Handwerkskammer und IHK sind sich einig: Praktikum in fremdem Land wertet Ausbildung auf

Immer mehr Lehrlinge aus Sachsen-Anhalt

Von Vivian Hömke

Immer mehr Auszubildende aus Sachsen-Anhalt absolvieren während ihrer Lehre ein Praktikum im Ausland. Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer Magdeburg helfen bei der Suche nach einem passenden Betrieb.

Sachsen-Anhalt l Mindestens zwei Wochen, höchstens neun Monate - so lange dürfen Lehrlinge ihre Ausbildung im hauseigenen Betrieb unterbrechen, um ein Praktikum in einem Unternehmen im Ausland zu absolvieren. Und diese Chance nutzen laut Handwerkskammer Magdeburg immer mehr Auszubildende aus Sachsen-Anhalt.

Waren es 2009 nur vier Lehrlinge, die mithilfe der Mobilitätsberatung der Handwerkskammern des Landes ein Praktikum in einem ausländischen Betrieb absolvierten, wagten im vergangenen Jahr 24 Auszubildende diesen Schritt, informiert Leona Grulich. Sie arbeitet als Mobilitätsberaterin bei der Handwerkskammer in Magdeburg. Lehrlinge, die sich sich ohne die Hilfe der Kammern ein Praktikum gesucht haben, seien in der Statistik nicht erfasst.

Im Rahmen des Projektes "Berufsbildung ohne Grenzen" - einem Netzwerk von Mobilitätsberatern in Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammer - berät Leona Grulich künftige Weltenbummler zum Thema Auslandspraktikum und hilft bei der Suche nach einem geeigneten Betrieb. Auch junge Fachkräfte, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben, können sich an die Mobilitätsberatung wenden. "2012 gab es insgesamt knapp 660 Beratungen zum Thema Auslandspraktikum bei mir und meiner Kollegin Anja Haschberger in Halle", sagt sie.

Besonders (angehende) Friseure, aber auch Tischler seien reisefreudig. "Lehrlinge aus dem Baugewerbe sind diesbezüglich eher träge", erklärt Leona Grulich. Dass die Nachfrage aus dieser Branche eher gering sei, liege auch daran, dass viele Unternehmen eigene Projekte im Ausland laufen haben. "Und in Sachsen-Anhalt gibt es viele kleine Betriebe - die merken das, wenn ihr Auszubildender drei bis vier Wochen nicht da ist", fügt sie hinzu.

"Viele haben auch Angst, dass die Leute nicht mehr wiederkommen. Aber wenn es nach der Ausbildung gute Chancen im Betrieb gibt, bleibt der Lehrling auch hier." Ohne Zustimmung des Heimatbetriebes dürfe ein Auszubildender kein Praktikum im Ausland absolvieren, informiert die Mobilitätsberaterin.

Durchschnittlich vier Wochen bleiben die Praktikanten vor Ort. Mithilfe von Stipendien, beispielsweise durch das Förderprogramm Erasmus, kann der Aufenthalt teilfinanziert werden. Auch "die Ausbildungsvergütung wird während des Auslandaufenthalts vom Ausbildungsbetrieb weiter bezahlt", erläutert Leona Grulich.

Ein Praktikum in einem fremden Land, so Grulich, werte die Ausbildung auf, verbessere die Kommunikationsfähigkeit und später die Chancen am Arbeitsmarkt. Auch die persönliche Entwicklung der Lehrlinge werde gefördert.

"Es war eine sehr schöne Erfahrung, und die kann mir niemand mehr nehmen", sagt Henry Bode. Der 19-Jährige Tischler-Lehrling aus Magdeburg arbeitete im vergangenen Herbst vier Wochen lang bei einer Firma in Dungannon, Nordirland. "Ich empfehle solch ein Praktikum auf jeden Fall weiter", betont er. Das Gleiche sagt Sandra Schulze, Bürokauffrau beim Bildungsverbund Haustechnik in Magdeburg. Die 25-Jährige flog ebenfalls nach Nordirland. "Die Menschen dort sind sehr offen und das Arbeiten ist entspannter", sagt sie. Beide Magdeburger haben zudem ihre Englisch-Kenntnisse während ihres Aufenthalts vertiefen können.

"Die meisten wollen ihr Englisch verbessern und deshalb nach Großbritannien. Aber das kostet mehr", betont Mobilitätsberaterin Leona Grulich. Als Faustregel gelte: Je mehr Eigeninitiative, desto preiswerter die Suche nach dem Praktikumsplatz. "Es gibt aber auch ein ¿Rundum-Sorglos-Paket\'. Für 400 Euro sucht ein Praktikumsvermittler nach einem geeigneten Betrieb, kümmert sich um An-/ Abreise und beaDie Höhe der Finanzspritze variiert laut Grulich zwischen beispielsweise 1172 Euro für vier Wochen in Großbritannien und 671 Euro für Polen. "Dazu kommen jeweils 100 bis 335 Euro für die sprachliche Förderung", erklärt sie.

Schwieriger sei es, Lehrlinge aus dem Ausland nach Sachsen-Anhalt zu locken. "Auszubildende aus dem Ausland wollen lieber in Großstädte wie Berlin, Köln, München. Die Nachfrage in Sachsen-Anhalt hält sich in Grenzen." Dazu komme, dass viele heimische Betriebe zum Einen keine Zeit haben, sich um die Gäste zu kümmern und zum Anderen Angst vor der sprachlichen Barriere haben. "Wenn sie hier sind, kommen sie schon klar. Aber dass der Kontakt überhaupt zustande kommt, gestaltet sich schwer", erklärt Leona Grulich. Im vergangenen Jahr habe die Mobilitätsberaterin beispielsweise von sechs interessierten französischen Lehrlingen nur drei in Sachsen-Anhalt unterbringen können - zwei in Halle und einen in Magdeburg.

Weitere Informationen bei Mobilitätsberaterin Leona Grulich unter 0391 - 6268396 und im Internet auf www.bbz-bildung.de.