Wittenberg l Deutschlands Fürsten tragen prächtige Gewänder und sind mächtig aufgewühlt: Mitten unter ihnen steht ein Mönch in schlichter schwarzer Kutte und erklärt, warum er nicht anders kann. Auf seinen rasierten Schädel fällt ein Strahl göttlichen Lichts. 120 Jahre alt ist das Wandgemälde im einstigen Melanchton-Gymnasium von Wittenberg. In Kaiserzeit-Ambiente, zwischen dicken Mauern mit gelbem Klinker, hat sich eine Schar vor allem junger Menschen eingerichtet. Enge Jeans, Hipster-Bärte und Undercut-Frisuren, wo einst Schüler fürs Abitur paukten. Das ausrangierte Melanchton-Gymnasium ist das Hauptquartier der Planer für die große Reformations-Sause.

An diesem Mittwoch präsentiert der Verein Reformationsjubiläum 2017 seine Geschäftsstelle zum ersten Mal für Außenstehende. Ehemalige Lehrer und Schüler pilgern durch die weiten Flure. „Das war mein Informatikraum“, sagt eine junge Besucherin. Jetzt arbeitet hier die Marketing-Abteilung. Die Schultafel hängt noch immer an der Wand, nichts wurde renoviert. Die größten Veränderungen sind dicke Kabelschächte für Telefon und Internet sowie provisorisch eingebaute Brandschutztüren.

Derzeit 50 Mitarbeiter planen jedes Detail der bevorstehenden anderthalb Jahre. Die Tribüne für den großen Wittenberger Abschlussgottesdienst, die Anfahrtswege, das Sicherheitskonzept. Die Pavillons, in denen sich im kommenden Jahr die evangelische Christenheit zur „Weltausstellung Reformation“ präsentieren will – im Treppenhaus des Gymnasiums hängen von Studenten entworfene Architekturzeichnungen. Klassenzimmer sind zu Großraumbüros umfunktioniert. Im Keller sitzt die Finanzabteilung.

Luther-Jubiläum kostet 50 Millionen Euro

An der Spitze steht mit Hartwig Bodmann ein erfahrener Planer, der weiß, wie er seinen Gästen Ängste nimmt. „Ein Ausnahmezustand kann etwas Schönes sein“, sagt er lächelnd bei der Feierstunde – die meisten im Publikum kommen aus der Region Wittenberg und werden das Jubiläum hautnah miterleben. Seine Bitte an alle: Locker bleiben. „Dann entsteht aus diesem Geist ein Schwung, mit dem wir das bewältigen werden“, prophezeit er.

Durch das Haus streift auch Friedrich Schorlemmer, Theologe, Revolutionsheld und jetzt direkter Nachbar. Was bringt das Jubiläum? „Manche hier werden merken, dass Wittenberg eine Stadt europäischer Geschichte ist“, sagt er. „Und ich hoffe, dass die Wittenberger ein etwas freundlicheres Gesicht zeigen als bisher.“

Auch Margot Käßmann, seit Jahren als „Botschafterin“ des Reformationsjubiläums unterwegs, weiß von den Vorbehalten in der Stadt – und außerhalb. „Ist Gott zu erkennen in dem, was wir tun? Ist das gut angelegtes Geld?“, fragt sie selbst in der Eröffnungsandacht. Das Jubiläum müsse deutlich machen, was die Bibel, was der Glaube heute für die Menschen bedeutet, mahnt sie. 50 Millionen Euro kostet das große Fest. Die Hälfte zahlen die Kirchen, der Staat und Kommunen, Sponsoren und Eintrittsgelder sollen den Rest zusammenbringen.

Dass das Ereignis ab jetzt in Wittenberg geplant wird und nicht von Berlin aus, nimmt die Region mit Befriedigung zur Kenntnis. „Das ist ein ganz wichtiges Signal“, sagt der parteilose Oberbürgermeister Torsten Zugehör. Das Schulgebäude, das lange leergestanden hatte, stellt der Landkreis mietfrei zur Verfügung. Landrat Jürgen Dannenberg (Linke) hat bei Kontroll-Spaziergängen beobachtet, dass das Haus auch wirklich genutzt wird. „Hier herrscht Betrieb, hier brennt Licht“, bestätigt er.

Zumindest bis Oktober 2017. Wenn alles geschafft ist, zerstreut sich die Schar der Jubiläumsplaner in alle Winde. Und irgendwann, verspricht der Landrat, soll das Haus dann wieder eine Schule werden.