Magdeburg l Der aktuelle „Entgeltatlas 2018“ der Bundesagentur für Arbeit weist bei der Bezahlung von Fachkräften in der Altenpflege ein deutliches Lohngefälle auf: So lag das Bruttomonatsgehalt von vollzeitbeschäftigten Altenpflegern im Westen gut 450 Euro höher als im Osten. Hier trägt Sachsen-Anhalt trotz Anhebung der mittleren Gehälter von 2100 Euro auf 2329 Euro (2018) die rote Laterne. Im Vergleich zu Baden-Württemberg haben die Altenpfleger gar 840 Euro weniger in der Tasche.

Es gibt zwar Unternehmen im Land, die wie etwa die Caritas ihr examiniertes Personal in Anlehnung an den Tarif des öffentlichen Dienstes (TVÖD) bezahlen. Oder Privatunternehmen wie „Humanas“ in Colbitz (Bördekreis), die laut Firmenchef Jörg Biastoch bei den Nettobeträgen 4 Prozent über dem TVÖD liegen. Doch vor allem im privaten Sektor der häuslichen Krankenpflege sind viele Pfleger unterbezahlt. Wie Annette K. (Name geändert), die als Fachkraft seit 2016 bei einem ambulanten Pflegedienst im Harzkreis arbeitetet und sogar mit unter 2000 Euro brutto nach Hause geht.

Bernd Becker, Verdi-Landesfachbereichsleiter Gesundheit und Soziales, kritisiert solche Dumping-Löhne: „Wir sind in Sachsen-Anhalt in großen Bereichen der stationären und ambulanten Pflege noch meilenweit weg von Tariflöhnen.“

Fachkräftemangel verschärft

Die Zahl der Pflege-Unternehmen mit Tarifbindung liegt bei 19 Prozent. 2005 waren es noch fast zehn Prozent mehr. Das verschärft den Fachkräftemangel in der Branche: Schon jetzt ist in Sachsen-Anhalt eine offene Stelle im Schnitt 160 Tage unbesetzt. Das Sozialministerium beziffert den steigenden Bedarf an Pflegekräften bis zum Jahr 2030 um bis zu 36 Prozent. Dass es in Westdeutschland bis zu 840 Euro mehr gibt, fördere das „Job-Hopping“, so Becker. Junge, ungebundene Pflegekräfte gingen zuerst dorthin, wo die Arbeitsbedingungen besser sind und sie mehr Geld bekommen. „Deshalb fordern wir einen flächendeckenden Tarifvertrag, der garantiert, dass gleiche Arbeit auch überall gleich bezahlt wird.“ Verdi orientiert sich dabei an einem Bruttomonatsgehalt von mindestens 3000 Euro.

Auch die GroKo strebt einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag an. Private Anbieter lehnen den ab: Rainer Brüderle, Präsident des bpa, größter Arbeitgeberverband privater Pflegedienstleister, hat verfassungsrechtliche Bedenken, da die Tarifautonomie ausgehebelt werde. Bpa-Landes-chefin Sabine Kösling wirft das Problem der Refinanzierung zu Lasten der Pflegebedürftigen auf: Denn mit den Löhnen steigen automatisch auch die Zuzahlungen. „Beides ist nicht gleich populär.“ Pflege-Unternehmer Biastoch sieht die Kassen in der Verantwortung. Diese honorieren gleiche Pflegeleistungen bundesweit unterschiedlich: So wird den im Arbeitgeberverband DABV organisierten Diensten die Medikamentengabe von der AOK Sachsen-Anhalt mit 6,25 Euro vergütet, die AOK Baden-Württemberg zahlt dafür 10,71 Euro. Eine bundesweit einheitliche Vergütung durch die Kassen, so Biastoch, „wäre für uns ein großer Schritt nach vorn“.