Technologie

20-Jähriger aus Dessau entwickelt Künstliche Intelligenz und gewinnt "Jugend forscht"-Sonderpreis

Lies mir von den Lippen - Ein Dessauer Abiturient entwickelt eine Künstliche Intelligenz für Gehörlose und Schwerhörige. Die noch junge Technologie kann automatisch Lippenlesen und lernt ständig dazu. Das wurde mit einem Sonderpreis belohnt.

Von Nico Esche 17.09.2021, 10:27
Abiturient Nam Pham Dinh - er entwickelte die Künstliche Intelligenz, die Lippenlesen kann.
Abiturient Nam Pham Dinh - er entwickelte die Künstliche Intelligenz, die Lippenlesen kann. Foto: privat/Yannick Pochner

Dessau-Roßlau - Der Dessauer Abiturient Nam Pham Dinh entwickelt ein System, das vielleicht das Leben von gehörlosen und schwerhörigen Menschen für immer verändern könnte.

Mit 17 Jahren hat Nam Pham Dinh sich das Programmieren von Software selber beigebracht, mit 20 entwickelte er bereits eine eigene künstliche Intelligenz (K.I.) und gewinnt Preise. Nicht Software-Guru Bill Gates oder Tesla-Genie Elon Musk sind seine Vorbilder, sondern Basketball-Legenden Kobe Bryant und Michael Jordan: “Wenn die beiden verloren haben”, so der Abiturient, “sind sie immer wieder aufgestanden und haben weitergekämpft.” Eigenschaften, die den Dessauer imponieren - und für das Programmieren von solch raffinierter Software, wie sie der Abiturient kreiert, von Vorteil sind.

Sonderpreisträger

Schwerhörige oder Gehörlose sind in ihrem Alltag auf Lippenbewegungen ihrer Mitmenschen angewiesen - vor allem dann, wenn diese keine Gebärdensprache beherrschen. Nam Pham Dinh fand eine Lösung für das Problem. Er entwickelte eine KI, die er mit Mundausschnitten Deutsch Sprechender aus Hunderten von Youtube-Videos fütterte und so trainierte. “An einem Sonntag habe ich im Fernseher den Bundestag geschaut und gesehen, wie ein Gebärdensprachler simultan übersetzt”, so Dinh. Dabei kam ihm die Idee die K.I. zu entwickeln. Aus Gebärdensprache wurde Lippenlesen.

Worte wie ‘Mutter’ oder ‘Bruder’, so unterschiedlich sie vom Sinn sind, unterscheiden sich wenig von ihrem sogenannten Mundbild. Gehörlose müssen sich in diesen Fällen oft selber zusammenreimen, was das Gegenüber meinen könnte. Die vom Dessauer entwickelte KI lernt aus den Videos.

Unterstützung für die Lippenlese-KI erhielt der Abiturient von Informatikprofessoren der Hochschule Anhalt in Dessau. Das “Minimalziel”, sagt Dinh, “wurde durch die Hilfe der Professoren weit übertroffen”. Auch hilfreich: Rechenleistung. Diese war an seinem heimischen PC zu schmal für die riesigen Datenmengen. Dinh: “Um die KI auszurechnen, hätte es an meinem Computer viele Nächte bis zur Vollendung gebraucht”. Eine Untertreibung. Allein: Die leistungsstarken Server der Hochschule sollen laut Dinh die KI einen geschlagenen Monat lang ausgerechnet haben - rund um die Uhr.

Was Dinh für seine Zukunft planz, erzählt er im Video-Interview. Kamera/Autor: Nico Esche - Schnitt/Specher: Samantha Günther

Noch steckt Dinhs System in den Kinderschuhen. So könnte daraus zum Beispiel eine App entstehen, die deutschsprachigen Gehörlosen und Schwerhörigen das Leben erleichtert.

Für seine Arbeit wurde Dinh mit dem Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) “Innovationen für Menschen mit Behinderungen” geehrt. Dieser wird im Rahmen des Landeswettbewerbs Sachsen-Anhalt der Stiftung “Jugend forscht” verliehen. Als ihm der Brief des CBM erreichte, sei es für ihn ein stolzer Moment gewesen, sagt er. Allerdings hätte er sich auch über den 1. Preis gefreut: “Den Sonderpreis nehme ich trotzdem gerne mit”, sagt er augenzwinkernd.

CMB-Vorstand Rainer Brockhaus zeigt sich von dem Projekt des Dessauer Abiturienten begeistert, betont: “Mit seiner Forschungsarbeit schafft Nam Pham Dinh eine Grundlage, die Kommunikation vieler Menschen mit Hörbehinderung im deutschsprachigen Raum zu erleichtern. Das ist eine großartige Leistung.” Er hebt hervor, dass die Nutzung der Technologie, sollte sie je marktfähig sein, kostengünstig und leicht verfügbar sein könnte. Beides oft unüberwindbare Hürden für Gehörlose oder Schwerhörige.

Die nahe Zukunft

Mit Dinhs Technologie könnte also vielen Menschen geholfen werden, sein Projekt ist dabei nur eines von vielen. Davor entwickelte er eine kleine Rakete, die automatisch landen kann. Ein anderes Projekt, ebenfalls eine KI, ließ aus Bildern Musik entstehen. Letzteres, so sagt er, sei nur eine Übung gewesen - eine Übung, die ihm den Deutschen Multimediapreis einbrachte.

Mit 17 brachte sich der Abiturient selber das Programmieren bei.
Mit 17 brachte sich der Abiturient selber das Programmieren bei.
Foto: Nico Esche

Nam Pham Dinhs nächstes Ziel ist ein Studium. Am liebsten sieht er sich an der Technischen Universität in Berlin. Dafür habe er bereits eine Zusage. Ob er dann an dem Projekt weiter arbeite, wisse er noch nicht. In ein paar Jahren möchte er vielleicht ein eigenes Start-up gründen, lieber noch als Wissenschaftler an einer Forschungseinrichtung arbeiten.

Ob er sich vorstellen kann irgendwann wieder zurück nach Sachsen-Anhalt zu kommen? Dinh: “Ich mag die Region. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Aber hier gibt es leider zu wenig Möglichkeiten, als Informatiker zu arbeiten”. Was er sehr bedauere, da ihm Dessau und die Region sehr am Herzen liege. Vielleicht im Technologie-Eldorado Silicon Valley arbeiten, bei Google oder Facebook, zwischen Bill Gates und Elon Musk? “Ne”, sagt er. “Da ist es mir viel zu warm.”