Magdeburg l Sven Kühnemann traute seinen Augen nicht, als er die Post vom ASB Pflegeheim Magdeburg öffnete. Eine Preiserhöhung wird angekündigt. „Schon wieder.“ Der so genannte Eigenanteil, den seine zu pflegende Mutter aus eigener Tasche zahlt, soll dieses Jahr um 25 Prozent steigen. Dabei war der Preis erst voriges Jahr um satte 44 Prozent geklettert. So geht das seit Jahren.

2015 waren im Monat 839 Euro fällig. 2017 waren es schon 1026 Euro. Voriges Jahr 1446 Euro. Und ab März sollen es voraussichtlich 1837 Euro sein. „Meine Mutter bekommt eine gute Rente – aber dafür reicht es dann nicht mehr“, sagt Sven Kühnemann. „Da bleibt nur der Gang zum Sozialamt.“

Das ist kein Einzelfall. Unser Vergleich zeigt, dass die Preise vieler Heime in anderthalb Jahren 20 bis 40 Prozent nach oben schossen. Monatliche Belastungen von 1400 bis 1900 Euro sind an der Tagesordnung. Die Rente reicht dafür oft nicht. In Sachsen-Anhalt bekommt ein Mann im Schnitt gut 1200 Euro Rente. Bei Frauen sind es nur 939 Euro. Eine Witwenrente bessert die monatliche Einnahme zwar auf, aber auch das reicht oft nicht mehr. Dann muss das Sozialamt aushelfen. Dessen Ausgaben steigen.

Entlastung für Kinder

Reicht die Rente nicht, trägt das Sozialamt die Lücke – also die Steuerkassse. In Sachsen-Anhalt waren das 2016 gut 27 Millionen Euro. 2018 schon 36 Millionen Euro.

Bislang holte sich die Sozialgentur Halle einen Teil der Gelder von Angehörigen zurück, sofern die selbst gut bei Kasse waren. Das waren gut zwei Millionen Euro pro Jahr. Das ist jetzt vorbei. Seit dem 1. Januar gilt bundesweit das Angehörigen-Entlastungsgesetz. Kinder müssen nicht mehr für die Heimplatzkosten der Eltern aufkommen. Das gilt für alle, die nicht mehr als 100.000 Euro Jahreseinkommen haben. Und das sind in Sachsen-Anhalt die meisten.

Die Entlastung plus die wachsenden Heimkosten bedeuten: Die Heimstütze aus der Sozialkasse wird deutlich steigen. Das Sozialministerium plant für 2020 bereits 44 Millionen Euro ein. Für 2021 sind es 47 Millionen Euro. Ob das reicht, ist fraglich. Möglicherweise entscheiden sich künftig mehr Ältere für den Heimplatz, da die Kinder ja nicht mehr dafür aufkommen müssen.

Fest steht: Die Heimpreise werden auch in den nächsten Jahren schneller wachsen als die Renten. Von den 452 Heimen im Land haben sich bereits jetzt im Januar 193 Heime gemeldet, um neue Pflegesätze mit den Kassen zu verhandeln, teilte die AOK mit. Das heißt: Es wird teurer.

Bessere Löhne, steigende Kosten

Der Preisgalopp hat viele Gründe.

Gehälter:
Die Verdienste sind in den vergangenen Jahren im Mittel um mehr als zehn Prozent gestiegen. „Das wurde auch Zeit“, sagt Bernd Becker von der Gewerkschaft Verdi. „Jahrelang wurden die Löhne in der Pflege runtergedrückt.“ Das Niveau lag oft bei nur 80 Prozent vom öffentlichen Tarif. Mittlerweile sind es im Mittel 95 Prozent, sagt Becker. Das heißt: Etwa 2000 brutto Einstiegsgehalt für eine Hilfskraft und 2500 Euro für eine Fachkraft. Anbieter wie Salus, DRK, Paritätischer sind nahe am öffentlichen Tarif.

Etliche Privatanbieter liegen aber noch deutlich darunter. Das erklärt auch die vergleichsweise günstigen Preise einiger Heime. Da Fachkräfte rar sind und zudem ein allgemeinverbindlicher Flächentarifvertrag absehbar ist, dürften die Löhne aber in allen Heimen weiter steigen. Und damit auch die Heimpreise. Das gilt deutschlandweit.

Ausbildung:
Im Heimpreis steckt auch eine Ausbildungspauschale, die jeder Heimbewohner zu zahlen hat. Die schwankt derzeit enorm zwischen 20 Euro und mehr als 200 Euro im Monat – je nachdem, wie viele Azubis ein Heim zu welchen Konditionen ausbildet.

In vielen Fällen mussten angehende Pfleger bislang ihre Ausbildung selbst bezahlen. Sachsen-Anhalt hat dieses Schulgeld inzwischen abgeschafft. Seit diesem Jahr zahlen Heime und andere Träger in einen Fonds ein, der die Ausbildung und einen Teil der Azubi-Gehälter finanziert. Ein Pflegeheim muss hier im Mittel insgesamt gut 10.000 Euro im Jahr überweisen. Hinzu kommen steigende Azubi-Gehälter.