Jessen l Die Stadt Jessen ist abgeriegelt. Ohne besondere Genehmigung kommt niemand mehr rein oder raus. Und selbst dies war am Donnerstagmorgen keine Garantie. So konnten Mitarbeiter der örtlichen Volksbank die Absperrungen zu dem Zeitpunkt nicht passieren, um zur Arbeit zu kommen. Telefonisch und über die sozialen Netzwerke hat die Volksstimme mit Bewohnern der Kleinstadt an der Landesgrenze zu Brandenburg Kontakt aufgenommen. Für Daniel Rudelt ist es eine beklemmende Situation. "Es gibt noch einige Fragen, die zurzeit noch ungeklärt sind", beschreibt er die Unsicherheit, die derzeit viele Menschen in Jessen umtreibt. Rudelt ist 33 Jahre alt und lebt seit knapp vier Jahren in der Stadt an der Schwarzen Elster. Auf ihn selbst hat die Quarantäne keine neuen Auswirkungen.

Der gebürtige Brandenburger hat Herzprobleme und gehört damit zu den Personen, die durch das neue Coronavirus besonders gefährdet sind. "Ich lebe schon seit dem Beginn der Epidemie sehr vorsichtig", berichtet er am Donnerstag. Damit er die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit dem Virus möglichst gering hält, desinfiziert er Oberflächen sehr gründlich. "Für meine Frau ist das schon eine Belastung, aber ich habe damit ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit", sagt der gelernte Koch.

Desinfektion als Vorsichtsmaßnahme

Neben den Handläufen im Treppenhaus und der Haustürklinke reinigt Rudelt auch seine Einkäufe. "Es wird alles desinfiziert, die Leute benutzen beim Einkaufen ja kaum Handschuhe und das Virus kann mehrere Tage auf den Oberflächen überleben", erklärt er sein Handeln. Ihm sei aufgefallen, dass viele Leute in den Supermärkten aus den Regalen nehmen und anschließend wieder hineinlegen würden, deshalb habe er zur Sicherheit diese Vorsichtsmaßnahmen ergriffen.

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Von dem Beschluss die rund 8000 Einwohner von Jessen und dem Ortsteil Schweinitz unter Quarantäne zu stellen, hat er von einem Freund per Whatsapp erfahren. "Das muss Mittwochabend zwischen 18 und 20 Uhr passiert sein, aber die Pläne gab es wohl schon am Dienstag." Was jetzt noch erlaubt ist und was verboten, fragen sich viele Jessener. In der Facebook-Gruppe "Jessener Runde" herrscht ein reger Austausch an Informationen. Hundehalter stellten die Frage wie es sich mit Gassi gehen verhält, andere Menschen fragten, welche Umfahrung der nun gesperrten Bundestraße 187 empfohlen wird. Gewerbetreibende geben Auskunft über die Öffnungzeiten ihrer Geschäfte.    

Aber auch freiwillige Helfer wie Michael Thieme machen auf ihre Angebote aufmerksam. Thieme ist für die Fraktion "Wir für hier. - Jessen" im Stadtrat von Jessen tätig. Der 47-jährige, selbstständige Textileinzelhändler hat seine  Geschäfte geschlossen. Jetzt möchte er er denen helfen, die besonders von der Ausgangssperre betroffen und vom Virus gefährdet sind. "Wir haben zusammen mit unserem Handballverein und dem Rewe-Markt ein Angebot erstellt, bei dem die Leute online beim Markt oder telefonisch bei mir ihren Einkauf bestellen können und dann holen wir den Einkauf ab und bringen das zu den Leuten nach Hause."

Warteschlangen vor Supermärkten

Thieme hat Verständnis für die Leute im Ort, die unsicher sind, was die nächsten 14 Tage bringen werden. "Ich habe ein Haus und kann wenigstens in meinen Garten gehen, für die Leute in den Mietwohnungen wird das eine sehr harte Zeit", ist er sich sicher. Erschrocken war Thieme, als er am frühen Donnerstagmorgen in sein Büro fuhr um noch ein paar Unterlagen zu holen und sah, dass sich noch vor Ladenöffnung der Supermärkte Warteschlangen gebildet hatten. "Das waren defintiv mehr Leute als sonst." Dabei sei die Befürchtung nicht mehr einkaufen zu können vollkommen unbegründet.

"Einkaufen ist weiterhin erlaubt und die Supermärkte werden auch weiterhin beliefert", stellt er klar. Die Jessener seien sogar im Vorteil, da aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden keine Menschen mehr nach Jessen zum einkaufen fahren dürfen. Auch Daniel Rudelt sieht Hamsterkäufe äusserst kritisch. "Das ist einfach unverantwortlich, in dieser Zeit sollten die Menschen eigentlich solidarisch miteinander umgehen, davon sind wir aber weit entfernt", erregt sich Rudelt.

Der 33-Jährige wundert sich zudem darüber, dass er zu seinen Minischweinen, die er ein paar Kilometer von seiner Wohnung entfernt im Garten hält, nur zur Fütterung fahren darf. "Wenn ich mir dagegen anschaue, dass in den Fabriken und Betrieben in Jessen weiter gearbeitet wird, frage ich mich, was das mit der Quarantäne bringen soll." Dem hält Stadtrat Thieme entgegen, dass dies weniger das Problem ist, sondern dass man früher die Kosmetikstudios und Friseurläden hätte schließen sollen. "Außerdem hätte man die Baumärkte für den Publikumsverkehr schließen sollen. Ich habe vor allem ältere Leute da letzte Woche Schlange stehen und Frühblüher kaufen gesehen." Dabei gehören gerade ältere Menschen zur Risikogruppe.

Keine Kurzfristige Hilfe

Der Einzelhändler hofft, dass die jetzt getroffenen Maßnahmen Wirkung zeigen und die Ausbreitung des Virus eingedämmt wird. Denn neben dem gesundheitlichen Schutz der Bevölkerung dürfe die Wirtschaft in Deutschland nicht zu kurz kommen. "Die angekündigten Maßnahmen der Bundesregierung sind zwar gut und schön, aber kurzfristig werden diese Hilfen nicht greifen." Er selbst könne etwa bis zu drei Monaten durchhalten, aber danach werde es auch für ihn problematisch. "Ich muss für meine Läden jeden Monat rund 20.000 Euro an Mietkosten vorhalten, das kann ich nicht unbegrenzt."

Rudelt und Thieme sind zudem Familienväter. "Meine Mädchen sind schon größer und haben von ihrer Schule viele Aufgaben bekommen. Da brauche ich micht nicht so sehr um Ablenkung bemühen", berichtet Thieme. Anders ist es bei Rudelt, er hat zwei Kinder im Vorschulalter.