Studie

Institut für Wirtschaft will Deutschen den Urlaub streichen - Empörung bei Gewerkschaften in Sachsen-Anhalt

Das arbeitgebernahe Institut für Wirtschaft (IW) schlägt vor, dass mehr gearbeitet werden soll, um die Wirtschaft nach der Pandemie wieder anzukurbeln und damit Schulden abzubauen. Das sagen Vertreter der Gewerkschaften aus Sachsen-Anhalt dazu.

Von Tobias Hofbauer
Laut einer IW Studie sollen Arbeitnehmer mehr arbeiten, um die Staats-Schulden abzubauen. Foto:
Laut einer IW Studie sollen Arbeitnehmer mehr arbeiten, um die Staats-Schulden abzubauen. Foto: dpa

Magdeburg - Kaum kommt in all dem Corona-Chaos eine erste Erleichterung und Urlaubsstimmung auf, versetzt das Institut der deutschen Wirtschaft allen Arbeitnehmern einen deutlichen Dämpfer. Ginge es nach Empfehlungen der Wirtschaftswissenschaftler, sollte der Urlaub gekürzt und wöchentlich mehr gearbeitet werden.

Dabei schuften Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt bereits deutlich mehr als in anderen Bundesländern. Das zeigt eine Erhebung des statistischen Landesamtes aus dem Jahr 2019. Der Spitzenreiter: Das Jerichower Land, in dem die Arbeitnehmer im Durchschnitt 1463 Stunden jährlich ihrem Arbeitgeber zur Verfügung stehen. Der Landesdurchschnitt liegt mit 1439 über dem des Bundes mit 1383 Arbeitsstunden und auch über den Nachbarbundesländern Brandenburg mit 1395, Niedersachsen mit 1372 und Sachsen mit 1365 Stunden jährlich.

"Unkreativ, dreist und unsolidarisch"

Martin Mandel, Pressesprecher des deutsches Gewerkschaftsbundes (DGB) findet deutliche Worte für die Vorschläge des Instituts: „Der Vorschläge des Instituts der deutschen Wirtschaft sind nicht nur unkreativ und dreist, sondern in höchstem Maße unsolidarisch. Die Beschäftigten in Sachsen-Anhalt arbeiten bereits mehr als eine Woche länger und verdienen dabei deutlich weniger als im Bundesdurchschnitt. Corona hat die Situation auf dem Arbeitsmarkt nochmal verschärft." Nach Angaben des statistischen Bundesamtes haben Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt 2020 etwa 678 Euro (brutto) weniger als im Bundesdurchschnitt verdient.

Weiter erklärt er: Viele Beschäftigte – nicht nur in den systemrelevanten Branchen – arbeiten bereits am Anschlag und seien mit Home-Office, Home-Schooling und Kinderbetreuung zusätzlich belastet. Da müsse Entlastung her. "Dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nun die Zeche für die Krise zahlen sollen, ist blanker Hohn", ärgert sich Mandel.

Als konkreten Vorschlag nennt Mandel die kürzlich auf den Weg gebrachte Steuerreform des DGB, die mehr helfe, als mit Arbeitszeitverlängerungen und Urlaubskürzungen die Kosten der Pandemie zu bewältigen.

Auch Olaf Klenke, Landesbezirkssekretär Ost von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss Gaststätten (NGG) findet den Vorschlag untragbar: „Das sind Vorschläge aus der Mottenkiste. Die Arbeitnehmer arbeiten am Limit und sind irgendwann durch. Mit einem solchen Vorstoß werden nur menschliche Wracks produziert. Wenn das das Ziel sein soll, sollte das das nächste Mal bitte offen kommuniziert werden!“

Arbeitsstunden pro Monat in Sachsen-Anhalt.
Arbeitsstunden pro Monat in Sachsen-Anhalt.
Screenshot Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt

In ihrer Studie benennt das Institut den Schuldenabbau als vorrangiges Ziel. Gelingen soll das, indem "schlummernde Wachstumspotenziale" geweckt werden, wie es wörtlich in der Überschrift der Studie des IW heißt.

Die Zahlen sind aber durchaus alarmierend: Im Coronajahr 2020 ist die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 4,9 Prozent und die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um 4,8 Prozent eingebrochen. Die Zahl der Erwerbstätigen ging um 1,1 Prozent zurück.

Sollte der Staat jetzt nicht reagieren, würden sich ein noch viel größerer Schuldenberg als ohnehin schon auftürmen. Das würde laut Berechnungen des IW für Länder und Kommunen bis 2022 rund 650 Milliarden Euro neue Schulden bedeuten. Der deutsche Staat stünde dann mit insgesamt 2,7 Billionen Euro in der Kreide. Bislang waren bereits mögliche Steuererhöhungen oder die Rente mit 68 im Gespräch, um den Schuldenberg abzubauen.

Das Vorbild für die aktuelle Studie ist die Schweiz. Die Eidgenossen arbeiten länger und haben weniger Urlaub. Genau genommen zwei Stunden pro Woche mehr, nämlich 36 anstelle der 34, die Deutsche im Jahr 2019 im Durchschnitt gearbeitet haben. Würden die Arbeitnehmer dann noch auf eineinhalb Wochen Urlaub verzichten, würden die gewonnenen 7,7 Milliarden Arbeitsstunden für 6 Prozent Wirtschaftswachstum in den nächsten zehn Jahren sorgen, sagt das IW. 

Nicht beachtet wurde dabei das Renteneintrittsalter. Denn während in der Schweiz die Rente mit 64 für Frauen und 65 für Männer beginnt, müssen die deutschen Bundesbürger bis 67 Jahre arbeiten.