Neue Direktorin am Bauhaus Dessau

Chefin zwischen Architektur und Kunst

Im Gespräch mit Barbara Steiner, der neuen Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau

Blick auf den Eingang zum Bauhaus in Dessau.
Blick auf den Eingang zum Bauhaus in Dessau. Foto: dpa

Dessau

Claudia Perren hatte zum 1. August 2020 von Dessau Abschied genommen. Die Architektin hatte die Bauhaus-Stiftung seit 2014 geleitet. Bis zur Neubesetzung ist Regina Bittner Vorstand und Direktorin der Stiftung. Die Stelle sollte eigentlich zum 1. Januar 2021 neu besetzt sein, wurde aber überraschend neu ausgeschrieben. Jetzt aber steht die neue Personalie fest: Barbara Steiner, Österreicherin, Jahrgang 1964, Studium der Kunstgeschichte und Politikwissenschaften an der Universität Wien, Doktorarbeit zur Ideologie des weißen Ausstellungsraumes.

Volksstimme: Frau Steiner, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Aufgabe. Sie haben sich gegen 31 Bewerber durchgesetzt.

Barbara Steiner: Danke, ich freue mich wirklich sehr, dass die Entscheidung zu meinen Gunsten ausgegangen ist.

Es gab ja einiges Hin und Her um die Stellenausschreibung. Im vergangenen Dezember hatte die Stiftung überraschend mitgeteilt, dass das Besetzungsverfahren abgebrochen wurde. Dann gab es eine Neuausschreibung. Haben Sie sich zweimal beworben?

Von der ersten Ausschreibung hatte ich nichts mitbekommen. Ich hörte davon, als ich in Leipzig durch Zufall eine Kollegin getroffen habe, die zum wissenschaftlichen Beirat gehört und mir auch von der Neuausschreibung erzählte. Sie meinte, das wäre was für mich. Ich fand das auch. Und so habe ich mich beworben.

Wie kannten Sie bis dahin das Bauhaus?

Schon als Jugendliche hat mich das Bauhaus sehr begeistert. Ich war, wenn man es so sagen kann, großer Fan. Als ich dann in Leipzig tätig war, habe ich viel mit Bauhaus-Mitarbeitern zusammen gearbeitet. Überhaupt hat mich das Bauhaus über Jahrzehnte begleitet. Mal mehr, mal weniger.

Kennen Sie Dessau?

Natürlich.

Auch das im September 2019 eröffnete Bauhaus-Museum?

Ich kenne es von außen, auch das Umfeld, habe Berichte gelesen, Abbildungen gesehen. Ein Besuch im Inneren war aufgrund der Pandemie nicht möglich. Das wird sich jetzt ändern.

Das Land wollte die Direktoren-Stelle ursprünglich spätestens am 1. April besetzt haben.

Meine beiden Bewerbungsgespräche waren danach.

Sie fangen am 1. September an.Das sind noch vier Monate.

Ich habe jetzt schon jeden Tag mit dem Bauhaus zu tun, will mich in den kommenden Wochen mit den Aufgaben und dem Team vertraut machen. Ich werde immer wieder vor Ort sein.

Aber natürlich fühle ich mich auch dem Kunsthaus Graz nach wie vor verbunden. Man verlässt seine Aufgabe nicht einfach so. Ich bin deshalb sehr glücklich, dass mein Vorschlag akzeptiert worden ist und ich für die Übergangszeit von September bis Dezember jeweils zwei Wochen in Graz, zwei Wochen in Dessau sein werde. In der Zeit bin ich Ansprechpartner für beide Häuser.

Eine große Aufgabe.

Es ist jetzt schon eine turbulente Zeit. Aber jede neue Aufgabe stellt enorme Anforderungen.

Sie sind Kunstwissenschaftlerin.

Ich bin Kunsthistorikern. Aber Sie spielen bestimmt darauf an, dass meine Vorgänger immer ein Architektur- oder architekturnahes Studium hatten.

Richtig.

Aber, und das Aber ist entscheidend, ich habe große Affinitäten zu Architektur und Design. In meinen bisherigen Tätigkeiten spielte beides immer eine große Rolle. Ich denke, dass mein Interesse am disziplinübergreifenden Arbeiten meine Praxis auszeichnet. Das ist vermutlich ein wesentlicher Grund, weswegen man sich für mich entschieden hat.

Dazu kommt: In Leipzig war ich in der GfZK (Galerie für zeitgenössische Kunst, d.R.), also in einem Museum tätig und habe an der HGB Kulturen des Kuratorischen gelehrt. Das kann ich in Dessau gut einbringen. Auch mein Wissen über Kunst, denn Kunst spielte am Bauhaus immer eine Rolle, manchmal mehr, manchmal weniger.

Apropos Kunst. In Dessau arbeiteten in den sanierten und restaurierten Meisterhäusern Bauhäusler wie Klee, Kandinsky oder Feininger. Für welchen Künstler schlägt Ihr Herz am meisten?

Da tue ich mich immer schwer. Alle Genannten sind großartig. Mir ist allerdings wichtig, dass die Rolle der Frauen am Bauhaus noch weiter herausgearbeitet wird. Auch wenn es in den vergangenen Jahren in Weimar und Dessau Hinwendungen zu Künstlerinnen gab, haben einige doch nicht die Anerkennung erhalten, die sie verdient hätten.

Wie charakterisieren Sie Ihren eigenen Führungsstil?

Als kooperativ. Wenn ich gefragt werde, was ich am Bauhaus in den Fokus rücken möchte, dann antworte ich, dass sich das nicht aus der Ferne erschließt. Ich habe zwar Ideen und Vorstellungen, möchte aber die Mitarbeiter einbeziehen. Vieles korrigiert sich vor Ort.

Das Kunsthaus in Graz hat mit seinen Rundungen eine futuristische Formensprache. Am Bauhaus ist alles geradlinig. Was liegt Ihnen näher?

Ich arbeite aus dem jeweiligen Raum und damit auch aus den architektonischen Gegebenheiten heraus. Als ich nach Graz kam, gab es das Vorurteil, dass das Kunsthaus zwar toll sei, aber man dort keine Ausstellungen machen könne. Da war es mir ein großes Anliegen, zu zeigen, dass das sehr wohl möglich ist. Man muss sich auf die Architektur einlassen. Das kann man auch auf Dessau übertragen. Dort gibt es historische Bauten und mit dem Museum ein sehr zeitgenössisches Gebäude. Auch dort ist es möglich, großartige Ausstellungen zu entwickeln. Und außerdem gibt es ja auch am Bauhaus Rundungen – wie zum Beispiel am historischen Arbeitsamt oder am Kornhaus.

Was favorisieren Sie denn im Privaten? Gibt es bei Ihnen den Thonet-Stuhl?

Ich schaue gerade auf einen Eames Stuhl – ein Original. Daneben steht eine preiswerte chinesische Kopie eines Jean-Prouvé-Stuhls. Mein persönlicher Einrichtungsstil ist eher eklektisch. Verschiedene Zeiten, verschiedene Stile, Original, Kopie. Mir geht es eher um die Frage, was entsteht, wenn Dinge zusammen kommen, die eigentlich nicht zusammen gehören. Da wird eine Spannung erzeugt, eine ästhetische Kollision und daraus entsteht ein Mehrwert. So wohne ich und so arbeite ich.

Wann werden Sie nach Dessau ziehen?

Sobald ich eine Wohnung gefunden habe. Sie muss mir und meinem Mann gefallen. Wir wollen ja einige Jahre in Dessau bleiben.

Barbara Steiner sagt im Volksstimme-Gespräch: ?Ich habe große Affinitäten zu Architektur und Design.?
Barbara Steiner sagt im Volksstimme-Gespräch: ?Ich habe große Affinitäten zu Architektur und Design.?
Foto: J. J. Kucek