3D-Kunst eines Magdeburgers

Lichtspektakel am Magdeburger Dom

Efeuranken, Wasserfontänen, einstürzende Mauern, drehende Zahnräder: Stefan Haberkorn hat bereits zweimal den Magdeburger Dom mit einem Lichtspektakel in Szene gesetzt. Für die Domfestspiele im Mai entwickelt der 3D-Künstler erneut eine Projektion. Ein Besuch in Haberkorns Büro in Magdeburg.

Von Grit Warnat 28.04.2022, 20:01
Drehende Zahnräder und schwere Balken: Zu den Domfestspielen im vergangenen Jahr bespielte Stefan Haberkorn die Westtürme mit seiner Lichtperformance.
Drehende Zahnräder und schwere Balken: Zu den Domfestspielen im vergangenen Jahr bespielte Stefan Haberkorn die Westtürme mit seiner Lichtperformance. Foto: Uli Lücke

Magdeburg - Die Sternbrücke fährt über den Dom von Magdeburg. Die Elbe schlängelt sich samt grünem Ufer und der Stadthalle über das Westportal der gotischen Kathedrale. Wassermassen stürzen an der Fassade nach unten. Sieht aus wie echt, ist aber Illusion. Für diese Kunst ist der Dom Projektionsfläche.

Noch aber sind Sternbrücke und Wassermassen nur in den Büroräumen von Stefan Haberkorn zu sehen.

Schnelle Klicks, man kann kaum folgen, und der 3D-Dom auf dem großen Bildschirm dreht sich. Portal und Türme schwenken in Sekundenschnelle hin und her. Stefan Haberkorn sitzt leger, führt die Maus, die ruckzuck Ordner um Ordner öffnet. Klicks, Klicks, Klicks. Alles ist im Rechner zu finden für die neue Inszenierung von „Magdeburg in Light“. „Es ist wie in einem Theaterstück. Die Szenen müssen zusammengefügt werden“, sagt der Magdeburger. Mit seiner neuesten Licht-Installation wird er den Dom zum dritten Mal in Szene setzen. Termine: 20. und 21. Mai.

Drohnen schießen 3500 Fotos

Wenn der Geschäftsführer der Visualimpression GmbH per Maus am Bildschirm immer neue Szenen aufruft und gleichzeitig von der Dom-Installation erzählt, hört sich das gar nicht so kompliziert an, vielleicht auch, weil man als Laie nur einen Bruchteil versteht. Haberkorn spricht leidenschaftlich über 3D-Visualisierung, Animation, spezielle Technologie und über das Experimentieren mit künstlicher Intelligenz.

Hinter all dem, was da ganz schnell am Rechner abgerufen werden kann, steckt eine in Stunden, Tagen, Wochen nicht zu beziffernde Vorarbeit. Der Magdeburger erzählt, wie er Neuland betrat, als er 2020 den Dom mit seiner Nordseite in Szene setzte. Ein Jahr später folgte die Bespielung der Westseite mit den in den Himmel ragenden imposanten Türmen.

Das Bauwerk musste dafür gescannt werden. Drohnen ließ er damals in den Himmel steigen, 3500 Fotos schießen. Sie waren Grundlage, um das Gotteshaus originalgetreu am Rechner in 3D aufbauen zu können. Nord- und Westseite sind bis ins kleinste Detail abrufbar. Das Programm dafür habe er selbst entwickelt, sagt der 45-Jährige. Mit einem Designer von der Burg Giebichenstein, einem Freund, habe er Optiken und Szenen geschaffen. Für jede Performance gibt es eine Konzeption. Haberkorn spricht vom Drehbuch. Es ist ein Ablaufplan, von dem immer mal wieder abgewichen wird. Weil da so viele Ideen durch den Kopf schwirren, hinzukommen, verworfen werden. 23 Minuten sind veranschlagt.

Wieder ein Klick und ein Mann in Gold erscheint auf dem Bildschirm. Kaiser Otto in einer Haberkorn’schen 3D-Rekonstruktion („war ganz schön viel Arbeit“). Sie wird eingebaut in „Magdeburg in Light“. Nicht nur, weil der Dom Grabkirche von Kaiser Otto ist. Der einstige Herrscher wurde vor 1110 Jahren geboren. „Er hat damals dieses Fleckchen Erde auserkoren. Durch seine Entscheidungen erblühte die Stadt. Kaiser Otto hat den Grundstein gelegt für die Entwicklung Magdeburgs. Ich will sie vom mittelalterlichen Fachwerk über die Renaissance bis hin zu heutigen Glasbauten zeigen“, sagt Haberkorn, dem man schnell anmerkt, dass er ein Durch-und-durch-Magdeburger ist. Intensiv hat er sich in die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 eingebracht. Man müsse Visionen haben, sagt er.

Haberkorn hat ein Faible für Gebäude, was nicht verwundert. Der gebürtige Eislebener studierte Architektur in der Landeshauptstadt. In einem Ordner im Rechner sind Bilder seiner Diplomarbeit gespeichert. Der Magdeburger Dom mit einem Anbau aus Stahl und Glas für Kultur und Kaffee. Es sieht visionär aus.

Der 45-Jährige kennt die älteste gotische Kathedrale auf deutschem Boden aus dem Effeff. Sie einmal künstlerisch zu bespielen, war seit jeher großer Traum, sagt er. Zwölf Jahre habe er dafür gebraucht.

Ein Haus hat er nie gebaut, dafür mit seiner 2005 gegründeten Firma Gebäude und Innenräume 3D visualisiert. Seitdem ist er in der virtuellen Realität (VR) und der erweiterten Realität, der Augmented Reality (AR), erfolgreich, arbeitete für den VW-Konzern und visualisierte Prototypen, erstellte im Auftrag von Warner Brothers die 3D-Webseite für den Science-Fiction-Kinostreifen „Interstellar“. Vor wenigen Wochen lockte er in die Parchener Kirche mit einer Beamer-Show mit Musik.

Neun Beamer ermöglichendas Großprojekt

Produziert hat der Magdeburger für Lichterfeste in ganz Deutschland. Rankende Wurzeln am Brandenburger Tor von Berlin wurden von ihm entwickelt. Ebenso Lichtkunst in Magdeburg: am Albinmüller-Turm, am Ratswaage-Hotel und zum Puppentheaterfestival vor Jahren im alten Hafen. „Da hatten wir nur einen kleinen Beamer. Das Großprojekt Dom war noch nicht möglich“, so der Unternehmer. EU-Fördermittel für ein fortlaufendes Dom-Vorhaben ermöglichten die Anschaffung von leistungsfähigen Apparaten. Haberkorn schwärmt von den neun Beamern und deren Lichtleistung von jeweils 15000 Lumen. Alle werden zu „Magdeburg in Light“ eingesetzt.

Vom Rechner auf die monumentale Fassade. Auch für Haberkorn ist es dann Premiere. „Ich weiß schon, dass es gut wird“, sagte er zuversichtlich. Musik wird es auch wieder geben – der späten Stunde wegen über Kopfhörer. Für das Lichtfest muss es dunkel sein. Erstmals startet es um 23 Uhr.

Stefan Haberkorn an seinem kreativen Arbeitsplatz zwischen Bildschirm undTastatur.
Stefan Haberkorn an seinem kreativen Arbeitsplatz zwischen Bildschirm undTastatur.
Foto: Uli Lücke
Ein Foto vom neuesten Licht-Programm: Fantasiegebilde an der Westfassade des Domes.
Ein Foto vom neuesten Licht-Programm: Fantasiegebilde an der Westfassade des Domes.
Foto: Uli Lücke