Landwirtschaft

Sachsen-Anhalt: Jeden Tag zehn Kühe weniger

Die Stimmung ist schlecht bei den Milchbauern im Land. Mit ihren Kühen erwirtschaften einige kaum noch Gewinne. Nach Dürrejahren fehlt das Geld für Investitionen.

Von Johannes Vetter
Werden seltener im Land: Milchkühe.
Werden seltener im Land: Milchkühe. Foto: dpa

Magdeburg - Willy Buchheim hat nachgerechnet. Genau 33,17 Cent bräuchte er für jeden Liter Milch, damit alle Kosten des Kuhstalls gedeckt sind. Doch der Betrieb, in dem der studierte Landwirt arbeitet, das Landgut Parchau bei Burg, bekommt nur 32,56 Cent je Liter von der Molkerei. Ein Geschäft, das sich nicht lohnt, schon seit längerem. „Der Bereich Milchviehhaltung macht seit Jahren keinen Gewinn“, betont der 32-Jährige.

Die Klagen der Milchbauern reißen nicht ab. Besonders laut waren sie zuletzt 2016 zu hören, als der Milchpreis zeitweise bei unter 25 Cent lag. Rund 40 Cent bräuchten sie, war von Verbänden immer wieder zu hören. Doch das bekommen die Bauern auch in diesen Tagen nicht. Einige haben aufgegeben, viele halten sich dennoch. Wieso?

Landwirte wie Buchheim verweisen auf Kreislaufeffekte. Kühe liefern Dünger für den Pflanzenbau, verwerten Grünlandgras. Mittels Biogasanlagen tragen sie sogar zur Energieproduktion bei. Schwierig wird es jedoch, wenn Investitionen nötig werden.

Globale Konkurrenz

Der Kuhstall des Landguts Parchau ist laut Buchheim 25 Jahre alt. Pläne für einen neuen Stall liegen schon in der Schublade. Doch ob es nach den zuletzt schwierigen Dürrejahren je dazu kommt, ist ungewiss. Buchheim sagt: „Wir sind nun an dem Punkt, zu fragen: Lohnt sich das noch?“

Matthias Sommer, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Helmsdorf im Landkreis Mansfeld-Südharz, verweist auf die globale Konkurrenzsituation der Landwirte. „Wenn Bauern hier aufgeben, merkt das niemand beim Einkauf im Supermarkt“, sagt er. Für einen Liter Milch bekommt auch er aktuell 32 Cent von der Molkerei. Mit rund 310 Kühen im Stall gehört die Agrargenossenschaft zu den mittelgroßen Milchviehbetrieben. Sommer wünscht sich keine staatlichen Eingriffe zur Unterstützung der Milchbauern. Er sagt, es müsse darum gehen, die Effizienz in den Betrieben zu steigern. Dann könnte auch die Zahl der Kühe erhöht werden.

Christian Schmidt von der Agrargesellschaft Siedenlangenbeck in der Altmark erinnert daran, dass der Milchpreis vor drei Jahrzehnten einmal um die 70 Pfennig pro Liter lag. Heute seien die Milchbauern auf demselben Niveau, obwohl alle Kosten gestiegen seien. Er redet von einem „knallharten Wettbewerb“. Die großen Handelsunternehmen drückten die Preise der Molkereien. Ihnen als Bauern bliebe dann kaum eine Wahl in den Preisverhandlungen mit den Molkereien. Diese würden immer wieder damit drohen, die Milch dann eben aus dem Ausland zu beziehen statt von den Bauern vor Ort.

Eine Nachfrage bei zwei großen Molkereien im Land zeigt jedoch die große Abhängigkeit von den Milchbauern vor Ort. Von der Bayerischen Milchindustrie (BMI), die eine große Molkerei in Jessen (Landkreis Wittenberg) betreibt, heißt es: „Mit ausländischen Milchlieferanten bestehen keine Verträge.“ Als Genossenschaft sei es primäres Ziel des Unternehmens, die „Milch bestmöglich zu verwerten und so den Milchpreis anzuheben“, teilt eine Sprecherin mit. „Wir arbeiten täglich daran, den Milchpreis am Markt zu verdienen“, betont sie.

Eine Sprecherin der Milchwerke Mittelelbe in Stendal berichtet: „Wir beziehen die Milch für unsere Produkte von Höfen im Umkreis von circa 100 Kilometern.“ Nur in Ausnahmefällen seien es auch 150 Kilometer, nur eine „geringe Menge Spezialmilch“ komme aus dem Ausland. Die sinkende Zahl der Kühe begründet die Sprecherin mit der Nachfragesituation: „Das steigende Interesse der Konsumenten an veganen Produkten wird sich langfristig auch auf die Anzahl der Milchkühe auswirken.“