Magdeburg l Auf einmal stand der Angreifer wieder vor ihm. Ohne Vorwarnung. Nach mehr als vier Jahren. „Ich konnte mich kaum bewegen“, erinnert sich Michael Kreuter. Bei einer Fahrradkontrolle in Magdeburg nimmt der Polizeibeamte im Herbst 2018 die Personalien eines Mannes auf. Ein Passant bepöbelt ihn. Routine. Doch für Kreuter ist es ein Schlüsselmoment. Er löst bei dem 52-Jährigen einen Flashback aus. Schlagartig nehmen ihn seine Gedanken wieder mit zurück zum 11. Februar 2014.

Damals hielten der vierfache Vater und sein Kollege in der Nachtschicht einen Fahrradfahrer an, der ohne Licht unterwegs war. Der Mann wurde schnell aggressiv, schlug Kreuter ins Gesicht, griff wenige Sekunden später zum Panzerkettenschloss und durchtrennte das Schien- und Wadenbein des Beamten. Zwei Wochen Krankenhaus, eine langwierige Reha, alternative Heilmethoden, weil der Bruch schlecht verheilte – erst nach elf Monaten war Kreuter zurück im Dienst. „Mir ging es danach gut“, sagt Kreuter. „Aber eigentlich hatte ich den Vorfall immer nur verdrängt und nichts verarbeitet.“ Nach seinem Flashback bekam er die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, hatte Schlafstörungen und Albträume. Seitdem ist er beim Polizeiärztlichen Dienst in Behandlung. Die Traumatherapie soll helfen, das Erlebnis zu verarbeiten.

186 Polizisten im Dienst verletzt

2018 gab es bundesweit 11.704 Angriffe auf Polizeibeamte, wie die polizeiliche Kriminalstatistik dokumentiert. Das sind pro Tag 32 Fälle. In Sachsen-Anhalt wurden 2018 186 Polizisten im Dienst verletzt. Das sind im Vergleich zum Vorjahr (232 Fälle) zwar weniger, doch die Zahlen spiegeln nur die halbe Wahrheit wider. Sie hängen zum einen mit der Unterschiedlichkeit der Einsätze zusammen. So wurden allein 2016 bei einem Fußballspiel 36 Polizeivollzugsbeamte (PVB) verletzt. Zum anderen sind Zahlen kein Parameter für die gestiegene verbale Gewalt. „Menschen werden mittlerweile schon beim kleinsten Anlass aggressiv. Beleidigungen gehören zum Berufsalltag“, sagt Kreuter. Das Berufsbild des Polizeibeamten hat sich verändert, der Ton ist rauer geworden. Doch wer ist eigentlich da, wenn der Mensch hinter der Uniform Hilfe benötigt? Seit nunmehr 25 Jahren gibt es dafür Polizeiseelsorger im Land.

Einer von ihnen ist Marco Vogler. Seit Februar ist er Landesbeauftragter der Polizei­seelsorge. „Der Polizeibeamte ist zum Feindbild geworden“, sagt er. Der Respekt gegenüber den Uniformierten sei gesunken. Darauf müssen auch und vor allem angehende Polizisten vorbereitet werden. Deshalb ist die Ausbildung an der Polizei-Fachhochschule in Aschersleben ein besonders wichtiges Aufgabenfeld. Vogler bereitet den Polizei-Nachwuchs auf Extremsituationen vor, den Umgang mit Gewalt und übt mit ihnen das Überbringen von Todesnachrichten. Oft ist der 45-Jährige aber auch einfach nur Ansprechpartner für Anwärter, die private Probleme haben. „Manchmal wollen sie einfach über Beziehungsprobleme mit mir reden“, sagt Vogler.

Er und seine Kollegen gehören auch zu den Kriseninterventionsteams (KIT) Nord und Süd/Ost. Die bestehen aus rund 40 geschulten Bediensteten und werden immer auch von einem Polizeiseelsorger und einem Polizeiarzt unterstützt. 2007 wurde im Rahmen eines Pilotprojekts mit der Auswahl und Ausbildung der ersten 15 Polizeibeamten begonnen, ein Jahr später startete das erste Team mit einem Wochenbereitschaftsdienst. In ihrer heutigen Form arbeiten die Teams seit 2012 flächendeckend in Sachsen-Anhalt. Besonders dann, wenn die Kollegen des KIT in einen Interessenkonflikt mit dem Strafverfolgungszwang geraten könnten, sind Polizeiseelsorger wichtig, da sie dem Zeugenverweigerungsrecht unterliegen.

Seelsorger sind immer erreichbar

Das KIT kommt bei besonders schweren Unfällen, dann, wenn Beamte verletzt worden sind, oder bei anderen Extremsituationen, zum Einsatz. „Ein guter Einsatzleiter erkennt, wenn sein Team Betreuung benötigt“, sagt Katja Vesting. Sie arbeitet seit sechs Jahren in Halle als Polizeiseelsorgerin. Zeit bedeutet in ihrem Beruf Vertrauen. Mit jedem Polizeieinsatz, den sie begleitet, lernt sie die Gesetzeshüter besser kennen. Doch nicht alle Polizisten wollen reden. „Es gibt Beamte, die kenne ich seit drei Jahren und bei denen weiß ich, dass sie nie mit mir reden werden.“ Andere kommen zu ihr, betonen aber, dass sie nicht kirchlich seien. „Ich sage ihnen dann, dass das okay ist, weil es darum gar nicht geht“, so Vesting. Weltanschauungen spielen bei der Polizeiseelsorge keine Rolle.

Jederzeit können Polizeibeamte und Angehörige bei Vesting und ihren Kollegen anrufen. Schnell wird dann ein Termin vereinbart. Oft benötigen die Beamten nur ein Gespräch, um ihre Sorgen loszuwerden. Ist professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie erforderlich, wird der Polizeiärztliche Dienst kontaktiert. Was belastet Polizeibeamte denn besonders? „Kinder“, platzt es auch Vogler heraus. Vor allem dann, wenn Todesnachrichten überbracht werden müssen. „Da merkt man schon am Telefon beim Einsatzleiter, dass die Stimme anders klingt“, sagt Vogler. Auch ein ehrenamtlicher Notfallseelsorger, deren Ausbildung ebenfalls von der Polizeiseelsorge gesteuert wird, ist beim Überbringen von Todesnachrichten immer dabei. Sie übernehmen dann das, was der Beamte zusätzlich nicht auch noch leisten kann – die Betreuung der Angehörigen. Jeder Polizist verarbeitet die Einsätze anders. Generalisierung ist ein Wort, das Polizeiseelsorger nicht gern hören. Ob Vesting oder Vogler, beide betonen immer wieder, dass jeder Beamte anders reagiere. Unabhängig von Alter, Erfahrung – „es kommt eher darauf an, was der Mensch hinter der Uniform gerade vielleicht auch privat erlebt“, so Vesting. Hat er eigene Probleme, ist die Gefahr größer, dass Extremsituationen Spuren hinterlassen.

Das gilt auch für Einsätze bei Demonstrationen. Beim „Trauermarsch“ der Rechtsextremen Ende Januar anlässlich des Jahrestags der Zerstörung Magdeburgs im Zweiten Weltkrieg begleitete Lutz Brillinger, Polizeiseelsorger im Norden Sachsen-Anhalts, die Beamten beim Einsatz. Sein Eindruck: „Die Belastung für Beamte ist enorm, auch weil die öffentliche Wahrnehmung oft einfach falsch ist“, sagt der 54-Jährige. Sätze wie „Na, habt ihr wieder die Nazis bechützt?“ mussten sich die Beamten anschließend anhören. „Das ist doch sehr kontraproduktiv und zeigt wenig Respekt gegenüber Leuten, die gerade 12-Stunden-Schichten hinter sich haben und nur dem Versammlungsrecht gerecht werden“, sagt Brillinger.

Vertrag um sechs Jahre verlängert

Und so wird seine und die Arbeit seiner Kollegen auch in den kommenden Jahren immer wichtiger. Vestings Vertrag wurde bereits um sechs weitere Jahre verlängert. „Ich freue mich sehr darüber“, sagt sie. „In Zeiten, in denen die Poizei eigentlich von allen Seiten belagert wird, ist es wichtig, etwas für gegenseitiges Verständnis zu tun.“