Marienkirche

Ausstellung „Die Tänzerin von Auschwitz“ in Stendal über Roosje Glaser: Von Liebe, Verrat und Unbeugsamkeit

Noch gut einen Monat wird in der Stendaler Marienkirche die Ausstellung „Die Tänzerin von Auschwitz“ gezeigt. Sie erzählt die beeindruckende Lebensgeschichte der Niederländerin Roosje Glaser.

Von Donald Lyko
Diese historische Aufnahme zeigt Roosje Glaser bei einem Ausflug mit ihrer Tanzschule im Jahr 1942.
Diese historische Aufnahme zeigt Roosje Glaser bei einem Ausflug mit ihrer Tanzschule im Jahr 1942. Foto: Roosje Glaser Foundation

Stendal - Sie hat ihr Leben genossen, oft auf unkonventionelle Art, hat sich als Frau in den 1930er Jahren selbst zur Schmiedin ihres Glückes gemacht, ihren Traumberuf als Tanzlehrerin gegen alle Widerstände ausgeübt. Und sie hat für und um dieses Leben gekämpft: die Jüdin Roosje Glaser, im Jahr 1914 in den Niederlanden geboren, im Jahr 2000 in Schweden gestorben. Immer wieder von nahestehenden Menschen verraten, von ihrem ersten Ehemann ebenso wie von ihrem Geliebten, fanden sie und ihre Eltern Hilfe und Unterkunft bei zuvor fremden Menschen. Menschlichkeit in Zeiten von Denunziation und nationalsozialistischer Verfolgung.

Ein Familiengeheimnis

Roosje Glaser ließ sich nie unterkriegen. In den holländischen Lagern und im KZ Auschwitz fand die Unbeugsame für sich Überlebenswege. Tanzen gehörte im Lager für sie dazu. Mit Tanzstunden für SS-Männer und Auftritten entging sie der Gaskammer. Mit einem Gefangenenaustausch kam sie zum Kriegsende nach Schweden, heiratete dort, kehrte nach Holland nur noch für kurze Besuche zurück.

Ein beeindruckendes Bild in der Marienkirche in Stendal: Das Grammophon spielt beschwingte Schlager der Zeit, ist dabei „eingesperrt“ im Stacheldraht-Zaun.
Ein beeindruckendes Bild in der Marienkirche in Stendal: Das Grammophon spielt beschwingte Schlager der Zeit, ist dabei „eingesperrt“ im Stacheldraht-Zaun.
Foto: Donald Lyko

Dass die Welt heute die Geschichte der „Tänzerin von Auschwitz“ kennt, ist ihrem Neffen Paul Glaser zu verdanken. In der Familie immer verschwiegen, war er durch Zufall auf die Geschichte seiner Tante und auf die jüdischen Wurzeln der Glasers gestoßen. Als er 2002 bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in der Dauerausstellung einen Koffer mit der Aufschrift „Glaser“ sah, hielt er das nicht mehr für einen Zufall. Dass sein Vater darüber nicht mit ihm reden wollte und anfangs auch Tante Roosje nicht, war für Paul Glaser eher Ansporn als Abschreckung, diesen Teil der Biografien zu recherchieren. Am Ende ist daraus ein sehr informatives, sehr persönliches und historisch sehr wertvolles Buch geworden, das den Titel „Die Tänzerin von Auschwitz“ trägt und den Untertitel „Die Geschichte einer unbeugsamen Frau“.

In einem nachgestellten Kinosaal werden Plakate und Originalfilme mit der tanzenden Roosje Glaser gezeigt.
In einem nachgestellten Kinosaal werden Plakate und Originalfilme mit der tanzenden Roosje Glaser gezeigt.
Foto: Donald Lyko

Wer Roosje Glaser kennenlernen möchte, kann dies in einer wirklich sehenswerten Ausstellung in der Marienkirche. Wie das Buch, basieren die Texte auf Briefen, dem Tagebuch und Gesprächen mit der Tanzlehrerin, es gibt viele Fotografien und sogar Filmaufnahmen. Sie zeigen Roosje Glaser unter anderem, wie sie 1941 mit ihrem Tanzpartner Tommy neue Tänze für einen Wochenschau-Beitrag vorführt. Kopien vieler zeitgenössischer Dokumente, gegenständliche Zeitzeugnisse wie ein Klavier, eine Schreibmaschine oder ein Schreibtisch, Plakate und sehr eindrücklich ein spielendes Grammophon inmitten eines stilisierten Stacheldraht-Lagerzauns machen das Erzählte und Beschriebene noch greifbarer, geben der oft anonymen Masse erkennbare Gesichter, machen das Allgemeine zum ganz Persönlichen.

Geschichten ganz konkreter Menschen wie Roosje Glaser haben es „verdient, dem Vergessen entrissen zu werden“, sagt Stadtgemeinde-Pfarrer Markus Schütte über eine Ausstellung, „die uns auffordert, heute ganz genau hinzuschauen“. Und zu lernen. Denn die Lebensgeschichte von Roosje Glaser zeige, so Pfarrer Schütte: „Wir können etwas tun. Wir haben immer eine Wahl.“