. Ideen und Vorstellungen von einem Bildungssystem hat er reichlich. Ganz deutlich gibt er zu verstehen: „Es ist mein Herzensthema, die Neugier der Menschen zu fördern.“ Die Realität im Bildungssystem sehe jedoch anders aus. „Was ist wirklich hängen geblieben von all dem Wissen, das meine Generation, die meiner Eltern und aller davor und danach in der Schule vermittelt bekommen haben?“ 

Er blickt skeptisch bei dieser Frage. Seit etwa 15 Jahren beschäftigt sich Michael Siegmund mit der Frage nach einem Schulsystem, das so aufgebaut ist, dass es Spaß macht und zur Entfaltung der Menschen beiträgt. „Leider hat sich nichts in dieser Zeit geändert“, stellt er nüchtern fest. Das hindert ihn jedoch nicht daran, für seine Ideale weiterhin aktiv zu werden. Er schreibt Geschichtenbücher und Ratgeber, in denen er zeigt, wie jeder spielend leicht mit Kindern philosophieren kann, wie Unterricht in jeder Klassenstufe simpel, aber wirkungsvoll verändert und damit interessant werden kann. Er teilt Ideen und Texte auf seiner Internetseite www.michael-siegmund.com.

Als Sozialpädagoge fühlt er sich angekommen, philosophiert hier und auch in seiner Freizeit in der Stendaler Kita „Färberhof“ mit Kindern. Außerdem ist er politisch als parteiloser Stadtrat in Tangermünde engagiert. Den Blick auf das Hier und Jetzt gerichtet, spricht er von einem „sehr erfüllten, reichen Leben, das ich mir nicht schöner vorstellen kann“.