Milchwirtschaft

Jeden Tag zehn Milchkühe weniger in Sachsen-Anhalt

Die Stimmung ist schlecht bei den Milchbauern in Sachsen-Anhalt. Viele beklagen einen hohen Preisdruck von Molkereien und Handelskonzernen. Mit ihren Kühen erwirtschaften einige kaum noch Gewinne. Nach mehreren Dürrejahren fehlt zudem das Geld für Investitionen.

Werden seltener in Sachsen-Anhalt: Milchkühe.
Werden seltener in Sachsen-Anhalt: Milchkühe. Foto: dpa

Magdeburg - Willy Buchheim hat nachgerechnet. Genau 33,17 Cent bräuchte er für jeden Liter Milch, damit alle Kosten des Kuhstalls gedeckt sind. Doch der Betrieb, in dem der studierte Landwirt arbeitet, das Landgut Parchau bei Burg, bekommt nur 32,56 Cent je Liter von der Molkerei. Ein Geschäft, das sich nicht lohnt, schon seit längerem. „Der Bereich Milchviehhaltung macht seit Jahren keinen Gewinn“, betont der 32-Jährige.

Die Klagen der Milchbauern reißen nicht ab. Besonders laut waren sie zuletzt 2016 zu hören, als der Milchpreis zeitweise bei unter 25 Cent lag. Rund 40 Cent bräuchten sie, war von Verbänden immer wieder zu hören. Doch das bekommen die Bauern auch in diesen Tagen nicht.

Einige haben aufgegeben. Das Statistische Landesamt verzeichnet von Mai 2015 bis November 2020 insgesamt 19.300 Milchkühe weniger. Pro Tag sank der Milchviehbestand des Landes damit durchschnittlich um zehn Kühe. 86 Milchviehhaltungen sind in dem Zeitraum verschwunden, zuletzt gab es noch 553. Die Zahl der Milchkühe in Sachsen-Anhalt betrug im November 2020 rund 108.000.

Milchbauern in Sachsen-Anhalt mit globaler Konkurrenz

Obwohl der Milchpreis für einige nicht kostendeckend ist, halten sie sich weiter am Markt. Landwirt Buchheim verweist dabei auf Kreislaufeffekte. Kühe liefern Dünger für den Pflanzenbau, verwerten Grünlandgras. Mittels Biogasanlagen tragen sie sogar zur Energieproduktion bei. Schwierig wird es jedoch, wenn Investitionen nötig werden.

Der Kuhstall des Landguts Parchau ist laut Buchheim 25 Jahre alt. Pläne für einen neuen Stall liegen schon in der Schublade. Doch ob es nach den zuletzt schwierigen Dürrejahren je dazu kommt, ist ungewiss. Buchheim sagt: „Wir sind nun an dem Punkt zu fragen: Lohnt sich das noch?“

Matthias Sommer, Geschäftsführer der Agrargenossenschaft Helmsdorf im Landkreis Mansfeld-Südharz, verweist auf die globale Konkurrenzsituation der Landwirte. „Wenn Bauern hier aufgeben, merkt das niemand beim Einkauf im Supermarkt“, sagt er. Für einen Liter Milch bekommt auch er aktuell 32 Cent von der Molkerei. Mit rund 310 Kühen im Stall gehört die Agrargenossenschaft zu den mittelgroßen Milchviehbetrieben.

Sommer wünscht sich keine staatlichen Eingriffe zur Unterstützung der Milchbauern. Er sagt, es müsse darum gehen, die Effizienz in den Betrieben zu steigern. Dann könnte auch die Zahl der Kühe erhöht werden.

Christian Schmidt von der Agrargesellschaft Siedenlangenbeck in der Altmark erinnert daran, dass der Milchpreis vor drei Jahrzehnten einmal um die 70 Pfennig pro Liter lag. Heute seien die Milchbauern auf demselben Niveau, trotz gestiegener Kosten. Er redet von einem „knallharten Wettbewerb“. Die großen Handelsunternehmen drückten die Preise der Molkereien. Ihnen als Bauern bliebe dann kaum eine Wahl in den Preisverhandlungen mit den Molkereien. Diese würden immer wieder damit drohen, die Milch dann eben aus dem Ausland zu beziehen statt von den Bauern vor Ort.

Molkereien beziehen kaum Milch aus dem Ausland

Eine Nachfragen bei zwei großen Molkereien im Land zeigt jedoch die große Abhängigkeit von den Milchbauern vor Ort. Von der Bayerische Milchindustrie (BMI), die eine große Molkerei in Jessen (Landkreis Wittenberg) betreibt, heißt es: „Mit ausländischen Milchlieferanten bestehen keine Verträge“. Als Genossenschaft sei es primäres Ziel des Unternehmens, die „Milch bestmöglich zu verwerten und so den Milchpreis anzuheben“, teilt eine Sprecherin mit. „Wir arbeiten täglich daran, den Milchpreis am Markt zu verdienen“, betont sie.

Eine Sprecherin der Milchwerke Mittelelbe in Stendal berichtet: „Wir beziehen die Milch für unsere Produkte von Höfen im Umkreis von circa 100 Kilometern“. Nur in Ausnahmefällen seien es auch 150 Kilometer, nur eine „geringe Menge Spezialmilch“ komme aus dem Ausland.

Die sinkende Zahl der Kühe begründet die Sprecherin mit der Nachfragesituation: „Das steigende Interesse der Konsumenten an veganen Produkten wird sich langfristig auch auf die Anzahl der Milchkühe auswirken.“