Verlagshaus seit 75 Jahren

Der Mitteldeutsche Verlag muss sich neu aufstellen - zwischen Existenzängsten und Optimismus

Der traditionsreiche Mitteldeutsche Verlag in Halle hat in dieser Woche Geburtstag und muss sich wie so oft in seiner Geschichte neu aufstellen.

Von Grit Warnat
Bücher aus dem aktiellen Sortiment liegen in der Bibliothek des Verlages. Foto: Mitteldeutscher Verlag

Halle.  Roman Pliske ist guter Dinge. Er hat seine Zuversicht wieder. Vor einem Jahr noch, der erste Lockdown war zwei Monate jung, sah der Geschäftsführer der Mitteldeutsche Verlag GmbH sein Haus in einer existenzbedrohenden Situation, wie er sie noch nicht erlebt hat. Damals verschickte der Verlag einen Brandbrief, weil die Verkaufszahlen in nicht gekannten Größen einbrachen und einzelne Neuerscheinungen schon nach wenigen Tagen aus dem Sortiment zurückgegeben wurden, da auch der Buchhandel kein Kapital binden konnte.

Es war kaum möglich, die Bücher an den Leser zu bringen. Das Verlagsprogramm musste deutlich verkleinert werden. Lesereisen sind bis heute nicht möglich, drei Buchmessen brachen weg. Nach wie vor sei die Situation nicht einfach, sagt Pliske. Die Buchläden kaufen vorsichtig ein. Belletristik werde weniger verkauft.

Aber dass wir in all den Jahren kleine, unabhängige Buchhandlungen als Partner gewonnen haben, mit denen wir seit Jahren gut zusammenarbeiten, das zahlt sich jetzt aus

Roman Pliske

Große Verluste fahre der Verlag in der Reiseliteratur und bei den Museumskatalogen ein, weil fast keine Ausstellungen stattfinden. „Aber dass wir in all den Jahren kleine, unabhängige Buchhandlungen als Partner gewonnen haben, mit denen wir seit Jahren gut zusammenarbeiten, das zahlt sich jetzt aus“, sagt Pliske.

Er zeigt sich froh, dass es Kooperationen mit Universitäten in ganz Deutschland gibt und Aufträge aus Ausschreibungen jene Verluste auffangen konnten, die im eigentlichen Buchgeschäft weggebrochen sind. Tagungsbände und Dokumentationen werden verlegt. Der Jubiläumsband zu 40 Jahren „neues theater“ in Halle war solch eine Auftragsarbeit, auch ein mehrsprachiger 1500 Seiten starker Tagungsband der Universität Göttingen von einem internationalen geologischen Kongress. Pliske spricht vom dicksten Buch der Verlagsgeschichte. Sein Unternehmen hat sich (erneut in seiner langen Geschichte) geschüttelt und neue Wege aufgetan.

75 Jahre wird der Verlag in dieser Woche. Er hat viele Höhen und Tiefen erlebt: Die DDR und große Auflagen, die Wende, eine Insolvenz, ein Neubeginn. Pliske lenkt seit Oktober 2004 die Geschicke des Hauses. Da waren die einst großen Namen der Literatur schon längst nicht mehr an Bord. Etliche Autoren sind 1990, als es keine zwei Vertriebsgebiete mehr gab, zu ihren Westverlagen gegangen. Volker Braun war bei Suhrkamp, Christa Wolf bei Luchterhand, Günter de Bruyn bei Fischer. Die Rechte an den Werken wechselten mit.

Aber in der Bibliothek des Hauses ist die große Tradition sichtbar. Da sind die Bücher nach Erscheinungsjahr aufgereiht mit großen Namen: Harry Thürk, Christa Wolf, Erik Neutsch, Erich Loest, Günter de Bruyn, Werner Bräunig, Volker Braun, Elke Erb, Werner Heiduczek, Reiner Kunze. Zu finden ist auch ein Exemplar der Erstausgabe des Buchenwald-Romans „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz. 1958 erschien die Erstausgabe. Pflichtlektüre in der DDR. Mehr als zwei Millionen Exemplare wurden verkauft.

1990 die Privatisierung des Verlages. Management-Buy-out das damalige Zauberwort. Man musste sich von Autoren und Mitarbeitern trennen. Dem Verlag aber gelang es, ein neues Profil mit den Schwerpunkten Regionalität und Belletristik zu entwickeln. Die Altlasten wogen schwer, die Konkurrenz in Gesamtdeutschland war groß. 1996 die Insolvenz. Eine neu gegründete Gesellschaft erwarb 1997 den Namen und die Buchbestände des Verlages. Langsam begann der Neuaufbau.

Als Roman Pliske Verleger wurde, setzte er auf Vielschichtigkeit im Programm - und wieder verstärkt auf Belletristik, deutsche Literatur, aber in den letzten Jahren auch auf Schriftsteller aus dem Ausland wie aktuell aus Kanada, Ungarn, Litauen. Zehn feste Beschäftigte hat das Haus (nur noch wenige sind in Kurzarbeit) sowie zusätzlich einige freie Mitarbeiter. Die Hallenser sind der größte Verlag in Sachsen-Anhalt.

2021, es ist das zweite Jahr ohne die so wichtige Leipziger Buchmesse, bringt das Team aus Halle um die 130 Titel auf den Markt. Das ist Vor-Corona-Niveau, nur dass die belletristischen Bücher in kleinerer Auflage geplant sind. „Unsere große Offensive mit internationaler Literatur beginnt wieder im nächsten Jahr“, kündigt der Verleger voller Zuversicht an.

Grund zum Feiern? „Natürlich“, sagen Roman Pliske und Marketingfrau Jana Krimmling unisono. Jetzt zum 24. April wird es nichts, aber irgendwann im Herbst soll es eine große Party geben, auch als Dankeschön an die vielen Partner. „Und wenn es im September nicht klappen sollte, dann verschieben wir das ins nächste Jahr“, meint Krimmling. „Wir feiern!“

Jede Menge Optimismus schwingt mit zum 75. Geburtstag.