Magdeburg l Als die Polizisten einen Hof in Osterburg im Landkreis Stendal durchsuchen, staunen sie nicht schlecht. Die Beamten finden schon im Eingangsbereich der Wohnung zahlreiche Patronen, Kugelbomben und weitere Pyrotechnik. Während die Entschärfer des Landeskriminalamtes (LKA) alles einsammeln, finden Ermittler im nächsten Raum in Schubladen außerdem Messer und Pistolen. Die Werkstatt des Eigentümers Dennis T. verfügt über eine Dreh- und Fräsbank, Bohrmaschinen und hochwertiges Equipment zum Herstellen und Ändern von Waffen aller Art.

In den Schubkästen finden die Beamten weitere Pistolen, Gewehrläufe, ein Sturmgewehr und Maschinenpistolen. Hunderte Patronen gehören dazu. Ein Panzerfaustkopf und der Zünder einer Granate liegen auf einem Schrank herum. Die Funde werden als derart gefährlich eingeschätzt, dass der Kampfmittelbe- seitigungsdienst anrücken muss.

Der heute 48-jährige Angeklagte muss sich seit einigen Wochen vor dem Landgericht Stendal wegen des Handels, Umbaus und Besitzes von Kriegswaffen verantworten. Die Durchsuchung in diesem Fall ist inzwischen fünf Jahre her. So lange benötigten Polizei und Staatsanwaltschaft, gemeinsam mit den Behörden anderer Länder, alles gerichtsfest aufzuarbeiten.

Bis zu zehn Jahre Haft angedroht

Zeitgleich hatten die Beamten an diesem Tag im Juli 2015 auch das Haus des Mitangeklagten in Niedersachsen durchsucht.Auch bei dem 51-Jährigen wurden die Ermittler fündig. Die Munition steckte bei ihm in einer Jackentasche, Pistolen im Fernsehschrank. An der Wand hingen Deko-Waffen, anscheinend ist der Mann ein Militaria-Freund. Mit im Raum stand ein Deko-Maschinengewehr auf einer Lafette. 50 Schuss Pistolenmunition waren in einem Stiefel versteckt. Weitere Waffen lagerten im Heizungsraum. Eine Schreckschusspistole fanden die Beamten im Nachttischschrank. Selbst im Auto lagen die Patronen herum.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Beide Männer sollen sich in mehr als hundert Fällen Waffen und Munition aus dem Ausland, vor allem aus Tschechien, beschafft und mit erheblichen Gewinnen weiterverkauft haben. Es droht eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Mit dem Urteil wird in den nächsten Wochen gerechnet.

Solche extremen Fälle tauchen in Sachsen-Anhalt immer wieder auf. So muss sich demnächst ein 56-jähriger Mann aus Nordrhein-Westfalen vor dem Landgericht Paderborn verantworten, der im Februar 2017 in Dessau 900 Gewehre und andere Waffen gehortet hatte. Insgesamt fanden die Ermittler auch 2,2 Tonnen Munition. Die Aufarbeitung hatte sich auch in diesem Fall als sehr aufwendig und zeit­intensiv herausgestellt, weil die einzelnen Waffen alle zugeordnet werden mussten. Zudem platzte bereits zweimal die Verhandlung, weil der Angeklagte nicht vor Gericht erschien. Die Staatsanwaltschaft hat nun einen Haftbefehl beantragt.

„Verrückte Sammler“ und Kriminelle

Rund tausend Mal hat die Polizei in Sachsen-Anhalt Verstöße gegen das Waffengesetz im vergangenen Jahr registriert. In 40 Fällen wurden Ermittlungen wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz eingeleitet. Das waren zwölf Fälle mehr als noch im Jahr davor. Michael Klocke, Sprecher des Landeskriminalamtes: „Auffällig ist, dass dieser Bereich absolut männerdominiert ist.“ So ist unter den 33 ermittelten Verdächtigen nur eine Frau.

Knapp 180 scharfe Waffen sind im vergangenen Jahr von der Polizei konfisziert worden. Hinzu kamen knapp 20.000 Schuss Munition.

Die häufigsten Gründe für solche Straftaten sind nach Angaben von Olaf März, Waffen-Fachmann beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK): „Meist handelt es sich um verrückte Sammler und Kriminelle.“ Letztere verwenden die Waffen, um ihre Interessen durchzusetzen. Neben dem Rechtsterroristen Stephan B., der am 9. Oktober mit selbsthergestellten Waffen zwei Menschen tötete, gehören auch Kriminelle aus dem Bereich des organisierten Verbrechens dazu.

Ein Beispiel ist der sogenannte Pate von Magdeburg. Bei ihm hatten die Beamten neben einer geladenen Pistole auch ein Sturmgewehr Ak 47 samt aufmunitioniertem Magazin gefunden. Der 36-jährige Angeklagte ist in erster Instanz vom Landgericht Magdeburg zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren wegen bewaffneten Drogenhandels verurteilt worden.

Wie Olaf März erklärt, seien auch immer wieder Fälle aus der Militaria-Szene dabei. Deren Mitglieder nutzen das Internet für Ankäufe und suchen auf ehemaligen Schlachtfeldern mit wasserdichten Sonden, Metalldetektoren und Langleinenmagneten nach Kriegswaffen.