Gommern l Es ist kurz 15 Uhr. Pfarrer Michael Seils tritt aufs Gaspedal. Die Ampel unweit der evangelischen Kirche Gommerns schaltet auf Tiefgelb. Egal. Augen auf und durch. In Pretzien wartet in St.-Thomas schon der Frauenkreis.

Pfeifenraucher Seils kennt sich aus. 1979 bis 1984 in Halle Theologie studiert, danach Forscher in Sachen Ökumene, sechs Jahre lang Studentenpfarrer und bis 2003 Landpfarrer mit Sitz in Bad Lauchstädt im Saalekreis. „Üblich war damals, dass ein Pfarrer für zwei, drei Orte zuständig sind“, sagt er. Eine Personalsituation die aus heutiger Sicht so unwirklich erscheint wie zwei Lotto-Sechser hintereinander.

„Als ich später als Superintendent nach Magdeburg kam, hat mein Nachfolger drei Gemeinden dazubekommen.“ Inzwischen sind zehn der Durchschnitt, Spitzenreiter, zum Beispiel in der Altmark, sind Pfarrer, die für mehr als 20 Orte das Barett aufhaben.

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Im runden Anbau der Pretziener Kirche, der Christopheruskapelle, duftet es nach Kaffee. Sieben Frauen, die jüngste 71, die älteste 90 Jahre alt, freuen sich auf das Zusammentreffen mit ihrem Hirten, der sie alle paar Wochen besucht.

„Wir sind heute wieder mal mehr, als manchmal beim Gottesdienst“, ruft eine der Damen, als Seils den Raum betritt. Und genau dieser Umstand ist ein Punkt, warum Pfarrer immer längere Wege auf sich nehmen müssen, um die Gläubigen zu besuchen.

Oberkirchenrat Michael Lehmann, Personaldezernent bei der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, sagt, dass es eine Berechnungsgrundlage für die Anzahl der Pfarrstellen gibt. „Dazu gehören die Zahl der Kirchenmitglieder – Tendenz fallend, nur 11 von 100 Sachsen-Anhalt sind evangelisch – und die Zahl der Einwohner – ebenfalls abnehmend.“ Die Frage müsse immer wieder neu beantwortet werden: Wieviel Pfarrer-Stellen können wir uns leisten? Auch der Gedanke, Strukturen zu verändern, Kirchengemeinden zusammenzulegen, werde diskutiert. „Aber, die Erfahrungen, dass sich die Gemeinden besser organisieren, wenn ihr Bereich überschaubar ist, muss bedacht werden.“

Pfarrer Seiler schlägt das Gesangbuch auf: „Lobe den Herren, den mächtigen König“, stimmt er an.

Gommern, Karith, Pöthen, Dannigkow, Plötzky, Pretzien, Ranies sind die Orte, die zu seinem Bereich gehören. „Da ist alles durchorganisiert. Aber ohne die Hilfe von zwei betagten Pfarrern im Ruhestand und einer Pädagogin wäre der direkte Kontakt zu den Menschen noch schwieriger. Seiler nennt es „Kontaktflächen“, die heute schon immer kleiner werden. „Die Menschen zu besuchen, in die Häuser zu gehen, wird zur immer größeren Kraftanstrengung.“

Und es seien ja nicht nur die Gottesdienste. Taufen, Beerdigungen, Krankenbesuche, dort, wo er als Seelsorger gebraucht werde, teils unplanbar, seien wichtige Seiten seiner Berufung.

Der Pfarrer spricht in der Kapelle über Träume und Wünsche. „Man steht morgens auf, aber die Wünsche bleiben einfach liegen. Abends, bei Zubettgehen, findet man sie dann plattgedrückt unterm Kopfkissen.“

Der Frauenkreis hört andächtig zu. Hat man im hohen Alter noch Träume und Wünsche? Fast jede hat eigene Beispiele. Ganz oben auf der Wunschliste: Gesundheit.

Neben der unmittelbaren Arbeit mit den Menschen habe ein Pfarrer noch eine Menge „Verwaltungskram“ zu erledigen. Seils zündet sich die nächste Pfeife an und wagt einen Blick in die Zukunft. „Wenn ich 2024 in den Ruhestand gehe, wird es wohl mit nur sieben Gemeinden rund um die St.-Thomas-Kirche vorbei sein.“ Geplant sei, dass der künftige Pfarrer von Gommern dann noch Orte aus dem Leitzkauer Bereich dazubekommt.

Doch das sei noch Zukunftsmusik, sagt der 61-Jährige. Zurzeit stehe erst einmal Weihnachten vor der Kirchentür. Und da sei Organisation und Stehvermögen gefragt. „Am Morgen des 24. Dezember geht es um 9 Uhr in der Seniorenresidenz Gommern mit einer Christvesper los. Das haben sich die Rentner so gewünscht.“ 15 Uhr, 16.30 Uhr, 18 Uhr – Gommern, Vehlitz und wieder Gommern. „Insgesamt neun Gottesdienst, sechs davon mit Krippenspiel.

In Pretzien ist alle vier Wochen Gottesdienst, erzählen die Damen vom Frauenkreis. Zu selten? Allgemeines Kopfschütteln. Man habe sich daran gewöhnt. Aber die Erinnerung an Zeiten, als an jedem Sonntag die Glocken zur Andacht riefen ist noch da. „Zwei bis fünf“ Gläubige fänden heute den Weg zum Gottesdienst. Das selbstkritische Wort „Bequemlichkeit“ macht die Runde. Eine sagt: „Alle zwei Wochen gibt es den evangelischen Gottesdienst im Fernsehen. Da muss man nicht raus und kann in der warmen Stube bleiben.“

Seils meint: „Die Menschen sind in Scharen ausgetreten und kommen nur einzeln zurück.“ Solange die Dorfkirchen fast leer blieben, sei auch nicht damit zu rechnen, dass es wieder mehr Pfarrer gibt.

Für den Geistlichen ist es vor allem die Verwaltungsarbeit, die immer mehr wächst. „Sehen sie nur die Kirchen und andere Gebäude. Die Zahl der Pfarrer sinkt, aber die Zahl der Grundstücke bleibt.“ Zwar sei man in Magdeburg bemüht, die Landpfarrer bei dieser Verwaltungsarbeit zu entlasten. „Aber ein sehr großer Aufwand bleibt dann doch noch übrig.“

In der Kapelle duftet es nach Kaffee. Nach dem letzten Amen gibt es Kirschstreusel. Eine der Frauen hatte Geburtstag. Die Gespräche gehen weiter. Weihnachten steht vor der Tür.