Medizin

Bläschen gegen Tumorzellen - Uniklinik Magdeburg testet Verfahren

An der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin wird seit Kurzem ein Hightechverfahren getestet, das erfolgreich bei der Therapie von Lebertumoren eingesetzt wird. Magdeburg ist europaweit das erste Klinikum, an dem ein Patient an einer Studie teilnimmt, die mit Mikrobläschen Krebszellen zerstört.

Von Bernd Kaufholz
Professor Maciej Pech (vorn) und sein Assistent Dr. Maximilian Thormann  (2. v. r.) bei der Behandlung von Lebermetastasen mit der „Bläschen-Therapie“ (Histotripsie)der ersten Patientin.
Professor Maciej Pech (vorn) und sein Assistent Dr. Maximilian Thormann (2. v. r.) bei der Behandlung von Lebermetastasen mit der „Bläschen-Therapie“ (Histotripsie)der ersten Patientin. Foto: Christian Morawe/UMMD

Magdeburg - Die heute 55-Jährige Patientin aus der Börde konnte auf einem Auge immer schlechter sehen. Sie ließ sich daraufhin vom Augenarzt untersuchen und der stellt keine einfache Sehschwäche fest, sondern ein sogenanntes Aderhautmelanom – ein Tumor im Auge.

Sie wurde operiert und der Eingriff schien erfolgreich zu sein. „Wie üblich bei Krebspatienten blieb Frau Müller (Name geändert) aber in der Nachsorge“, sagt Professor Maciej Pech. „Dabei wurden nach zwei Jahren Metastasen in der Leber festgestellt“, so der Chef der Uniklinik für Radiologie und Nuklearmedizin weiter. Der 52-Jährige, der 2006 von der Berliner Charité ans Magdeburger Universitätsklinikum gewechselt ist, sah die Möglichkeit, der Patientin mit einem neuen, hocheffektiven Verfahren gegen Leberkrebs, zu helfen. Die kranken Zellen werden dabei von außen mittels fokussiertem Ultraschall mechanisch zerstört.

Maciej Pech, Klinikchef „Grundlage ist eine klinische Studie, die europaweit zum ersten Mal am Magdeburger Universitätsklinikum angewandt wird“, so der Radiologe. „Zuvor wurde die sogenannte Histotripsie bereits in den USA innerhalb der Pilotstudie bei zunächst nur wenigen Patienten angewandt.“ Dr. Maximilian Thormann, Assistent des Klinikchefs, zeigt ein schuhkartongroßes Modell des Herzstücks der Hightech-Therapie. Die Längsseiten abgerundet, in der Mitte der Ultraschallkopf für die Therapieüberwachung.

Pech erklärt das Verfahren: „Über den Bauch des Patienten wird ein Wasserrahmen aufgebracht. Das wirkt wie beim herkömmlichen Ultraschall das Gel – es ermöglicht eine lückenlose Übertragung der Ultraschallwellen. Dann wird an einem Roboterarm der Ultraschallkopf eingetaucht. Auf dem Monitor sind die Tumorherde in der Leber zu erkennen.“ Der Ultraschall erzeugt in den Tumorzellen, die nacheinander gezielt „anvisiert“ werden, sogenannte Mikrobläschen und bringt sie zum Platzen. „Die kranken Zellen werden mechanisch komplett zerstört“, sagt Pech.  

„Im Gegensatz zu anderen Verfahren sogar bis auf die molekulare Ebene, ohne Zellreste.“ In nur einer Sitzung können aktuell bis zu drei Metastasen oder Haupttumore entfernt werden, das Verfahren soll später ausgeweitet werden. Einen weiteren großen Vorteil der Histotripsie sieht der Spezialist darin, dass das Verfahren schonend „ohne Schnitt und ohne Nadeln, die im Körper platziert werden, abläuft. Auch Infektionen, Hitzeschäden und Negativ-Auswirkungen von Strahlung werden vermieden. Diese Behandlungsart ist schmerzfrei, unblutig und speziell bei langwierigen Therapien ein großer Fortschritt.“ Hintergrund des Verfahrens ist, dass primär nur bei 20 bis 30 Prozent der Patienten mit multiplen Lebertumoren eine chirurgische Entfernung in Frage kommt.

„Zum Beispiel, weil  anatomische Einschränkungen vorliegen oder allgemeine gesundheitliche Probleme“, so der Professor. Mittels moderner radiologischer Verfahren können auch diese Patienten behandelt werden. Pech spricht von einem weiteren „Werkzeug in der Toolbox, dem Werkzeugkasten der Krebstherapie.“ Und sieht darin eine sinnvolle Ergänzung zur Chemotherapie und Operation. „Die Techniken und Therapien werden immer mehr auf den einzelnen Patienten zugeschnitten“, sagt er. Ein allgemeingültiges Rezept für die Behandlung von Krebs gebe es schon einige Zeit nicht mehr und die Spezialisierung und Individualisierung schreite immer weiter voran.

Prof. Maciej Pech, Chef der Uniklinik Radiologie und Nuklearmedizin in Magdeburg, mit dem "Mikrobläschen-Gerät" gegen Leberkrebs.
Prof. Maciej Pech, Chef der Uniklinik Radiologie und Nuklearmedizin in Magdeburg, mit dem "Mikrobläschen-Gerät" gegen Leberkrebs.
Foto: Bernd Kaufholz

Die Krebsspezialisten stünden nicht mehr allein auf weiter Flur. „Auch, wenn Patienten eine Pause zwischen den Chemos brauchen, den Kopf wieder frei bekommen und der Körper eine Regeneration braucht, können wir Radiologen und Nuklearmediziner mit schonenden Verfahren helfen.“ Warum immer mehr medizinische Hightechfirmen ihren Weg nach Magdeburg finden und es dem Universitätsklinikum ermöglichen, an Studien teilzunehmen, ist für Pech kein Geheimnis.

Natürlich können auch wir keine Wunder vollbringen

Maciej Pech, Radiologe

„Wir haben einen guten Ruf, weil wir Neuem sehr aufgeschlossen sind, weil die Firmen wissen, dass sie auf unsere Expertise bauen können und wir die Patienten kontinuierlich in unserer Nachsorge sehen.“ Der Spezialist betont allerdings mit Blick auf die Histotripsie-Therapie, dass „wir keine Wunder vollbringen können“. Auch der noch so modernen Medizin seien Grenzen gesetzt. Aber er spricht von „fantastischen Ergebnissen bei den bisherigen Therapien.

Ziel bei der Krebstherapie ist es, wenn eine endgültige Heilung nicht herbeigeführt werden kann, die akute Erkrankung in eine chronische zu überführen. Und er vergleicht es mit Diabetes. Ohne Insulin gebe es kaum eine Überlebenschance. Aber mit Medikamenten  können Patienten Jahrzehnte leben. Sowohl in den USA als auch in Europa soll die Zulassung der neuen Technologie beantragt werden. Kommende Woche werden zwei weitere Patienten, aus Harz und Salzlandkreis behandelt.