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Corona macht es Gesellen auf Wanderschaft schwer

Die Walz lebt vom Unterwegssein - Gesellen sammeln Erfahrungen bei verschiedenen Projekten und Unternehmen. Wie hat das in Zeiten der Corona-Pandemie mit Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Herbergen funktioniert?

Von dpa
Seit Jahrhunderten schon gehen junge Handwerker auf Wanderschaft, die meisten von ihnen sind Zimmerer, Tischler, Dachdecker oder Maurer. Wähend der Corona-Beschränkungen hatte es die Tradition besonder schwer. Foto: Rolf Vennenbernd/
Seit Jahrhunderten schon gehen junge Handwerker auf Wanderschaft, die meisten von ihnen sind Zimmerer, Tischler, Dachdecker oder Maurer. Wähend der Corona-Beschränkungen hatte es die Tradition besonder schwer. Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Magdeburg/Halle (dpa/sa) - Die Corona-Pandemie mit Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Herbergen hat es Handwerksgesellen auf der Walz schwer gemacht. Klassische Anlaufstellen wie die Städte und Handwerkskammern, die eine kleine Unterstützung zahlen, haben seit dem vergangenen Jahr teils deutlich weniger Gesellen empfangen.

Zimmermeister Klaus Schulze aus Halle sagte, die Kneipen seien lange geschlossen gewesen - inklusive der Zunftkneipen mit den Herbergen für die Wandergesellen gehörten. Es sei dann auf die Mildtätigkeit der Unternehmer angekommen. Insgesamt sind auch weniger Gesellen neu auf Wanderschaft gegangen, wie Schulze sagte, der sich für die Tradition engagiert. Von Abbrechern wisse er aber nichts.

Bei der Landeshauptstadt Magdeburg etwa sprachen nach 29 Gesellen im Jahr 2018 und 23 im Jahr 2019 im vergangenen Jahr nur noch 17 vor, in diesem Jahr bislang 6, wie eine Sprecherin mitteilte. Die Wandergesellen erhielten sechs Euro. In Halle gibt es eine Unterstützung von acht Euro und ein Siegel der Stadt ins Tagebuch. Eine Statistik wird nicht geführt, von etwa 50 Gesellen pro Jahr ist die Rede.

Die Statistiken der Handwerkskammern deuten einen Rückgang an: Nachdem in Magdeburg in den Jahren 2018 und 2019 noch neun und zwölf Zimmerer, Schreiner, Steinmetze, Maurer und Tischler vorsprachen, waren es im Jahr 2020 gerade noch drei - ein Tischler, eine Landwirtin und eine Tischlerin. In diesem Jahr sei es bislang nur ein Brauer und Mälzer gewesen.

Die Handwerkskammer Halle zahlte laut einer Sprecherin 2019 noch 210 Euro Wanderschaftsgeld aus, im vergangenen Jahr dann 165 Euro und in diesem Jahr bislang 105 Euro. Die Wanderjahre sind für Handwerkergesellen heute - anders als früher - Kür und keine Pflicht. Zahlen zu den Gesellen auf der Walz sind schwer zu bekommen. Nach Informationen der Handwerkskammer Magdeburg «tippelten» mit Stand Juli 2019 bundesweit rund 450 bis 500 Gesellen.

Die Handwerkskammer Magdeburg geht davon aus, dass die Walz nicht ausstirbt. «Wandergesellen wollen sich nicht nur weiterbilden und in fremden Sprachen und Kulturen zurecht finden. Sie ernähren sich von der eigenen Hände Arbeit, wechseln ständig den Ort, sind auf sich gestellt und lösen täglich neue Herausforderungen.» Dazu lebten sie eine traditionelle Solidargemeinschaft weiter, engagierten sich in sozialen Projekten und entwickelten soziale Kompetenzen. «Kein Stipendium, kein Hochschulnetzwerk bietet derartige Freiheiten, Herausforderungen oder Möglichkeiten.» Die Walz bereite bestens vor auf die Selbstständigkeit.

Die Regeln der «Tippelei» sind streng: So dürfen Gesellen bei Reiseantritt keine 30 Jahre alt sein und keine Schulden, Kinder oder Vorstrafen haben. Sie müssen die Gesellenprüfung bestanden haben und ledig sein. Gewandert wird drei Jahre und einen Tag, einzeln oder in der Gruppe. Wandergesellen bleiben nicht länger als drei Monate an einem Ort und dürfen sich ihrem Heimatort nicht mehr als 50 Kilometer nähern. Gereist werden darf nur zu Fuß oder per Anhalter, wer nach Übersee will, darf Schiff oder Flugzeug nutzen. Mobiltelefone sind tabu.