Flößer

Auf Stämmen übers Wasser

Der Magdeburger Frank Thiel macht sich für den historischen Baumtransport als Unesco-Kulturerbe stark ??Von Bernd Kaufholz

Von Bernd Kaufholz
Holztransport per Floß auf der Elbe in Magdeburg auf einer alten Postkarte vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Fotos (2): IG Elbflößer

Magdeburg

Wenn Frank Thiel über die Flößerei spricht, leuchten seine Augen. Und das Funkeln wird zum Glühen, wenn er auf einem Floß steht und damit einen Fluss entlangfährt. Was aber gegenwärtig in Sachsen-Anhalt kaum möglich ist.

Der 69-Jährige ist bekennender Flößer und ein wandelndes Lexikon auf dem Gebiet der zusammengebundenen Baumstämme, die jahrhundertelang zum Bild der Flüsse gehörten. Heute sind die Flöße zwar ein Aha-Erlebnis und besonders im Süden Deutschlands Touristen-Gaudi, aber schon lange kein Transportmittel mehr.

Als Kinder sind wir auf der Elbe von Stamm zu Stamm gesprungen

Artur Kaufholz, Zeitzeuge

Das war einst anders. Bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts lief per Floß die Versorgung mit Brennholz und Nutzholz für die Handwerker. Auch auf der Elbe. Thiel: „Die Stämme wurden aus Böhmen über Moldau und Elbe bis zum Umschlagplatz nach Bad Schandau (Sachsen) geflößt. Dann ging es weiter über Magdeburg bis nach Hamburg. Das dauerte fünf bis sechs Tage – bei Niedrigwasser auch schon mal vier Wochen.“

An die Flöße, die dort anlandeten, wo heute in Magdeburg die Buckauer Fähre übersetzt, kann sich auch der Magdeburger Zeitzeuge Artur Kaufholz erinnern. „Als Kinder sind wir dort von Stamm zu Stamm gesprungen“, sagt der 98-Jährige. „Oberhalb war Neumanns Sägewerk (1824-1949), für das das Holz bestimmt war.“

Auch heute weist noch Einiges auf die Flößergeschichte in Magdeburg hin. „Da gibt es zum Beispiel auf dem Werder die Straße ,Hinter der Holzstrecke’“, sagt Thiel. Und er erzählt eine „Detektiv-Geschichte“, wie die Interessengemeinschaft „Elbeflößer“ erkunden wollte, ob auch der Magdeburger Dom etwas mit dem alten Handwerk zu tun hat.

„Im März 2019 sind wir mit dem Domführer unters Dach den Kirchenschiffs gestiegen und haben uns die Balken unter die Lupe genommen. Und tatsächlich: Wir haben sogenannte Floßholzlöcher in einigen Balken gefunden. In diesen Aussparungen wurden Holzseile verkeilt, mit denen die Stämme verbunden wurden. Es ist somit sicher, dass für das Dachgebälk Floßholz, das eine sehr lange Haltbarkeit hatte, aus Böhmen verwendet wurde.“

Ein Gemälde von Gottfried Hampel aus dem Jahr 1760, das in der Gemäldegalerie im Schloss Rheinsberg (Brandenburg) hängt, verrät, dass auch auf der Elbe in Schönebeck geflößt wurde. Denn für die Salzgewinnung durch das Sieden der Sole benötigten die Pfänner viel Feuerholz.

„Vom Holzstapelplatz am Reishüterberg, nahe Frohse, wurde das Holz nach Groß Salze, dem heutigen Schönebeck, transportiert. Nachdem die königliche Saline am Ufer der Elbe errichtet worden war, wurde das Holz direkt vom Fluss in die Salzgewinnungsanlage gebracht“, weiß Floßexperte Thiel.

Rogätz mit langer Flößertradition

Und auch Rogätz im Bördekreis hat eine lange Flößertradition. „Um 1920 wurde das Sägewerk von Ludwig Lindemann mit Floßholz über eine extra dafür gebaute Rampe direkt nach dem ,Auswaschen’ des Klafterholzes (ans Land bringen) vom Ufer aus beschickt.“

Auch über die kurz vor Rogätz in die Elbe mündende Ohre sei Holz flussaufwärts transportiert worden. Die Flöße wurden getreidelt (gezogen).

Frank Thiel stammt aus Nißma im Burgenlandkreis, unmittelbar an der Landesgrenze zu Thüringen. Und diese Region hat ihn auch aufs Floß gebracht. Und das hat mit dem „Elsterfloßgraben“ zu tun.

„Der Graben stellt ein technisch und kulturgeschichtlich einzigartiges Bauwerk dar“, schwärmt er. „Die Wasserstraße verband einst die Weiße Elster bei Crossen in Thüringen und die Luppe unweit von Merseburg sowie über den Rippach bei Poserna mit der Saale. Der dritte Abschnitt verläuft über das sächsische Zwenkau zur Pleiße bei Leipzig.“

Der Abschnitt nach Poserna ist heute nicht mehr vorhanden und auch ein Stück, kurz vorm Zusammentreffen mit der Luppe gibt es nicht mehr.

Förderverein „Elsterfloßgraben“

„Der Förderverein ,Elsterfloßgraben hat sich zum Ziel gestellt, den Graben als Denkmal eines künstlichen Fließgewässers wieder durchgängig zu machen und zu erhalten“, sagt Thiel.

Über den 2009 in Zeitz gegründeten Förderverein „Elsterfloßgraben“ sei er auf das Thema aufmerksam geworden, erzählt Thiel. Und als Landtagsabgeordneter (PDS/Linke, 2002-2016) habe er bereits versucht, das alte Handwerk wieder ins Gedächtnis der Menschen zurückzuholen. 2010 sei dann mit dem Land ein Vertrag zur Nutzungsübergabe des Elsterfloßgrabens an den Förderverein unterzeichnet worden. Seit 2011 arbeitet der Flößerverein unter dem Dach der Deutschen Flößerei-Vereinigung, dessen 2. Vorsitzender Thiel ist.

Seit 2014 ist die Flößerei im bundesweiten Verzeichnis als immaterielles Kulturerbe eingetragen. Nun soll der nächste Schritt folgen: Die Aufnahme in die Unesco-Liste (Infokasten). Und Thiel meint, dass mit der Nominierung der Flößerei „neben den fünf Weltkulturerbestätten Sachsen-Anhalts (Quedlinburger Altstadt, Luthergedenkstätten, Dessau-Wörlitzer Gartenreich, Bauhaus und Naumburger Dom) erstmals auch ein immaterielles Kulturerbe der Menschheit im Land geben könnte“.

Unterstützung kommt aus der Politik, so gratuliert Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) dem Flößerverein in Sachsen-Anhalt, dem „Förderverein Elsterfloßgraben e. V.“, zu dieser Auszeichnung: „Das ist Anlass zu großer Freude. Eine wichtige Etappe ist geschafft. Die Nominierung ist Ausdruck der Wertschätzung und Anerkennung, überliefertes Wissen und Können als lebendiges Kulturerbe zu erhalten, zu pflegen und zu fördern.“

Und auch Kulturstaatssekretär Gunnar Schellenberg (CDU) twitterte seine Anerkennung. „Richtige Flöße, den Originalen nachempfunden, werden eines Tages wieder auf der Elbe von Schönebeck nach Magdeburg fahren“, ist sich Thiel sicher. Damit würden auch Projekte, die für die Kulturhauptstadt Magdeburg 2025 vorgesehen waren, verwirklicht werden.

„Wenn es die Bedingungen wieder zulassen, soll es regelmäßig öffentliche Flößerwanderungen zu authentischen Orten geben“, so der 68-Jährige. „Am Magdeburger Elbufer entlang zwischen Lukasklause/Otto-von-Guericke-Museum, Dom/Fürstenwall und dem einstigen Sülzehafen am ,Mückenwirt’.“

Auf dem Weg seien mehrere Info- und Aktionspunkte zum Thema „Flößerei“ vorgesehen. Geplant seien zudem eine Broschüre über die Flößerei in Magdeburg und Umgebung.

Wie eng Magdeburg mit der Flößerei verbunden ist, macht Thiel auch daran fest, dass in Fachkreisen ein spezieller Floßtyp als „Magdeburger Böden“ bekannt ist. „Damit wurden Flöße mit sechs Lagen Stammholz bezeichnet, die von der Oberelbe (Niedergrund/Herrnskretschen) in Richtung Magdeburg gingen“, erklärt der Experte. Und zum Abschied ein alter Flößergruß:

„Imm’r ä weng Wosser unner’n Scheit“.

Das Gemälde (1760/Ausschnitt) von Gottfried Hampel zeigt Schönebeck mit Flößen auf der Elbe, im Hintergrund die alte Saline.
Foto: Roland Handrick
Frank Thiel bei einer Floßfahrt auf der Isar.
Foto: Familie Thiel
2012 besuchten tschechische Flößer die Rogätzer Anlegestelle auf ihrem Weg nach Hamburg.
Foto: Bruno Buckler