Wirtschaft

Azubis dringend gesucht: Gehen zu viele Kinder in Sachsen-Anhalt auf das Gymnasium?

Jahr für Jahr wechseln gut 40 Prozent der Grundschüler im Land aufs Gymnasium. Für das Handwerk bleiben zu wenige Interessenten übrig.

Von Alexander Walter
Weil aus Sicht der Handwerkskammern zu viele Kinder von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, bleiben zu wenige Interessenten für klassische Handwerksberufe übrig.
Weil aus Sicht der Handwerkskammern zu viele Kinder von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln, bleiben zu wenige Interessenten für klassische Handwerksberufe übrig. Foto: dpa

Magdeburg - Wenn sich Sachsen-Anhalts Viertklässler im Juli in die Ferien verabschieden, dürften sich erneut 4 von 10 fürs Gymnasium entschieden haben. Landesweite Daten fehlen noch. Je nach Region zeichnet sich aber ab, dass sich die Quote vergangener Jahre bestätigen wird: 41,1 Prozent wechseln etwa im Saalekreis aufs Gymnasium. Teils liegt der Anteil darüber (44,5 Prozent im Altmarkkreis Salzwedel). Einzelne Kreise bleiben zwar darunter (Mansfeld-Südharz, 34 Prozent).

Am Trend insgesamt aber dürfte das wenig ändern: Der Anteil der Schüler, die die Hochschulreife anstreben, verharrt auf hohem Niveau: Von landesweit 43 Prozent 2016/17 sank er nur marginal auf 41 Prozent (6954 von knapp 17.000 Schülern) im vergangenen Schuljahr.

Run aufs Gymnasium

Der Trend zeigt sich dann auch bei den Abschlüssen. Bei insgesamt steigenden Schülerzahlen nimmt der Anteil der Absolventen mit Hochschulreife in der Tendenz weiter leicht zu. Von 30,1 Prozent (5146 Schüler) im Schuljahr 2015/16 kletterte er bis 2019/20 auf 30,4 Prozent (5304).

„Es gibt einen anhaltenden Run aufs Gymnasium“, sagt Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg. Für sich genommen sei das kein Problem. Aber: Viele Abiturienten entschieden sich fürs Studium – oft in Unwissenheit über andere Karrierechancen. So sei ein Meister einem Bachelor gleichgestellt und berechtige zum Studieren. Zudem: „Viele Betriebe sind in naher Zukunft zu übernehmen, da Hunderte Inhaber vor dem Ruhestand stehen“, sagt Grupe.

1100 Bewerber weniger

Die Karrierechancen sind also bestens, die Ausbildungsberufe leiden trotzdem. Noch immer sind allein im Landesnorden 200 Lehrstellen aus dem Herbst unbesetzt. Gravierend wird die Lage dadurch, dass die demografische Basis schrumpft. Laut Industrie- und Handelskammer wird die Zahl potenzieller Azubis im Landesnorden zwischen 2008 und 2025 von 125.000 auf 76.400 zurückgehen (-39 Prozent). Bereits 2019/20 waren landesweit 1100 Bewerber weniger auf dem Markt als noch ein Jahr zuvor.

Die Handwerkskammer steuert mit unkonventionellen Mitteln dagegen. In Sprechstunden an der Uni Magdeburg sowie der Hochschule Magdeburg-Stendal versucht sie, Studienzweifler und Betriebe zusammenzubringen. Jeder einzelne Einsteiger hilft der Branche, sagt Grupe.

„Ausbildung ist praxisnah“

Einer, der sich für die Ausbildung entschieden hat, ist Jan-Hendryk Jablonski aus Gardelegen. Nach der Realschule erlernt er den Beruf des Kaufmanns für Büromanagement beim Maschinenbauer Bühring in der Börde. Seine Zwischenprüfung hat er bereits abgelegt.

Bereut hat er seine Entscheidung fürs Handwerk nie, sagt er. „Die Ausbildung umfasst viele Bereiche und ist praxisnah.“ Warum gehen nicht mehr junge Leute diesen Weg? „Das Problem ist auch der öffentliche Diskurs über die Sekundarschule und Berufswege jenseits des Studiums“, sagt Claudia Diepenbrock, Chefin des Sekundarschulverbands. „Wir brauchen hier einen Wandel.“