Vernichtung

Schmuggelware wird Ökostrom - Tabak, Medikamente und Plagiate verbrennen in Magdeburger Müllheizkraftwerk

Ein Container mit drei Tonnen Tabak, Medikamenten, Plagiaten und anderen vom Zoll beschlagnahmten Waren ist im Magdeburger Müllheizkraftwerk verbrannt worden.

Von Christoph Carsten
Im Müllheizkraftwerk Magdeburg-Rothensee holt der Greifarm die Schmuggelware aus 25 Metern Tiefe, um sie dem Brennofen zuzuführen.
Im Müllheizkraftwerk Magdeburg-Rothensee holt der Greifarm die Schmuggelware aus 25 Metern Tiefe, um sie dem Brennofen zuzuführen. Foto: Christoph Carsten

Magdeburg - Die Handgriffe sind routiniert: Konzentriert bewegt Kranführer Ulf Breuer vor seinen Bildschirmen sitzend den mobilen Greifarm, mit dem er 25 Meter weiter unten die sichergestellte Schmuggelware aus dem Müllbunker aufnimmt, um sie anschließend in die Brennkammer zu schicken. Alles geschieht unter den wachsamen Blicken der Zollbediensteten.

Die Ware, die an diesem Dienstag im Magdeburger Müllheizkraftwerk vernichtet werden soll, hat es in sich: 1,2 Tonnen Wasserpfeifentabak, rund 500.000 Zigaretten und ebenso viele Medikamente, außerdem Dopingmittel, gefälschte Kleidung und andere Plagiate werden den Flammen übergeben. Bei Temperaturen von bis zu 1100 Grad wird nicht viel von ihnen übrig bleiben.

500 000 Zigaretten stellte der Zoll sicher. Sie sollen ordnungsgemäß vernichtet werden.
500 000 Zigaretten stellte der Zoll sicher. Sie sollen ordnungsgemäß vernichtet werden.
Foto: Christoph Carsten

„Zweimal im Jahr vernichten wir auf diese Weise Asservate aus abgeschlossenen Steuerstrafverfahren oder rechtskräftig beschiedenen Zivilverfahren“, erklärt Jens Rothe vom Magdeburger Hauptzollamt. Schon am Morgen wurden rund drei Tonnen Schmuggelware auf dem Hof des Hauptzollamtes unter Aufsicht der Zollmitarbeiter in den Container verladen. Begleitet von Vollzugsbeamten wurde die brisante Fracht im Anschluss in das zwei Kilometer entfernte Müllheizkraftwerk Rothensee eskortiert.

Für Geschäftsführer Rolf Oesterhoff ist es ein bekannter Vorgang. „Das gehört zu unserer täglichen Arbeit“, sagt er. Seit Jahren unterstützt das Müllheizkraftwerk den Zoll und die Staatsanwaltschaften in Sachsen-Anhalt bei der fachgerechten Entsorgung von gefälschter Markenkleidung, Tabak aus Zollvergehen und beschlagnahmten Drogen. Vor allem der illegale Handel mit Cannabis sei in den vergangenen Jahren zum Thema geworden, sagt Oesterhoff. „Wenn irgendwo eine Plantage hochgeht, dauert es nicht lange und die Dinge kommen zu uns.“

Aus dem verbrannten Müll wird Fernwärme erzeugt

Mit den Waren, die Fahrer Torsten Bergner an diesem Vormittag vom Lkw über die Einwurfluke in die Tiefe schickt, ließe sich auf der Straße viel Geld verdienen. Allein bei dem beschlagnahmten Wasserpfeifentabak liege der Verkaufspreis zwischen 15 und 45 Euro pro Kilogramm, sagt Jens Rothe.

„Also beläuft sich der Wert zwischen 18.000 und 54.000 Euro“, rechnet er vor. Der verhinderte Steuerschaden – und dieser interessiere den Zoll vor allem – belaufe sich auf mindestens 26.000 Euro. Mit der Beschlagnahmung des Tabaks gingen den Fahndern vom Zoll professionell agierende Täter ins Netz: Neben dem Rohstoff konnten auch Chemikalien und weiteres Equipment für die Herstellung sichergestellt werden.

Im Müllheizkraftwerk Rothensee wird aus den sichergestellten Zigaretten, Drogen und Plagiaten Energie gewonnen. „Alles, was ankommt, geht durch den Ofen und erzeugt Heizwert“, sagt Rolf Oesterhoff. Mit 650.000 Tonnen Müll können rund 44.000 Magdeburger Haushalte ein Jahr lang mit Fernwärme versorgt werden.

50 Prozent des erzeugten Stroms im Müllheizkraftwerk sei darüber hinaus grüner Strom. „So leisten selbst beschlagnahmte Drogen noch ihren ökonomischen Part“, sagt Oesterhoff mit einem Augenzwinkern. Ein Teil der bei der Verbrennung entstandenen Schlacke wird später aufgearbeitet und geht als Baustoff wieder in den Verwertungsbaustoff ein.

Oft handele es sich bei den konfiszierten Schmuggelwaren um Zufallsfunde, etwa aus verdachtsunabhängigen Verkehrskontrollen, sagt Jens Rothe. Die Dunkelziffer sei hoch. Denn: „Jedes Markenprodukt, das gefälscht werden kann, wird auch gefälscht.“ Mit der Corona-Pandemie habe sich das Problem noch einmal verschärft: „Der Internethandel ist explodiert. Der illegale Markt entwickelt sich parallel dazu“, so der Experte.