Geschichte

Warum die Karriere eines Österreichers in Magdeburg zu DDR-Zeiten plötzlich endete

Der Steiermärker Alois Pisnik brachte es weit in der DDR-Nomenklatura. Aber er überspannte aus Sicht der Parteiführung den Bogen.

Von Steffen Honig 09.05.2022, 09:43
Alois Pisnik (l.) auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn: Gemeinsam mit DDR-Partei- und Regierungschef Erich Honecker (r.) empfängt er im September 1973 Edward Gerek,  damals polnischer Partei- und Regierungschef, zu einem Freundschaftsbesuch in Magdeburg.
Alois Pisnik (l.) auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn: Gemeinsam mit DDR-Partei- und Regierungschef Erich Honecker (r.) empfängt er im September 1973 Edward Gerek, damals polnischer Partei- und Regierungschef, zu einem Freundschaftsbesuch in Magdeburg. VolksstimmeArchiv

Magdeburg - Als er 1945 aus dem Zuchthaus in Halle befreit wurde, ließ sich der Kommunist Alois Pisnik aus der Steiermark wohl nicht träumen, dass er sein Leben fortan in der ostdeutsche Ebene statt in den heimischen Bergen verbringen würde. Doch die KPD und später die SED brauchten zuverlässige Leute, um in der Sowjetzone Machtpositionen zu besetzen.

Pisnik, 1911 in Donawitz (Steiermark) geboren, hatte als uneheliches Kind die ersten fünf Lebensjahre bei Verwandten in Jugoslawien zugebracht und kam nach Heirat der Mutter zurück in die Steiermark. Das geht aus seinen NS-Akten über ihn hervor. Er lernte Schlosser und wurde im Fernstudium Elektroingenieur. Pisnik trat 1933 in die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) ein und arbeitete illegal für die Partei. 1940 geriet er in die Fänge der Nazis, wurde 1941 zu zehn Jahren Haft verurteilt und in Halle (Saale) inhaftiert.

Für die KPD und dann die SED arbeitete Pisnik auf Kreis- und Landesebene in Sachsen-Anhalt und stieg 1951 zum 2. Sekretär der Landesleitung auf, nachdem er 1950 zum Mitglied des SED-Zentralkomitees gewählt worden war.

Der 2004 verstorbene Pisnik bei einem Besuch an der Produktionsbasis  1975 im Oschersleber Pumpenwerk.
Der 2004 verstorbene Pisnik bei einem Besuch an der Produktionsbasis 1975 im Oschersleber Pumpenwerk.
Fotos (2): Volksstimme-Archiv

Im Sommer 1952 schlug mit der Auflösung der Länder und der Bezirksgründung in der DDR die große Stunde des Österreichers: Er wurde Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Magdeburg. Und somit der führende Mann im Bezirk, trotz formaler Regierungsgewalt der staatlichen Organe. Pisnik blieb bis 1979 im Amt – kein anderer SED-Bezirkschef hielt sich so lange.

Offene Worte unerwünscht

Das hatte mit seiner Treue zur Partei ebenso zu tun wie mit der ihm durchaus nachgesagten Volksnähe, die für einen SED-Bezirkssekretär nicht die Regel war.

In seinen Monatsberichten an die SED-Spitze brachte Alois Pisnik auch kritische Bemerkungen über die Lage im Bezirk Magdeburg unter. Das konnte unter Generalsekretär Erich Honecker und seinem Paladin, Wirtschaftssekretär Günter Mittag, in den 1970er Jahren ganz schnell gefährlich werden, trotz aller Verdienste.

Pisnik wies also im April 1978 darauf hin, „dass die Diskussionen über Handels- und Versorgungsfragen in den letzten Wochen weiter zugenommen haben“. So etwas las man in der Berliner Parteizentrale höchst ungern. Im August 1978 stand im Bericht ein Seitenhieb auf das Maschinenbau-Ministerium wegen mangelnder Zusammenarbeit, als es um die Untererfüllung des Planes im Traktorenwerk Schönebeck ging. Einen Monat später monierte der Magdeburger SED-Chef die Unstimmigkeiten zwischen dem Arbeitskräfteplan in vielen Betrieben und den territorialen Gegebenheiten.

Im Oktober-Bericht wagte sich Pisnik bei einem heiklen Thema weit vor – den fehlenden Baukapazitäten. Durch stark erhöhte Anforderungen für die Hauptstadt Berlin, für die Landesverteidigung und für die Industrie würden sich „Komplikationen“ bei Reparatur und Werterhaltung im Bezirk geben. Fakten untermauerten die Analyse.

Moniert wurde die schlechte Versorgung mit Konsumgütern. Pisnik schrieb, dass häufig Waren hergestellt würden, „die die Bevölkerung gar nicht haben will; auf der anderen Seite werden aber verlangte Waren in unzureichender Menge oder überhaupt nicht produziert“.

Wütender Parteichef

Als Alois Pisnik dies im Dezember auch noch auf einer Sitzung der SED-Bezirksleitung vortrug, hatte er aus Sicht der Parteiführung den Bogen überspannt. Wütend antwortete Honecker: „Du kritisierst und ihr habt selber schuld mit der Konsumgüterproduktion.“ Die DDR hätte im sozialistischen Lager den höchsten Versorgungsstand, der Sowjetunion gehe es viel schlechter.

Im Wendeherbst 1989 standen die Demonstranten auch vor der SED-Bezirksleitung in Magdeburg.
Im Wendeherbst 1989 standen die Demonstranten auch vor der SED-Bezirksleitung in Magdeburg.
Foto: Dieter Schmidt

Pisnik wurde zur Selbstkritik genötigt. Das reichte nicht: Das Politbüro schickte ihm eine Kommission auf den Hals, die „Arbeitgruppe für die Klärung einer Reihe grundsätzlicher Fragen in Durchführung der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED im Bezirk Magdeburg.“

Auf Solidarität in der Bezirksleitung konnte Pisnik nicht hoffen. Die Genossen hatten den drohenden Abgrund erkannt und wollten nicht mit hinabgerissen werden. Pisnik streute sich erneut Asche aufs Haupt, doch Günter Mittag ließ nicht locker. Bei einer Sitzung der Arbeitsgruppe im Januar 1979 ging er mit Pisnik ins Gericht: „Probleme, Genossinnen und Genossen, lassen sich überall finden und in manchen Fällen sogar erfinden.“ Die Lösungsvorschläge seien jedoch dürftig. Pisnik erkannte, dass er endgültig auf der Abschussliste stand und kam dem Rauswurf zuvor: Auf der Bezirksdelegiertenkonferenz im Februar 1979 kandidierte er nicht mehr für seinen Posten. Nachfolger wurde der 100-prozentig linientreue Kurt Tiedke, der kaum wusste, wo Magdeburg liegt.

Alois Pisnik wurde mit einem Sitz im Staatsrat der DDR abgefunden. Ein Repräsentationsorgan mit wenig Einfluss. Doch verlor der Steiermärker nie den Mann aus den Augen, der ihn geschasst hatte – den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker.